222 Millionen Gründe für den Club gleich um die Ecke

Profifussball kann einen nicht erst seit dem Neymar-Transfer anekeln. Höchste Zeit, statt den Stars dem lokalen Verein zu folgen.

Weit weg von Neymar und Ronaldo und gerade deshalb ganz nah am Fussball: Provinzidylle in Winterthur. Foto: R. Szilagyi (Keystone)

Weit weg von Neymar und Ronaldo und gerade deshalb ganz nah am Fussball: Provinzidylle in Winterthur. Foto: R. Szilagyi (Keystone)

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Eigentlich ist das alles schon seit längerem nur noch schwer zu ertragen. Interessanterweise aber ist es nicht der Steuerbetrug der grössten Stars der Branche, der aufschreckt, nicht der Menschen­handel mit afrikanischen Fussballern und nicht die Korruption unter gierigen Funktionären. Es ist auch nicht die gruslige Anziehungskraft, die absolutistische Herrscher (und solche, die es noch werden wollen) auf die ­Entscheidungsträger im Fussball ausüben. Fifa-Präsident ­Infantino führt seine Altstars in Putins Russland aus, um Propaganda­material zu liefern? Egal. Das russische Macht­instrument Gazprom sponsert die Champions League: Na und? Das autoritäre ­Regime Aserbaidschans wirbt mit ­Atlético Madrid: Wen kümmerts? Fly Emirates, fly Qatar – aber gerne doch!

In der Vitrine des Potentaten

In Wallung geraten wir offenbar erst jetzt, bei diesem Transfer. 222 Millionen Euro für Neymar Junior, für einen einzigen Fussballer. Das ist wirklich zu viel! Kann denn ein Spieler so viel kosten? Und vor allem: Darf er das? Dabei liegt die Antwort auf der Hand: Natürlich kann Neymar so viel kosten. Und solange wir alle gebannt dort hinschauen, wo der Brasilianer seine von Talent gesegneten Füsse aufsetzt, wird es auch immer einen Potentaten oder einen geltungssüchtigen Multimilliardär geben, der ihn sich gerne in die private Sammlung stellt.

Weil er sich damit unsere Aufmerksamkeit kaufen kann. Und die ist verdammt viel wert. Zum Beispiel, wenn man wie der Emir von Katar gerade von den Nachbarstaaten bedrohlich in die Mangel genommen wird, da einem diese die Unterstützung von islamistischen Terroristen unterstellen.

Der Wechsel von Neymar zum katarischen Prestigeprojekt in Paris kann einen beelenden. «Der Profifussball hat sich in diesem Sommer von ethischen Werten und zivilgesellschaftlichen Errungenschaften endgültig und umfassend gelöst», schrieb die «Süddeutsche Zeitung» danach in einem bemerkenswert wütenden Artikel, nach dessen Lektüre man spontan den Drang verspürt, nie mehr Fussball zu schauen.

Tatsächlich ist der Entzug der Aufmerksamkeit die schärfste Waffe, die wir Fussballkonsumenten haben. Nur scheint es etwas unfair, wenn wir uns selbst kasteien müssen, um ein Zeichen zu setzen. Wer die Faszination des Spiels für sich entdeckt hat, will sich nun mal so schnell nicht wieder davon lösen.

Darum muss Neymars Transfer vielleicht nicht gerade der Moment sein, sich endgültig abzuwenden. Aber er ­bietet 222 Millionen Gründe, demnächst nicht mehr einzuschalten, wenn vor der Champions League Gazprom wieder ­einmal vorgibt, heimelige Wärme in die Stube zu bringen. Gehen wir stattdessen in das nächstbeste Stadion um die Ecke. Auch dort wird Fussball gespielt.

In der Gastronomie hat sich der Trend längst durchgesetzt: Kaum eine ernst zu nehmende Küche, die nicht auf regionale und saisonale Produkte setzt. Es ist an der Zeit, dass der Fussball folgt. Und Auswahl ist ja genügend da. Gerade in Zürich mit zwei Traditionsclubs in der höchsten Liga, dem FC Winterthur, der sich dahinter längst als eine Art biologisch-dynamisch-sympathischer Verein positioniert hat, und nicht zuletzt den FCZ-Frauen, die sicher nichts dagegen hätten, ihre nächsten Titel vor mehr als ein paar Hundert Zuschauern zu erobern.

Vielleicht sieht das Geschehen im Stadion um die Ecke etwas weniger leichtfüssig aus als bei Messi und muskeltechnisch nicht ganz so definiert wie bei Ronaldo. Aber abgesehen davon, dass doofe Frisuren und auf den Unterarm tätowierte Kindesnamen auch auf Schweizer Fussballplätzen bewundert werden können, überwiegen die Vorteile bei weitem.

Der durchgeknallte Bonus

All die grossen und kleinen Dramen, die gibt es nämlich auch hier. Sieg und ­Niederlage, Schweiss, Tränen, undurchsichtige Transfers; dazu, sozusagen als Bonus, immer wieder ein durchgeknallter Investor samt dramatischer Konkurs-Operette. Nur ist alles etwas kleiner und vor allem näher. Der Flügel ist ein Schnügel, der Stürmer verdient seinen Lohn nicht, die Verteidigerin beeindruckt mit Einsatz? Teilen Sie es ihnen mit – sie ­bewegen sich oft in Hörweite. Und vielleicht laufen Sie ihnen ja auch neben dem Platz mal über den Weg.

Versuchen Sie es, leihen Sie Ihrem lokalen Club für eine Saison Ihr Herz. Vielleicht merken Sie, dass sich ein herbeigesehntes Tor zum 1:1 in der 94. Minute besser anfühlt als Ronaldos 1000. Treffer in irgendeinem Clásico. Und nebenbei können Sie sich freuen, dass nicht Sie es mit Ihrem Pay-TV-Abo sind, der die Transfersummen der Grossclubs in noch abgedrehtere Sphären steigen lassen.

Mit Kindern mag es schwieriger sein. Der Gruppendruck all der Neymars und Pogbas auf dem Pausenhof ist gross. Aber da können Sie Ihre elterliche Autorität schärfen. Okay, den Fidget Spinner haben Sie noch gekauft. Aber beim Trikot heisst es ab jetzt: Nef statt Messi, Sigurjonsson statt Robben, Silvio statt Aubameyang. Kinder brauchen Grenzen, sie werden Ihnen später dankbar sein.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 08.08.2017, 23:11 Uhr

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Newsletter

Kurz, bündig, übersichtlich

Sonntags bis freitags ab 7 Uhr die besten Beiträge aus der Redaktion.
Newsletter «Der Morgen» jetzt abonnieren.

Kommentare

Blogs

Welttheater Big Ben verstummt
Blog Mag Das Auto, dein Partner
Mamablog Kinder beschimpfen

Abo

Abo Digital Light - 18 CHF im Monat

Unbeschränkter Zugang auf alle Inhalte und Services (ohne ePaper). Flexibel und jederzeit kündbar.
Jetzt abonnieren!

Die Welt in Bildern

Installationskünstler: Präsentation des Werks «Der Baum, der blinzelte» vom britischen Künstler Karel Bata in einem Nachtfestival in Singapur. Das Lichtspektakel findet vom 18. bis 26. August 2017 statt (16. August 2017).
(Bild: Wallace Woon) Mehr...