255 km Leiden für den Rekord

Setzt sich Fabian Cancellara am Sonntag an der Flandernrundfahrt durch, steht er sogar noch eine Stufe höher als Eddy Merckx.

Fabian Cancellara - hier auf einer Aufnahme von 2011 - siegte in Flandern bislang dreimal.

Fabian Cancellara - hier auf einer Aufnahme von 2011 - siegte in Flandern bislang dreimal. Bild: Keystone

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In der Toskana versprachen sie Fabian Cancellara, eine Strasse nach ihm zu benennen. Wenn er die Strade Bianche zum dritten Mal gewinne. Er gewann sie. In Flandern gibt es keine solchen Versprechen. Die Geschichte ist aber auch im flämischsprachigen Teil Belgiens der Antrieb des Berners. Ein vierter Sieg würde ihn am Sonntag zum Rekordsieger machen. In der 100. Austragung.

Cancellara stiege damit eine Stufe höher als fünf weitere Rennfahrer, denen an der Ronde Van Vlaanderen ebenfalls drei Siege gelangen. Nur drei, ist man geneigt zu sagen. Bei den anderen vier Radmonumenten waren die jeweiligen Dominatoren erfolgreicher, zum Teil deutlich: Eddy Merckx gewann Mailand– Sanremo siebenmal, Lüttich–Bastogne– Lüttich fünfmal. Fausto Coppi zählte ebenfalls fünf Erfolge – bei der Lombardeirundfahrt. Bei Paris–Roubaix totalisierten Tom Boonen und Roger De Vlaeminck jeweils vier Siege.

Agent 001 bei der Premiere

Rekorde hat Pol Deman kaum im Sinn, als er 1913 die erste Ausgabe der Flandernrundfahrt gewinnt. Die 324 Kilometer bewältigt er mit einem Stundenmittel von fast 27 km/h – mit einem Eingänger, der nahezu 20 Kilogramm wiegt! Auch dieses Radrennen ist die Erfindung eines Sportjournalisten, es soll die «Sportswereld» besser vermarkten. Demans Biografie ist nicht nur wegen seines Premierenerfolgs bemerkenswert. Ein Jahr später beginnt der erste Weltkrieg, der Belgier operiert als Spion – daher sein Übername «Agent 001». Deman wird jedoch enttarnt und kommt in Gefangenschaft, bis ihn die Amerikaner befreien. Danach kehrt er zum Radsport zurück und gewinnt 1920 auch Paris– Roubaix.

Die Flandernrundfahrt bleibt das Rennen der Belgier. In den ersten 32 Austragungen siegt nur einmal ein Ausländer: der Schweizer Heiri Suter. 1923 sind Suter, Landsmann Kastor Notter und der Luxemburger Nicolas Frantz die einzigen Nichtbelgier am Start. Suter gewinnt im Sprint einer dreiköpfigen Fluchtgruppe – im roten Trikot des Schweizer Meisters. Eine Woche später gelingt ihm Gleiches auch in Roubaix.

Erfinder mag nicht hinsehen

Es dauert dann bis 1949, als mit Fiorenzo Magni ein Gast die Einheimischen zu besiegen vermag. Es ist der erste von drei Siegen des Italieners in Serie, er erhält dafür den Übernamen «Löwe von Flandern», nach dem Wappentier der Region. Magni gewinnt mit zunehmender Überlegenheit. 1951 fährt er im strömenden Regen 75 Kilometer alleine voraus. Karel Van Wijnendaele, der Erfinder der Ronde, mag nicht mehr hinsehen. «Wir haben unsere Augen nur mehr, um zu weinen», wird er zitiert.

Der Fortgang der Geschichte dürfte dem chauvinistischen Gründer wieder besser gefallen haben. Insgesamt siegte bei den bisherigen 99 Austragungen 68- mal ein Einheimischer.

Entsprechend überrascht es auch wenig, dass unter den Dreifachsiegern primär Belgier figurieren – mit ganz unterschiedlichen Hintergründen. Achiel Buysse etwa ist Opportunist in schweren Zeiten: Er gewinnt drei Ausgaben, während sein Heimatland von den Nazis besetzt ist. In diesen Jahren des Zweiten Weltkriegs treten nur 100 statt den sonst 200 Velofahrern zum Rennen an.

Bemerkenswerter sind die drei Erfolge von Eric Leman (1970/72/73) – denn sie fallen in die Blütezeit von Eddy Merckx. Bei seiner Premiere hat Leman noch Glück: Sein Rivale erleidet kurz vor dem Ziel einen Plattfuss. Danach schlägt der Aussenseiter Merckx aber zweimal souverän im Sprint.

Museeuws 7 Millimeter

Der kleine Johan Museeuw verfolgt jene Rennen als Knirps mit – 20 Jahre später entwickelt er sich zu Flanderns nächster grosser Figur. Als solche holt er auch die grösste Ehre aus dem Ausland zurück: Den Übernamen des Löwen, wie sie einst Magni nannten. Nun ist er «De Leeuw Van Vlaanderen». Museeuw fährt Jahr für Jahr um den Sieg mit, gewinnt dreimal, steht fünf weitere Male auf dem Podest. Den vierten Rekordsieg verpasst er also mehrfach, nie knapper als 1994: Im Endspurt verschätzt er sich gegen Gianni Bugno im Timing, auf der Ziellinie fehlen ihm 7 Millimeter.

Anders als viele andere traditionelle Rennen entwickelt sich die Flandernrundfahrt über die Jahre weiter. Sprich: Sie wird immer anspruchsvoller. Um die Hellingen und Kasseien, die gepflasterten Hügel und Flachstücke der Region, schert man sich in der Anfangszeit noch nicht. Im Gegenteil: Sie werden, so gut es geht, umfahren. Das Rennen ist auch so genug anspruchsvoll. Heiri Suter muss 1923 bei seinem Sieg nur gerade zwei Hellingen bezwingen, den Tiegemberg und den Kwaremont.

Doch es sind diese steilen, holprigen Rampen, die zum Markenzeichen dieses Rennens werden, seinen Charakter ausmachen. So warten am Sonntag insgesamt 18 Hellingen und 5 Kasseien auf die Fahrer. Tom Boonen und Fabian Cancellara, die verbliebenen beiden Dreifachsieger, dürften dafür nur ein Schulterzucken übrighaben. Weil das Rennen so schwer ist, waren sie hier so erfolgreich.

Frites und Bier fürs Leben

Als grösstes Duell der beiden gilt das Rennen 2010. Erst distanziert das Duo die gesamte Konkurrenz. Dann widerfährt Boonen dasselbe Schicksal, als ihm Cancellara im steilsten Abschnitt der Mur von Geraardsbergen einfach davonfährt. Seither wurde Jahr für Jahr auf ein weiteres Duell der beiden gehofft, vergeblich. Vielleicht klappt es bei der letzten Gelegenheit? Denn Cancellara wird nächstes Jahr vom Strassenrand aus zuschauen, Pommes Frites in der Hand, mitten unter den Fans. Für die ist der Sonntag der Ronde heilig. Entlang der Strecke feiern sie ein Volksfest, ein so emotionales wie feucht-fröhliches. Wie sagte Cancellara kürzlich? «Vielleicht geben sie mir bei einem vierten Sieg den belgischen Pass. Oder Frites und Bier fürs Leben.» Es ist offensichtlich, was er lieber hätte.

Brügge–Oudenaarde, 255 km – die Favoriten

***** Sagan (SLK)

**** Cancellara (SUI), Greg Van Avermaet (BEL)

*** Vanmarcke (BEL), Kwiatkowski (POL), Kristoff (NOR)

** Boonen (BEL), Stybar (CZE), Benoot (BEL), Terpstra (NED)

* B. Hagen (NOR), Thomas (GBR), Pozzato (ITA), Roelandts (BEL), Démare (FRA)

Erstellt: 02.04.2016, 11:40 Uhr

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