300'000 Dollar für drei Sitzungen

Wie viel verdienen eigentlich die Spitzenfunktionäre im Sport? Unsere Recherche gibt einen tiefen Einblick.

Fifa-Präsident Infantino: 2,5 Millionen Dollar brutto im Jahr. Foto: Getty Images

Fifa-Präsident Infantino: 2,5 Millionen Dollar brutto im Jahr. Foto: Getty Images

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Der Mann stand für Seriosität: früherer Leiter des ZDF-Landesstudios Berlin, langjähriges Mitglied des Deutschen Bundestags. Reinhard Grindel schien als Präsident des Deutschen Fussball-Bundes die ideale Besetzung. Kürzlich aber trat der 57-Jährige von allen seinen Fussballämtern zurück, also auch von seinen Posten in der Fifa und Uefa.

Eine nicht deklarierte Uhr im Wert von 11'800 Euro war dem ohnehin schon schwer Angeschlagenen zum Verhängnis geworden. Dass er sie von einem Uefa-Kollegen bekommen hatte, nährte das Bild des zweifelhaften und geldgierigen Funktionärs zusätzlich. Doch stimmt dieses Bild und lässt sich in Führungspositionen olympischer Verbände, zu denen der Fussball zählt, wirklich leicht sehr viel Geld verdienen? Eine Rundschau.

Fifa: Die neue Transparenz um den Millionen-Infantino

Wer an korrupte Funktionäre denkt, hat den Zürichberg vor Augen und damit den Hauptsitz der Fifa. Doch die enormen Verfehlungen und Krisen des Königssports führten zu einer beispiellosen Transparenz. Von den 35 Verbänden, die das IOK an den Olympischen Spielen teilnehmen lässt, ist die Fifa bezüglich Gehälter der transparenteste.

Wer an hier Platz nimmt, kann auf üppige Entschädigung zählen: Konferenztisch am Fifa-Hauptsitz in Zürich. KEYSTONE/Manuel Lopez

Die Fifa führt dieses Ranking so klar an, weil fast alle anderen nicht einmal andeuten, wie sie ihre Topfunktionäre entlöhnen. Sie müssen es nicht, was dazu führt, dass so zentrale Olympiasport-Verbände wie die IAAF (Leichtathletik) nicht einmal einen Geschäftsbericht veröffentlichen. Handkehrum kann man sagen: Diejenigen Verbände, die einen publizieren, lassen fast alle interessanten Informationen weg.

Zu den grossen Ausnahmen zählt die Fifa. Da weiss man, wie viel Präsident Gianni Infantino pro Jahr erhält (siehe Kasten), Generalsekretärin Fatma Samoura oder die 37 Personen des Fifa-Rats. Wie also sind die rund 2,5 Millionen Dollar, die Infantino im letzten Jahr brutto verdiente, einzuschätzen?

Ex-DFB-Präsident Grindel: Ein Geschenk kam ihn teuer zu stehen. Foto: Keystone

Im Vergleich mit Sepp Blatter – dieser kam in seinem finalen Jahr 2015 auf 3,4 Millionen – hat der andere Walliser deutlich weniger erhalten. Allerdings stieg Infantinos Lohn stark. 2016 und 2017 wurden ihm 1,5 Millionen überwiesen. Insofern scheint er Blatter näherzukommen. Jener vergoldete seine Arbeit allerdings über WM-Boni. Allein für die WM 2014 stand ihm einer in der Höhe von 12 Millionen zu. Von solchem Geldregen ist Infantino weit entfernt. 2016/17 bekam er keinen Bonus, 2018 einen von 555'000 Dollar. Irdischer wird Generalsekretärin Samoura entlöhnt. Ihr Vorgänger durfte sich innert knapp zehn Jahren über WM-Boni im zweistelligen Millionenbereich freuen. Daran kann Samoura nicht einmal im Traum denken. Ihr Bonus für 2018: 195'000 Dollar.

Trotzdem muss auch in der erneuerten Fifa kein führender Funktionär darben. Wer als einer von 37 im Fifa-Rat sitzt, erhielt im letzten Jahr zwischen 250'000 und 300'000 Dollar netto – für drei Sitzungen. Hinzu kamen Reisespesen und Taggeld von 250 Dollar. Diesem Gremium gehörte der eingangs erwähnte Reinhard Grindel an. Weil er zudem Uefa-Vizepräsident war – dies brachte ihm 250'000 Euro für maximal sechs Sitzungen im Jahr ein – und er für zwei Sitzungen in einer Verwaltungsgesellschaft des DFB 78'000 Euro erhielt, ersass sich Grindel: umgerechnet 620'000 Franken für elf Sitzungen. Fürs DFB-Präsidium kamen nur darum bloss 7200 Euro pro Monat hinzu, weil er auf den vollen Lohn von 14'400 verzichtete. Grindel verdiente mit zeit­lichem Minimaleinsatz viel Geld. Erst muss man es aber zu einem so erfolgreichen Multisportfunktionär bringen. Klar ist trotzdem: Wenn man es wie Grindel einmal in die Fussballspitzen geschafft hat, sind die Summen, die sich verdienen lassen, immens.

Dass Grindel seine Karriere ­darum wegen einer Uhr im Wert von 11'800 Euro aufgeben musste, offenbart, wie unsensibel bis dümmlich sich mancher Topfunktionär noch immer verhält – oder für wie normal er es weiterhin empfindet, mit einem derartigen Geschenk beglückt zu werden.

IOK-Präsident Bach: Ehre statt Lohn. Foto: Getty Images

Der neueste Fifa-Geschäftsbericht führt zu weiteren Einsichten, die kurioseste ist: Selbst die unter «unabhängigen Kommissionen» geführten Gremien-Vorsitzenden werden grosszügig bedacht. So ­erhielt der Vorsitzende der Audit- und-Compliance-Kommission, Tomaz Vesel, eine Jahresvergütung von 246'000 Dollar. Wie ­Vesel da unabhängig sein kann, wenn er direkt von der Fifa bezahlt wird, ist rätselhaft. Gleiches gilt für Maria Claudia Rojas (246'000 Dollar) und Vassilios Skouris (215'000), die Vorsitzenden der Ethikkommissionen.

Im Fall von Vesel, dem Präsidenten des slowenischen Rechnungshofs, kommt hinzu: Er dürfte seine Kommission gemäss Richtlinien gar nicht führen, weil er zuvor in seinem Fussball-Heimatverband arbeitete. Die Viertelmillion erhält er trotzdem. Dass er da auf seine 35'000 Dollar verzichtet, die ihm als Mitglied der Arbeitsgruppe zur ­WM-Bewerbungsevaluation 2026 zustünden, ist der Fifa hingegen wichtig auszuweisen. Auffallend ist auch: Viele Funktionäre sind im Minimum Doppelverdiener, bekommen also von Fifa und Heimatverband ­gutes Geld. Die Kommissionsmitglieder wiederum haben oft erfolgreiche Berufskarrieren hinter sich und nutzen ihre Reputation nun für stattliche Zusatzverdienste.

IOK: Das Präsidium muss man sich leisten können

Den Gegenentwurf zur Fifa bildet das Internationale Olympische Komitee. Obschon es Milliarden einnimmt, hält es seine 95 Repräsentanten bescheiden. Sie müssen sich mit einem Sitzungsgeld von maximal 900 Dollar pro Tag plus einer Administrationspauschale von 7000 Dollar pro Jahr begnügen. Denn: Teil des IOK zu sein, ist Ehre genug. Schliesslich verdienen diese Auserwählten ausreichend, viele von ihnen sind Multisportfunktionäre. Da soll man zumindest den olympischen Dienst ohne monetäre Anreize erbringen. Darum erhält Präsident Thomas Bach null Dollar Lohn – bekam aber Ausgaben von 286'000 Dollar vergütet und die Steuern bezahlt.

Bach legt also zumindest nicht drauf, muss sich das Präsidium wie seine Vorgänger aber leisten können. Seine Millionen verdiente er als Wirtschaftsanwalt. Vorgänger Jacques Rogge war Chirurg.

UCI: Die teuren Reisen des Radpräsidenten

Zu den transparenten Verbänden bezüglich Präsidentenlohn zählt der Internationale Radsportverband (UCI). 394'000 Franken brutto wurden dem Franzosen David Lappartient für 2017 bezahlt. Damit verdiente er im Bereich seines Vorgängers, aber klar weniger als der langjährige Präsident Pat McQuaid (450'000). Auffällig bei Lappartient, dem Bürgermeister einer bretonischen Kleinstadt: Er wies Reisekosten von 102'000 Franken aus, womit er im Schnitt pro Monat 8500 ausgab. Zum Vergleich: Der Mindestlohn eines Neoprofis der höchsten Stufe beträgt umgerechnet knapp 36'000 Franken pro Jahr. Die besten Radfahrerinnen bekommen erst ab 2020 einen Mindestlohn: 17'000.

Restliche Verbände: Satte Sprünge in kurzer Zeit

Zu den wenigen olympischen Verbänden, die 2017 ebenfalls den Lohn des Präsidenten auswiesen, gehören: Triathlon (188666 Dollar), Tischtennis (94233 Dollar) und Badminton (62'500 Dollar). Allerdings weiss man bei keinem, ob es sich um den Netto- oder Bruttolohn ­handelt. Was man weiss: Der Lohn der Triathlon-Präsidentin und des Tischtennis-Präsidenten nahm innert weniger Jahre um 50 Prozent zu. Der Badminton-Präsident bekam 2016 noch gar kein Gehalt.

Wada: Die Dopingbekämpfer verdienen sehr gut

Zwar zählt die Welt-Anti-Doping-Agentur Wada nicht zum olympischen Sport, wacht aber über ihn. Darum ist interessant, was die Wada-Spitze für diese Funktion erhält. Die Geschäftsleitung, die aus 13 Personen bestand, erhielt 2,3 Millionen Dollar netto plus Boni. Zum Vergleich: Im ­selben Zeitraum 2017 gab die Wada für die Forschung – einen der Kernbereiche – die gleiche Summe aus.

(Redaktion Tamedia)

Erstellt: 17.04.2019, 06:33 Uhr

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