«Aber nein, das stimmt doch gar nicht!»

Valentin Stocker wehrt sich nach seiner Rückkehr zum FC Basel gegen alte Geschichten und erklärt, warum er als sensibler Spieler gilt

Nach dreieinhalb Jahren ist Valentin Stocker zurück beim alten Club und sagt, dass er sich beides vorstellen kann. Dass es nicht klappen wird, oder aber, dass es sehr gut klappen wird Foto: Toto Marti/Blick/Freshfocus

Nach dreieinhalb Jahren ist Valentin Stocker zurück beim alten Club und sagt, dass er sich beides vorstellen kann. Dass es nicht klappen wird, oder aber, dass es sehr gut klappen wird Foto: Toto Marti/Blick/Freshfocus

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Als Sie im Sommer 2014 Basel verliessen, hatten Sie das Gefühl, alles gesehen zu haben, was der FCB zu bieten hat. Jetzt sind Sie zurück – warum?
Ich habe ja immer gesagt, dass ich einmal zurückkehren möchte. Dass es jetzt geklappt hat, macht mich glücklich. Mir ging es in dem Moment darum, dass ich noch etwas Neues erleben wollte. Es ist ja klar, dass du den Schritt wagst, wenn du an einem Ort das Maximum ­erreicht hast – und dann in die Bundesliga kannst.

Wenn Sie sagen, dass Sie in Basel das Maximum erreicht haben, dann gilt das für Ihre Zeit in Berlin aber kaum?
(lacht) Gut, ich denke, das ist eine Definitionsfrage. Es war von Anfang an klar, dass ich in Berlin nicht um den Titel spielen werde. Ich habe ein erstes Mal in meiner Karriere einen Abstiegskampf erlebt. Und den haben wir unglaublich souverän gemeistert (lacht, Hertha rettete sich 2015 dank der Tordifferenz vor der Barrage, Red.). Das mag für Sie komisch klingen, aber für mich war das trotzdem eine erfolgreiche Zeit. Ich habe in jener Zeit sehr viel Wertschätzung erlebt. Mir wurde auch bei meinem Abschied gesagt, dass man mir das in Berlin nicht vergisst.

Was ist denn in der aktuellen Saison passiert? In Berliner Zeitungen hiess es, Sie seien zu langsam für Trainer Pal Dardai?
Schwieriges Thema. Ich habe weiter ein sehr gutes Verhältnis mit den Leuten in der Chefetage von Hertha, etwa mit Sportdirektor ­Michael Preetz. Darum möchte ich nicht ins Detail gehen oder persönlich werden. Ich hatte schwierige Zeiten, aber auch immer wieder Phasen, in denen ich Stammspieler war. Ich gehe jedenfalls nicht davon aus, dass ich nicht gespielt habe, weil ich zu langsam bin.

In Basel freuen sich die Leute sehr über Ihre Rückkehr. Haben Sie das schon bemerkt?
Das spüre ich extrem. Ich habe das auch in Berlin wahrgenommen. Es sind unglaublich viele Menschen gekommen, um mich im Training zu besuchen. Ich war immer total überrascht, weil ich dachte, die Leute seien wegen der Stadt da und dann halt auch noch ins Training gekommen. Aber die meisten ­kamen tatsächlich wegen mir – und sind daneben auch noch die Stadt anschauen gegangen. Das waren Momente, die mich emotional stark berührt haben.

Wissen Sie, warum die Basler Sie so sehr mögen?
Nein. Mir fällt auf, dass es in meiner Karriere sehr wenige Grau­zonen gibt. Entweder ist es ein Kampf, ich bin verletzt, oder ich stehe stark in der Kritik und muss mich gegen Angriffe wehren. Und auf der anderen Seite gab es sehr oft Momente, in denen ich stellvertretend für das Team im richtigen Moment am richtigen Ort war.

Und das eigentlich gleich von Beginn weg.
Am Anfang war ich unter Christian Gross verletzt, da hat sich niemand für mich interessiert – was ja voll okay ist. Dann haben sich 2008 einige Spieler verletzt, Christian hat mich im Cup-Halbfinal gebracht, und wir haben die letzten vier Spiele im Titelrennen gewonnen. Und im Cupfinal war ich dann wieder auf der Tribüne (lacht). Und so war es eigentlich immer: Entweder es war super toll oder es war super schlecht. Vielleicht sind es diese Höhen und ­Tiefen, die die Fans berühren.

Und andererseits nerven Sie die Leute ausserhalb von Basel …
… nein, nein.

Doch, viele Berner …
… aber nein, das stimmt doch gar nicht! Diese Idee kommt vielleicht von früher, als gewisse Zeitungen versucht haben, mich in ein Schema zu drücken. Aber ich hatte nie irgendein Problem in anderen Städten. Ich war als FCB-Spieler oft in Zürich essen, ich war in Bern einkaufen, und die Leute sind gekommen, um Fotos mit mir zu machen. Aber es ist klar, wenn du als Fan seit x Jahren einen Meister­titel willst – und ich stehe auf dem Platz und mache für den Gegner das 1:0 und bereite das 2:0 vor …

… was Sie zweimal in einer Finalissima gegen die Young Boys gemacht haben …
… dann ist ja klar, dass mich nicht alle toll finden. Ist doch okay. Aber ich selbst habe das nie so erlebt. Als ich zum Beispiel im Nationalteam in letzter Minute das Tor gegen Ungarn erzielt habe, haben mich danach ganz viele Leute angesprochen und gesagt, wie sehr sie sich für mich freuen.

Und doch gibt es wenige Spieler, die allein durch ihre Anwesenheit so heftige Reaktionen auslösen wie Sie im Stade de Suisse. Könnte das daran liegen, dass Sie als feingliedriger Spieler, der zu Beginn viel gefoult wurde, mit der Zeit angefangen haben, selbst dagegenzuhalten?
Es ist ja normal, dass man körperlich mit der Zeit noch robuster wird, wenn man als 18-Jähriger Profi wird. Ich selbst mochte schon immer die Matchs, in denen es körperlich zur Sache geht. Ich habe mich nie beschwert, wenn jemand gegen mich hart gespielt hat. Aber dann muss sich der andere auch nicht beschweren, wenn ich selbst hart spiele. Probleme hatte ich bislang eigentlich mit niemandem. Ich habe eingesteckt, der andere hat eingesteckt. Fussball ist nun mal ein Kontaktsport.

Jetzt ziehen Sie wieder in die Innerschweiz?
Ja.

Sind Sie nicht zum Stadt­menschen geworden in Berlin?
Doch, aber dortbleiben konnte ich ja schlecht (lacht).

Welche Tipps können Sie Berlin-Reisenden geben?
Also, ich gebe hier sicher keine Geheimtipps preis. Berlin ist immer eine Reise wert, schon nur wegen der geschichtlichen Hintergründe. Und dann gilt es auch als Hauptstadt des vegetarischen Essens.

Sie haben dort begonnen, sich bewusster zu ernähren?
Das hat nicht erst in Berlin angefangen. Ich habe mich schon zuvor mit den Tierhaltungsgesetzen in der Schweiz beschäftigt, mit Massentierhaltung, mit dem Einsatz von Antibiotika in der Mast. Mit der Zeit habe ich für mich selbst beschlossen, dass ich nur noch Fleisch essen will, dessen Herkunft ich moralisch vertreten kann. In Berlin kam dann die Frage dazu: Muss es immer Fleisch sein?

Und Ihre Antwort lautet?
Ich möchte niemandem etwas vorschreiben. Ich esse noch zweimal in der Woche Fleisch, etwas Fisch – ansonsten ernähre ich mich vegetarisch. Aber ich weiss, dass nicht jeder meine finanziellen Möglichkeiten hat und Bio-Fleisch vom ­Ueli-Hof kaufen kann. Was aber jeder im Rahmen seiner Möglichkeiten tun kann: sich fragen, was er braucht und wie viel er davon braucht. Es wäre schön, wenn sich ein paar Leute durch dieses Interview angesprochen fühlen würden.

Themenwechsel: Sind Ihnen schon alle Jassfragen gestellt worden, seit Sie wieder beim FCB sind?
Ja. Man erinnert sich halt an mich zurück – und dann kommen diese alten Zöpfe. Das merke ich in all den Interviews, die ich jetzt gebe. Sie sind eben gerade mit den gegnerischen Fans gekommen, andere fragen nach dem Jassen. Es gab da diese Jassrunde (mit Marco Streller, Alex Frei und Fabian Frei, Red.), das war eine tolle Zeit. Aber im Moment habe ich nicht das ­Bedürfnis, dauernd Karten zu spielen. Es ist vorbei – und so ist es mit vielen Dingen. Es sind jetzt dreieinhalb Jahre vergangen, ich habe mich verändert.

Aber die Leute in der Schweiz sehen in Ihnen eben immer noch den Valentin Stocker, der im Sommer 2014 gegangen ist. Sie tragen Ihre Vergangenheit wie einen Rucksack mit sich. Wird das zur Belastung?
Ich sehe das sehr pragmatisch. Ich kann mir vorstellen, dass es in Basel nicht klappen wird. Ich kann mir aber auch sehr gut vorstellen, dass es super gut funktioniert. Jetzt freue ich mich erst mal, dass ich im rot-blauen Trikot mit der 14 auf dem Rücken auflaufen kann.

Marco Streller war beim FCB einst ihr väterlicher Freund. Jetzt ist er Ihr Sportchef. Ist diese Nähe ein Problem – oder ist es gut, dass er zwei Hierarchiestufen über Ihnen steht?
Ja, wäre er Trainer, wäre es sicher schwieriger. Die Leute wissen, was Marco und mich verbindet. Diese Vergangenheit kann uns niemand nehmen. Viele Gedanken habe ich mir nicht gemacht, wie es sein wird. Wenn ihm etwas nicht passt, wird er es mir sagen. So, wie er das bereits als Spieler auf dem Feld getan hat. Gleichzeitig habe ich ihm damals ja auch schon gesagt, wenn mir etwas nicht gepasst hat. Wir müssen uns gegenseitig nicht mit Samthandschuhen anfassen.

Sie gelten als sensibler Spieler, der Mühe hat, wenn er den Draht zum Trainer nicht findet.
Diese Frage erübrigt sich doch. Wer arbeitet schon lieber in einer miesen Stimmung? Wenn du erfolgreich in einer positiven Umgebung gearbeitet hast, willst du das wieder erleben. Ich kenne niemanden, der es toll findet, wenn er vom Trainer jeden Tag blöd angemacht wird und darum am Morgen schon mit Angst in die Garderobe geht. Ich habe solche Zeiten erlebt.

Also sind Sie gar nicht so sensibel, wie es immer heisst?
Es gibt zwei Wege zum Erfolg. Entweder du setzt die Spieler unter Druck. Oder du nimmst sie in die Pflicht, indem du ihnen Verantwortung überträgst. Natürlich bin ich ein sensibler Mensch. Vor ­allem aber werde ich lieber in die Pflicht genommen, als dass ich erpresst werde. (SonntagsZeitung)

Erstellt: 27.01.2018, 22:07 Uhr

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