«Ach, das war eine unnötige Geschichte einer Zeitung»

Haris Seferovic ist erst 23, hat aber in seiner Karriere so viel erlebt wie andere in 20 Jahren nicht. Er spricht über seinen komplizierten Weg nach dem U-17-WM-Titel.

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Schlanke 75 Minuten zu spät, bedingt auch durch einen Stau, erscheint Haris Seferovic zum Interviewtermin auf der Geschäftsstelle von Eintracht Frankfurt. Er ist leger gekleidet, mit breitem Cap, modischen grauen Trainerhosen und einem weissen Muskelshirt, welches die zahlreichen Tattoos am Arm nicht verbirgt. Im Gespräch ist Seferovic freundlich, wobei man seine Medienerfahrung aus der Bundesliga spürt. Auf die erste Frage, ob das der beste Haris Seferovic sei, den es bisher gegeben habe, beginnt er seine Antwort mit: «Wie gesagt». Dann aber lässt er die Plattitüden sein und gibt Auskunft über seine bewegte Karriere.

Haris Seferovic: Es geht immer noch besser. Aber das ist die erste Saison im Profifussball, die ich durchspiele, davon profitiere ich natürlich.

Wieso läuft es Ihnen bei Frankfurt so gut?
Es passt alles, Verein, Mitspieler, Trainer, Stadt. Ich gebe Vollgas, habe mich aber als Fussballer und vom Lebensstil her nicht geändert. Ich ernährte mich immer gesund und lebte für den Sport. Ich bin sehr ehrgeizig, ein Tor will ich noch erzielen, dann habe ich zehn Treffer diese Saison.

Zuletzt herrschte ein wenig Unruhe in Frankfurt, weil die Mannschaft mit dem Trainer Thomas Schaaf Probleme habe.
Ach, das war eine unnötige Geschichte einer Boulevardzeitung. Es gibt keinen Ärger. Wenn man mal nicht punktet, gibt es sofort Schlagzeilen, das gehört dazu.

Beim 3:1 gegen Hoffenheim erzielten Sie ein wunderschönes Aussenristtor. War das der schönste Treffer Ihrer Karriere?
Nein, nein, es gab schönere. In der Champions League zum Beispiel erzielte ich mal ein herrliches Tor für San Sebastián.

Haris Seferovic ist erst 23 Jahre alt, aber er hat in den letzten sechs Saisons mehr erlebt als andere Fussballer in 20 Jahren nicht. Als 17-Jähriger debütierte er für GC in der Super League und wurde mit der Schweiz U-17-Weltmeister, wobei er an der Weltmeisterschaft in Nigeria als Torschützenkönig brillierte – und im Final gegen den Gastgeber das 1:0-Siegestor erzielte. Noch mit 17 unterschrieb er einen Vierjahresvertrag bei der Fiorentina, wo er sich aber nicht durchsetzte und immer wieder ausgeliehen wurde. Zuerst zu Xamax, wo Seferovic unter dem chaotischen Regime Bulat Tschagajews litt und schliesslich rausgeworfen wurde, dann zu Lecce und zu Novara in der Serie B, wo der Youngster zehn Tore in 18 Einsätzen schoss.

Vor 2 Jahren folgte der Transfer zu Real Sociedad San Sebastián, wo es Seferovic nach fantastischem Start bald nicht mehr lief. Er sorgte für Schlagzeilen abseits des Rasens, mit unglücklichen Social-Media-Bildern und einer Nacht auf dem Polizeiposten, nachdem er lauten Streit mit seiner Freundin in einer Bar gehabt hatte. Das riesengrosse Potenzial vermochte Seferovic selten abzurufen. Er ist ein torgefährlicher, enorm fleissiger, spielstarker Angreifer. Ab und zu erzielte er auch früher ein schönes oder wichtiges Tor, beispielsweise für das Nationalteam im Sommer 2013, als er mit einem Last-Minute-Treffer gegen Zypern (1:0) das Tor zur WM 2014 weit aufstiess. Und an der Weltmeisterschaft in Brasilien, als Seferovic im Startspiel in der 93.Minute zum 2:1 gegen Ecuador traf.

Der Wechsel zu Frankfurt vor einem Jahr war wie eine Flucht, es war ein Neuanfang und das grosse Glück für den gebürtigen Bosnier, der in Sursee aufwuchs.

Sind Sie eigentlich zufrieden, wie Ihre Karriere bisher verlief?
Damit, wo ich heute stehe, bin ich sehr zufrieden. Ich habe in vier Ländern gespielt, mich kann nicht mehr so viel überraschen. Im Rückblick würde ich manchen Weg anders wählen, aber das geht ja nicht. Ich habe viel erlebt und weiss, wie man reagieren muss, wenn es nicht gut läuft.

Was würden Sie am liebsten anders machen?
Man weiss vorher nie, wie es ausgeht...

...aber was würden Sie einem 17-jährigen Supertalent, wie Sie eines waren, für einen Ratschlag geben, wenn es ein Angebot aus dem Ausland erhält?
Man muss sich gut vorbereiten und nicht aufgeben, der Weg ist hart, wenn man ins zweite Team muss. Ich bin ein Typ, der etwas will und sich schon als junger Fussballer nicht viel gefallen liess. Da muss man stark sein. Ich erhielt bei Florenz wenig Chancen, also liess ich mich ausleihen, bei Novara nutzte ich dann meine Chance und zeigte mein Können.

Ihnen kamen nie Zweifel an Ihrer Klasse, nachdem man Sie nach der U-17-WM zu den grössten Talenten weltweit gezählt hatte? Ihr Wechsel kam ja wohl zu früh.
Meine Familie schaute schon, dass ich nicht abhob. Und man darf nicht zweifeln, dann hat man schon verloren. Nach dieser WM gingen viele Türen auf. Ich nahm nicht immer die richtige Türe, aber ich bin dennoch froh, dass ich sie nahm. Das waren wertvolle Erfahrungen. Ich suchte einfach länger nach meinem Glück.

Bei Xamax klappte es auch nicht.
Ja, das waren verrückte Zeiten, wobei wir gar nicht so schlecht spielten. Die Löhne kamen nicht mehr, es gab Unruhe wegen Präsident Bulat Tschagajew, auf einmal wurde mir und einigen anderen einfach gekündigt. Heute bin ich dankbar dafür, denn ich hatte Zeit, einen neuen Verein zu finden. Kurz darauf ging Xamax in Konkurs. Der Verein wollte etwas erreichen, das nicht möglich war.

Wenn die Medien von Ihnen berichten, geht es um starke Leistungen oder Fehltritte. Mittelmass ist nicht Ihr Ding. Fühlen Sie sich manchmal missverstanden?
Einige Journalisten übertreiben gerne, dann werden Geschichten ausgeschmückt. Das ist Ihr Job.

Was denken Sie, wenn in den Zeitungen steht, Sie würden arrogant und flegelhaft wirken?
Nicht viel. Boulevardzeitungen müssen solche Storys machen. Man muss, gerade als junger Spieler, damit umgehen können.

Insbesondere auf Facebook oder Twitter lauern viele Fallen. Gibt es bei Eintracht Frankfurt diesbezüglich Regeln?
(Fragt den Eintracht-Mediensprecher): Haben wir Regeln? Mediensprecher: Noch nicht.

Aber der SFV gab vor der WM welche raus, oder?
Ja, das war an der WM, da muss man aufpassen. Sonst können wir posten, was wir möchten.

Ein Bild von Ihnen mit einer Whiskyflasche würden Sie heute aber nicht mehr auf Twitter veröffentlichen?
Nein, das war ein dummer Fehler, aber nicht mal von mir. Wir hatten einen Barbecue-Abend, ein Freund postete das Bild. Ich nahms auf meine Kappe und kann es nicht ändern. Fehler passieren, man muss daraus lernen.

Haris Seferovic hat gelernt. Er wusste schon als kleiner Junge, dass er einmal Fussballprofi wird. Das tun fast alle kleinen Jungs, aber Seferovic kann heute sagen: «Ich habe es geschafft.» Sein Vorbild damals war Giovane Elber, heute ist es, wenig überraschend, Zlatan Ibrahimovic. Als Bub träumte er von einem Engagement bei Barcelona oder Real Madrid, Manchester United oder Chelsea, heute tut er das immer noch. Er sagt: «Wenn ich so weitermache, kann ich es schaffen.»

Seferovic ist ein Spielertyp, wie ihn jede Mannschaft benötigt. Er arbeitet hart und sagt von sich, er sei wie eine Biene, die immer unterwegs sei und den Kollegen Räume schaffe. Alex Meier, trotz schwerer Knieverletzung vor einigen Wochen eine Runde vor Saisonende mit neunzehn Treffern immer noch bester Torschütze der Bundesliga, profitierte stark von Seferovic. «Andere sind schneller müde als ich», sagt Seferovic. Ende November 2014 sorgte der 22-fache Nationalspieler (fünf Tore) für viel Aufsehen. Sein Tor gegen Dortmund zum 2:0-Heimsieg widmete er der wenige Tage zuvor verstorbenen Tugce Albayrak. Seferovic zog sein Trikot hoch und präsentierte ein Shirt mit der Aufschrift «Tugce = #Zivilcourage #Engel #Mut #Respekt». Tugce, eine 23-jährige Studentin, war am 15.November in Offenbach von einem 18-Jährigen niedergeschlagen worden, ins Koma gefallen und schliesslich gestorben, nachdem sie zwei Mädchen, die belästigt worden waren, zu Hilfe geeilt war. Im Gegensatz zur Regelung bei vergleichbaren Fällen entschied das DFB-Sportgericht, Seferovic nicht zu bestrafen.

Hatten Sie die Aktion mit dem T-Shirt lange geplant, oder war das am Spieltag eine spontane Idee?
Wir hatten vorher viel über Tugce gesprochen. Hut ab vor ihr, sie ging dazwischen...

...würden Sie auch gehen?
Ja klar, das ist doch keine Frage, oder? Wenn ich sehe, dass ein Typ eine Frau bedrängt oder sie schlägt, dann muss ich doch dazwischengehen. Nicht nur ich, alle Leute. Ich hätte niemals gedacht, dass es zu so heftigen Schlagzeilen kommen würde wegen meines Shirts. Das ging durch die Decke, auf Facebook war die Hölle los, ich hatte sofort über 10'000 Likes, das war schon krass.

Und wenn Sie gegen Dortmund kein Tor erzielt hätten...
...hätte ich das Shirt nach dem Spiel auf dem Rasen gezeigt. Ich wollte einfach ein positives Zeichen setzen. Aber die Kollegen hatten mir vorher gesagt, dass ich eh ein Tor erzielen würde.

Haris Seferovic wirkt zufrieden. Er lebt in Bad Homburg, einem Vorort Frankfurts, da könne er gut mit seinem Hund spazieren gehen, es sei ruhiger und habe nicht so viel Verkehr. «Ich wuchs in Sursee auf, das liegt ja auch leicht ausserhalb Luzerns», sagt er. Und in Frankfurt sei er schnell, dort könne man gut shoppen, essen oder in den Ausgang gehen («wenn wir gewonnen haben»).

Mit dem Nationalteam strebt der Schweizer Stammspieler hohe Ziele an. «Wir haben eine starke Generation und haben in jungen Jahren gesehen, dass wir alle schlagen können. Wir wurden U-17-Weltmeister, das hat uns schon sehr selbstbewusst gemacht.»

Was ist mit der Schweiz in den nächsten Jahren möglich?
Viel. Wir spielen einen sehr guten Fussball. Wir hatten letztes Jahr zum Start in die EM-Qualifikation einige Probleme, aber fingen uns auf. Trainer Vladimir Petkovic macht das ausgezeichnet, er ist ein ganz anderer Typ als Ottmar Hitzfeld. Und jetzt kennen wir uns besser. Wir werden uns noch weiter steigern können.

Granit Xhaka meinte einmal, ein WM-Halbfinal sei in den nächsten Jahren nicht unmöglich.
Das hat er gut gesagt, das sehe ich auch so. Wir agieren dominant und haben auf allen Positionen wirklich starke Spieler.

Vor wenigen Wochen gab es im «Blick» mal wieder eine Secondo-Debatte, nachdem Stephan Lichtsteiner gesagt hatte, es habe im Nationalteam zu wenig Spieler, mit denen sich das «Volk» identifizieren könne.
Dazu muss ich nichts sagen. Das interessiert mich nicht, es war kein Thema im Nationalteam...

...aber Sie sind ja wie Stephan Lichtsteiner in der Innerschweiz aufgewachsen. Gibt es da nicht Leute, die finden, es habe zu viele Secondos im Nationalteam?
Das glaube ich nicht. Jene Leute, die das finden, sollen das finden. Es spielt keine Rolle, ob der Trainer viele oder wenige Secondos aufbietet. Alle stehen für die Schweiz auf dem Rasen, darum geht es. Wir haben ja schon oft bewiesen, dass wir ein Team sind.

Hatten Sie eigentlich Angebote, für Bosnien, das Heimatland Ihrer Eltern, zu spielen?
Ja, die gab es schon immer mal wieder. Für mich war stets klar, dass ich für die Schweiz spielen will. Ich wurde hier geboren, die Schweiz ermöglichte mir alles, nun möchte ich etwas zurückgeben. Zudem ging Bosnien damals nicht sehr professionell vor.

Wie meinen Sie das?
Dazu werde ich mich vielleicht nach der Karriere einmal äussern. Ich habe mich für die Schweiz entschieden und habe das noch nie bereut.

Der Vertrag von Seferovic bei Eintracht Frankfurt läuft noch bis 2017. Seine starken Vorstellungen weckten Begehrlichkeiten, zuletzt wurde er immer wieder mit grösseren Vereinen in Verbindung gebracht, Gladbach gilt als ernsthafter Interessent.

Wechseln Sie im Sommer zu Gladbach?
Davon weiss ich gar nichts, ich habe das auch nur in den Zeitungen gelesen.

Es wäre ein schlauer Transfer, zumal Max Kruse von Gladbach zu Wolfsburg geht.
Gladbach ist sicherlich ein interessanter Verein, der in der nächsten Saison international spielen wird. Mein Ziel ist es, ganz oben zu spielen, und wir sind auch eine gute Mannschaft, die sich verbessern kann. Es fehlt nicht viel, ein starker Spielmacher vielleicht.

Ist die Bundesliga für Sie die beste Liga der Welt?
Sie ist stark, die Premier League ist auch gut. Zu meiner Spielweise passt die Bundesliga, es gibt viele Chancen, und sie ist nicht so taktisch geprägt wie die Serie A. In Deutschland kann jeder jeden schlagen, das macht es sehr spannend. Ich fühle mich hier wohl.

Und wo sind Sie in 5 Jahren?
Keine Ahnung. Ich hoffe, in einem Topklub in der Champions League. Aber planen sollte man im Fussball nicht zu viel. Das habe ich in den letzten Jahren gelernt.

(Berner Zeitung)

Erstellt: 20.05.2015, 11:52 Uhr

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