Adieu Romantik, hallo Kommerz

E-Sport: Luca Boller ist der erste «Fifa»-Profi in der Schweiz. Der FC Basel sieht einen Wachstumsmarkt, die Fans fürchten einen Kulturverlust.

Luca Boller ist der erste E-Sportler der Schweiz, der das Spiel «Fifa» als Vollprofi spielt. Foto: Urs Jaudas

Luca Boller ist der erste E-Sportler der Schweiz, der das Spiel «Fifa» als Vollprofi spielt. Foto: Urs Jaudas

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Wackler links, Wackler rechts, Schuss, drin. Easy. Cristiano Ronaldo dreht ab und jubelt vor der Basler Muttenzerkurve. Die Fans freuen sich mit ihm, denn Ronaldo trägt ein Shirt des FC Basel. So wie Neymar und Paul Pogba, die sich jetzt auch vor der Kurve versammeln.

«Es ist ein bisschen surreal», sagt Luca Boller, genannt Lubo. Er meint nicht seinen hochfrisierten FC Basel, mit dem er auf der Konsole eben das 1:0 gegen die bedauernswerten Young Boys erzielt hat. In seiner Gaming-Welt bestehen alle Teams aus Neymar, Ronaldo und Pogba. Die haben einfach bessere Werte, alle weit über 90 Punkte. Ein FCB-Stürmer wie Albian Ajeti kann mit seinen 76 Punkten in der virtuellen «Fifa»-Welt nicht mithalten.

Sein Team findet Boller nicht surreal, sein Leben dafür eher. Seit ein paar Wochen muss er am Morgen nicht mehr ins Büro der Bank. Seit ein paar Wochen ist Luca Boller der erste «Fifa»-Vollprofi in der Schweiz, angestellt vom FC Basel. Dem echten. Und erhält dafür einen Lohn, der etwa gleich hoch ist wie bei seinem vorherigen Arbeitgeber. Der zweifache «Fifa»-Schweizer-Meister Boller sucht sich noch einen Rhythmus, eine richtige Struktur. Bis jetzt hat er es so gemacht: ausschlafen, Fitnesszentrum, dreimal zwei Stunden Training an der Konsole. Spielerisch, taktisch, die neuen Tastenkombinationen üben. «War nicht einfach dieses Mal», sagt Boller in seinem Gaming Office in einem Industriebau in Fehraltorf im Zürcher Oberland. Jeden Herbst kommt eine neue Version der Fussballsimulation «Fifa» auf den Markt, aktuell die Nummer 19, und Boller hat schon Stunden damit verbracht, den neuen Schussmodus zu üben. Ziemlich kompliziert. Doppelgriff, L-Taste, «Timed Finishing». Lupfer, angeschnitten, flach oder hoch. «Das muss man in Sekundenbruch­teilen entscheiden. Wer da nicht mental fit ist, hat keine Chance.»

Neue Schichten erschliessen

Die Schweizer Fussballvereine machen sich seit zwei Jahren Gedanken über Leute wie Luca Boller. Gamer, die in den Vereinsfarben virtuelle Fussballspiele bestreiten, so wie es im Ausland schon länger der Fall ist. Dabei verfolgen die Clubs zwei Ansätze: Vereine wie der FC St. Gallen versuchen mit der Anstellung von E-Sportlern neue Fans ins Stadion zu locken. Oder versuchten es. «Bei uns ist die Euphorie verflogen», sagte Marketingleiter Troy Lüchinger gestern der «NZZ am Sonntag». Der Verein, der 2016 als erster einen E-Sportler anstellte, liess dessen Vertrag im Mai auslaufen.

Vielversprechender scheint der Ansatz des FC Basel. Dort wird E-Sport nicht als Vehikel betrachtet, um mehr Fans anzulocken, sondern als neues, eigenständiges Geschäftsfeld. Seit 2017 hat der FCB eine E-Sports-Abteilung. «Es geht darum, unsere Reichweite zu erhöhen, neue Schichten zu erschliessen und, entschuldigen Sie das Wort, unseren ‹Brand› zu stärken», sagt Roland Heri, der Geschäftsführer des FCB. «Wir befinden uns in einem Spannungsfeld: Unser Kerngeschäft wird immer das Spiel auf dem Rasen sein. Gleichzeitig dürfen wir uns neuen Möglichkeiten nicht verschliessen. Sonst müssen wir uns in ein paar Jahren vielleicht vorwerfen, etwas verpasst zu haben.»

Protest gegen E-Sports beim Spiel zwischen den Young Boys und dem FC Basel diesen September. Foto: Keystone

Viele Basler Fans stören sich am ­neuen Business. Der Protest richtet sich gegen eine Entwicklung, «bei der Fans nicht mehr als Fans, sondern als Kunden betrachtet werden», wie es einmal in einem Flugblatt der Muttenzerkurve hiess. Hallo Kommerz, adieu Romantik.

«Das hat mit
unseren Werten nichts zu tun.
Hier geht es nur
um Profit!»
Fanvereinigung Ostkurve Bern

Die Kritik ist clubübergreifend. Viele Fans befürchten, dass die Liga bald eine virtuelle Meisterschaft einrichten – und die Teilnahme daran zur Lizenzbedingung erklären könnte. Für die Anhänger eine Horrorvorstellung. Der Ärger ist so gross, dass es sogar zu clubübergreifenden Solidaritätsaktionen kommt, wie beim 7:1-Heimsieg der Young Boys gegen Basel vor ein paar Wochen. Zweimal wurde das Spiel unterbrochen, es flogen Tennisbälle und Spielcontroller aufs Feld, und später veröffentlichte die Berner Ostkurve ein Statement. «Dies hat mit unserem Sport und den Werten unseres Vereins rein gar nichts zu tun! Hier geht es nur um den Profit!»

Die Reaktion des Vereins war – nun ja – etwas grob. Wenige Tage nach der Aktion verkündete der FCB die Verpflichtung des Argentiniers Nicolás Villalba. Der Club tat das mit einem bombastisch animierten Video, wie es sonst Manchester United macht, wenn der Club einen millionenschweren Stürmer gekauft hat. Doch Villalba ist ein Gamer. Und die Fans waren: sehr irritiert. Geschäftsführer Heri verspricht Besserung – und eine Kommunikation, die etwas sensibler sei. Keine Fussballwörter mehr wie «Transfer» in den Mitteilungen zum E-Sports. Eine klarere Abgrenzung zwischen virtuellem und echtem Fussball.

Millionen dank guter Vermarktung

Eingefädelt hat den Deal mit dem FCB ein Mann namens Daniel Luther. Der Deutsche war einmal Weltmeister im Ballergame «Call of Duty» und arbeitet heute als Berater in E-Sports-Fragen. Luther berät die Schweizer Liga, den FC Basel, und er ist Spieleragent von E-Sportler Villalba. Luther hat den Deal nicht nur eingefädelt, er hat ihn auch gleich vermarktet. Er produzierte das Video und verbreitete es im Internet. 300'000-mal wurde es angeschaut, noch nie hatte ein E-Sports-Präsentations­video eine grössere Resonanz.

Dabei ist «Fifa» in der E-Sports-Welt noch immer ein Nischenprodukt. Viel mehr Zuschauer und Preisgelder gibt es bei Strategiespielen wie «Dota 2» oder «League of Legends». 700'000 Schweizer und Millionen aus aller Welt schauen regelmässig über Livestreams wie Twitch zu, wie die besten Gamer der Welt in der Minute über 300 Befehle abgeben (oder: sechs pro Sekunde).

An Luther kann man das Wachstum von E-Sports gut beobachten. Als er 2007 Weltmeister wurde, erhielt er dafür 19'000 Dollar. Heute bekommt der Sieger beim «Dota 2»-Turnier «The International» 11 Millionen Dollar. «Sponsoren haben E-Sports entdeckt, weil sie sehr zielgruppenbewusst werben können», sagt Luther. Heisst beim Spiel «Fifa»: 12- bis 35-Jährige, meist männlich, fussball- und technikaffin.

«Der Schweizer Markt hinkt hinterher.»Daniel Luther, Berater

Über die Schweiz sagt Luther: «Der Markt hinkt hinterher.» Mittlerweile sind Firmen wie Swisscom, UPC und Ringier eingestiegen. Sie versprechen sich damit einen neuen Zugang zu jungen Menschen. Eine Schweizer «Fifa»-Liga soll es dagegen erst 2020 geben, wie Insider sagen, nicht schon nächstes Jahr, wie Fans befürchten. Claudius Schäfer, Geschäftsführer der Liga, will das nicht bestätigen. Nur so viel: «Wir haben nie gesagt, dass E-Sports zur Lizenzauflage werden soll», sagt Schäfer.

Es sind vorsichtige Töne. Den Beteiligten ist bewusst, wie heikel das Thema ist. Etwas unbeschwerter gehen die richtigen Fussballer mit den Gamern um. Als Luca Boller das Trainingslager der ersten Mannschaft des FCB besuchte, forderten ihn die Jungen zu einem Spiel an der Konsole heraus. Und verloren alle hochkant. «Seither holen sie sich per Whatsapp Tipps von mir.»

Erstellt: 29.10.2018, 08:57 Uhr

Artikel zum Thema

Berufswunsch: Profi-Gamer

Was haben Mesut Özil und der TCS gemeinsam? Beide setzen auf E-Sport. Welche Perspektiven die Disziplin in der Schweiz bietet, zeigen neue Zahlen. Mehr...

Warum Staatsbetriebe auf Videospiele setzen

Postfinance stellt professionelle Gamer an – das Team wird von einem Coach trainiert. Auch Swisscom prüft den Einstieg in den E-Sport. Was steckt dahinter? Mehr...

Jetzt der Raketenwerfer, Papi!

Video «Fortnite» ist ein Shooter-Game, das sich wie ein Virus unter Kindern ausbreitet. Erlauben oder verbieten? Unser Autor hat erst einmal mitgespielt. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Service

Ihre Spasskarte

Mit Ihrer Carte Blanche von diversen Vergünstigungen profitieren.

Kommentare

Die Welt in Bildern

Animalische Athletik: Ein Tiertrainer im Zoo von Sanaa, Jemen, reizt eine Löwin so sehr, dass sie wortwörtlich die Wände hochgeht. (Januar 2020)
(Bild: Mohamed al-Sayaghi) Mehr...