Ärger auf dem Planeten Winterthur

Der FC Winterthur könnte jeden Franken gebrauchen – doch nun muss er im Cup bei YB ran. Geschäftsführer Andreas Mösli schimpft über den Modus.

Ehemaliger Punker und Journalist: FCW-Geschäftsführer Andreas Mösli. Foto: Reto Oeschger

Ehemaliger Punker und Journalist: FCW-Geschäftsführer Andreas Mösli. Foto: Reto Oeschger

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Die Idee kommt Andreas Mösli unvermittelt. Und sie kommt dem Geschäftsführer des FC Winterthur, weil er ver­ärgert ist, dass sein Club heute Mittwoch den Cup-Viertelfinal auswärts ­bestreiten muss. In Bern wird das Spiel als Pflichtübung angesehen – in Winterthur, Möslis Heimat, wäre es ein Fussballfest ­geworden. Eine ausverkaufte Schützenwiese hätte dem FCW gegen 100'000 Franken Gewinn eingebracht, da ­Catering nicht eingerechnet. Das ist viel Geld für einen kleinen Verein, der noch nicht weiss, was die Zukunft für ihn bringen wird.

Mösli, einst Punker und Journalist, ist längst das Gesicht des Vereins, er ist ein Romantiker, der um den Platz des Kleinen kämpft und Spiele der Champions League nicht mehr zu persönlichen Pflichtterminen am Fernsehen erklärt. Mösli also sagt: Alle, Fans, Sponsoren, Fernsehen, Spieler und Trainer, sollten sagen können, welchen Cup sie möchten, wie für sie der optimale Wett­bewerb aussehe.

YB einen Platzabtausch vorgeschlagen

«Das Ergebnis einer solchen Umfrage wäre spannend», sagt Mösli – spannend eben, weil vielleicht viele so denken wie er. Er möchte, dass die Clubs der Super League schon in der ersten Runde aufeinandertreffen können und nicht erst ab dem Achtelfinal. Der Unterklassige soll grundsätzlich Heimvorteil geniessen und nicht nur bis zum Achtelfinal. Jetzt aber heisst es in den Viertelfinals: Basel - Zürich, Sion - Kriens, YB - Winterthur. «Das ist einfach schade», sagt Mösli, «der Cup muss doch von Überraschungen leben.»

Scherzeshalber hat er den Bernern einen Platzabtausch vorgeschlagen. Dass er kein Gehör gefunden hat, soll nicht weiter erstaunen. Den Cup-Achtelfinal vom November 2011 verlor YB mit Christian Gross als Trainer in Winterthur nach Elfmeterschiessen.

Aber Mösli stört im Moment noch ­etwas: das Datum. Die Viertelfinals müssten aus seiner Sicht am Wochenende ausgetragen werden. So, mit einem Mittwoch und Donnerstag als Spiel­tagen, würde der Wettbewerb an Bedeutung verlieren.

Um die 800 bis 1000 Winterthurer Fans sind es trotzdem, die heute unter anderem im Extrazug nach Bern fahren. Das ist nicht erstaunlich, weil der FCW auf einen treuen ­Anhang zählen kann. 3100 beträgt der Zuschauerschnitt, obschon die Mannschaft bislang eine schlechte Saison spielt. Das Interesse hat viel mit Mösli zu tun, weil er es verstanden hat, den FCW als Nischenprodukt zu platzieren. Er hat ihm den Anstrich des Alternativen ­vermittelt und ihn zum «St. Pauli der Schweiz» gemacht, wie das deutsche ­Magazin «11 Freunde» einst leicht überhitzt schrieb.

Zürich, das schwarze Loch

In Winterthur geht es für Mösli um mehr als nur um Fussball. Es geht auch um «Friede und Freiheit», um Integration und Kampf gegen Familienarmut, um sauberes Wasser für alle und inzwischen auch um den Verkauf von fairem Kaffee im Stadion. Die Bierkurve, die kleine Fankurve, ist schon fast zum ­Marketingprodukt geworden. Zu einem Besuch auf der Schützenwiese gehören nach dem Spiel besonders an schönen Tagen auch die kleinen Konzerte in der Stadionbeiz, der Libero-Bar. Was erstaunt es da, dass Mösli seinen FCW zum «speziellen Kulturgut» erklärt oder auch vom «Planeten FCW» redet.

Winterthur und sein FCW haben aber ein vergleichbares Problem. Sie leben im Schatten Zürichs, das, so Mösli, «wirtschaftlich, politisch, kulturell wie ein schwarzes Loch ist, das alles aufsaugt». Winterthur fehlt es als Stadt an Geld, dem FCW als Verein. Winterthur hätte zwar Grossunternehmen zu bieten, Axa, Sulzer, Rieter, aber deren Horizont ist die Welt. Der FCW hatte seit 2001 ­wenigstens das Glück mit dem Unter­nehmer Hannes W. Keller als Präsidenten. Aber diesen Sommer endet Kellers Ära endgültig. Die drängende Frage für den FCW heisst: wie weiter?

Kleinsponsoren wieder wichtig

Bis 2015 führte Keller, in der Druckmesstechnik vermögend geworden, den Verein, er investierte bis dahin rund 15 Millionen Franken und gefiel sich in der Rolle des Aussenseiters im Winterthurer ­Wirtschaftsestablishment. Nach seinem Rücktritt hat er sich generös ­gezeigt, das Defizit von jährlich rund 1 Million für weitere zwei Saisons ­gedeckt und ein Budget von rund 4 Millionen erlaubt. Das Loch muss fortan ­geschlossen werden.

Die Geldsucher von der Schützenwiese müssen nun genau die Kreise angehen, um die sich Keller stets foutierte. Sie müssen wieder um die Gunst der Kleinsponsoren werben, die Keller mit seiner schroffen Art vor den Kopf stiess, weil er ihr Geld nie wollte. «Mein Vater war Fluch und Segen für den Verein», sagt heute selbst Mike Keller, der dem Verein als Vizepräsident vorsteht.

Bis zum nächsten Sommer wird der FCW insgesamt 16 Jahre in Sicherheit und Ruhe gelebt haben. Keller hat sportlich nie den Aufstieg gefordert, er hat nur den Abstieg immer zu ver­meiden versucht. Dieses Denken hat den Verein geprägt und irgendwie auch gelähmt, er ist nie weitergekommen, sondern ­immer in der Challenge League stecken geblieben.

«Wir sind kein Dorf»

Seit 1985 hat er nie mehr zur höchsten Liga gehört. Und das als Verein aus einer Stadt, die weit grösser ist als die Super-League-Standorte Sitten, Thun, Vaduz und Lugano; als Ausbildungsort von Spielern wie Marwin Hitz (Augsburg), Pajtim Kasami (Nottingham), Remo Freuler (Bergamo), Luca Zuffi ­(Basel), Ermir ­Lenjani (Rennes), Amir Abrashi (Freiburg), ­Steven Zuber (Hoffenheim), Fabian Frei (Mainz) oder ­Admir Mehmedi (Leverkusen).

Sportlich steckt der FCW nach dem einen Jahr mit Sven Christ als Trainer und nur einem Sieg in 13 Runden tief in der Bredouille. Der Ligaerhalt ist das vordringliche Ziel unter Umberto ­Romano und Dario Zuffi. Dabei sagt Mösli: «Wir müssen doch andere Ziele haben, als einfach nur den Abstieg zu verhindern. Wir sind kein Dorf. Wir sind Winterthur.» So viel Stolz muss sein.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 01.03.2017, 00:53 Uhr

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