Als Pep im Bistro

Luca und Bruno analysieren die Emotionen von Pep Guardiola.

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Bruno trägt an diesem Morgen einen massgeschneiderten Anzug, und er hat sich eine dünne Krawatte umgebunden, seine Lederschuhe glänzen, der mächtige grüne Schal fällt beinahe bis zu den Füssen, wie ein Dressman sieht er aus, ungewohnt, und auch rasiert hat er sich am Wochenende offenbar nicht. So betritt er das Bistro, geht direkt auf Luca zu, umarmt ihn fast schon leidenschaftlich und sagt: «Ich bin dein Freund.»

Luca schüttelt nur den Kopf, versteht nicht, was das soll, geniert sich etwas vor den anderen Gästen, die auch im Café sitzen, und er löst sich aus der Umarmung.

«Ich bin Pep», sagt Bruno, der Werber, und lacht laut. Und Luca begreift jetzt, denn er hat letzte Woche diese Szene auch am Fernseher ge­sehen, wie Bayerns Trainer Pep Guardiola in der Allianz-Arena an der Seitenlinie ständig gestikuliert, fuchtelt und umherrennt, sich am Kopf kratzt und die Hand immer wieder ans Kinn führt, wie er leidet und plötzlich den vierten Offiziellen des Schiedsrichtergespanns umarmt, mit ihm jubeln will nach dem Tor. «Ja, wir sind Freunde», beschrieb Guardiola später diesen Gefühlsausbruch.

«Warum darf sich dieser Katalane mehr erlauben als andere?», fragt Luca, «das ist doch gegenüber den Schiedsrichtern unangebracht.»

«Er ist einfach eine besondere Figur», unterbricht ihn Bruno sogleich, und er weiss von einem Kollegen, der Verbindungen hat zur Säbener Strasse, der Heimat des FC Bayern, dass Guardiola am nächsten Morgen noch früher als sonst, es war noch dunkel in München, in seinem kleinen Trainerbüro sass, den Laptop vor sich. Alles hat er aufgesogen, jede Szene des Spiels nochmals angesehen, Notizen gemacht, wie ein Ethnologe alles studiert und erforscht, und später sei er in den ersten Stock gegangen, ins Büro von Uli Hoeness, das auch heute noch eher wie eine gemütliche Bauernstube eingerichtet ist. Seit Hoeness tagsüber die Haftanstalt am Ammersee verlassen darf, besuchen ihn viele in seinem Büro, denn er ist eben für die meisten der Papa dieses Vereins geblieben. Und Pep Guardiola kommt sehr oft, für ihn war und bleibt Hoeness die wichtigste Bezugsperson im Club.

Der Assistent des Schiedsrichters am Spielfeldrand und Hoeness, sie sind also seine Freunde, «ich liebe Mittelfeldspieler, und ich liebe Lahm, ich liebe Robben, ich liebe Katalanien, ich liebe Coldplay, ich liebe Shaqiri», auch das hat Guardiola einmal gesagt, bis er den Schweizer abrupt von seiner Liste strich, weil dieser es wagte, diese Liebe zu hinterfragen und ihn damit zu enttäuschen. Guardiola zeigt sich manchmal sehr emotional, aber er sei, hat sein Kollege aus München Bruno gesagt, vor allem eines: undurchschaubar. Es ist ein Teil seines Führungsstils, er schafft Nähe, aber auch immer wieder Distanz. Guardiola sei ein stetiger Zweifler, immer wieder verunsichert und eigentlich, wie das bei vielen ist, die Perfektion suchen, nie glücklich. Er weiss, Perfektion ist eine Seifenblase. Kürzlich habe er in einer Münchner Bar einen Trainer getroffen, der zurzeit keinen Job hat. Guardiola habe mit Gläsern Spiele und Taktiken nachgestellt, immer mehr Gläser von anderen Tischen genommen, und irgendwann habe sich der Keller nicht mehr an ihren Tisch getraut, so vertieft waren die beiden. Pep Guardiola tüftelt, ist unstillbar neugierig und besessen von diesem Spiel.

Luca hört gespannt zu, schaut zu Bruno, der an diesem Morgen mit seinem eng geschnittenen Anzug als Guardiolas Kopie ins Bistro gekommen ist, und sagt: «Erwartest du nun, dass ich sage: Bruno, ich liebe dich?»

Erstellt: 09.02.2015, 20:08 Uhr

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