Als Zürich ein echtes Fussballstadion hatte

Der alte Hardturm war eigentlich stillos, aber irgendwie doch stilvoll.

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Es ist eng an diesem Abend, rund um die Bar und auch an den Tischen, zwischen den Stühlen tanzen einige oder wippen zumindest leicht, es sind wie immer viele da, denen die Gelenke nicht mehr alle Verrenkungen zulassen.

Es ist ein Abend im «Bohemia», der Brasserie am Zürcher Kreuzplatz, «Happy Monday», immer am ersten Montag eines Monats, der glücklich beginnen soll. Eine Band spielt, Soul, Blues, Jazz, und ein Gast singt.

Diesmal ist es Aaron Wegmann, ein junger Zürcher mit einer wunderbaren Stimme, Songwriter und Gitarrist. Die Stimmung ist ausgelassen, der Sänger, der schon an einigen Orten aufgetreten ist, sagt nachher, es sei für ihn etwas ganz Besonderes gewesen, weil das Publikum so nahe war, fühlbar, spürbar, Auge in Auge, die Bühne mitten im Publikum.

Später in der Nacht draussen, auf der anderen Strassenseite, hängt ein Plakat, «Ja zum Stadion». Und mit der Musik im Ohr und dieser besonderen Ambiance im Kopf, und dem plakativen Aufruf, dass Zürich endlich, endlich doch noch ein Fussballstadion haben soll, kommen Erinnerungen auf, an damals, im alten Hardturm.

Es war dort auch eng. Dieses von der Architektur her komische Stadion in Züri-West, das immer wieder ergänzt, aber nie ganz fertig gebaut wurde, aus Stahl, aus Holz, aus Wellblech, mit den engen Schalensitzen in allen Farben, es war eigentlich stillos, aber irgendwie doch stilvoll. Schäbig vieles, romantisch einiges, verrottet manches, modern weniges, und die eine Tribüne, die morsche Haupttribüne, in der auch die Mannschaftskabinen mit den Pissoirs gleich neben der Dusche untergebracht wurden, mit dem kleinen fensterlosen Zimmer, das mit «Cheftrainer» angeschrieben war, und hinter der Tribüne stand der Wassertrog, in dem die Spieler ihre Schuhe putzten, selber noch, damals.

Aber das Stadion hatte seinen Charme. Und man konnte den Rasen noch riechen und die Spieler keuchen hören, und der Ball musste nicht mit einem Fernglas gesucht werden. Alles war nah. Ein richtiges Fussballstadion eben.

Es war im alten Hardturm nicht immer stimmungsvoll, oft gähnend leer und trostlos, und man hörte jeden einzelnen Ruf, aber es gab auch viele Momente, da stampften sie wild mit den Füssen auf der morschen ­Tribüne, und man musste Angst haben, sie würde einstürzen.

Wäre die Tribüne, die früher zweimal abgebrannt war, doch einmal über Nacht eingestürzt. Es wäre so leicht gewesen, den alten Hardturm zu erneuern. Zu einem «Bohemia» für den Fussball. Und wir müssten jetzt nicht abstimmen. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 13.11.2018, 10:10 Uhr

Artikel zum Thema

Duftmarken und Dosenöffner

Glosse TV-Kommentatoren und ihre Floskeln. Oder: Warum hört Beni Thurnheer eigentlich auf? Mehr...

Del Curto hört sich reden

Kolumne Die Schwarzmalerei verbindet den HCD-Trainer mit seinem Vorbild Lucien Favre. Doch nur Favre ist derzeit damit erfolgreich – Del Curto hat dies geahnt. Mehr...

Hoeness und Rummenigge als Chefredaktoren

Kolumne Herbert Grönemeyer und das «Zeit»-Magazin machen es vor. Wann ziehen die Bayern-Chefetage und die «Bild»-Zeitung nach? Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Service

Ihre Kulturkarte

Abonnieren Sie den Carte Blanche-Newsletter und verpassen Sie kein Angebot.

Kommentare

Blogs

Nachspielzeit Die Zitrone Champions League ist ausgepresst
Politblog So reden Verlierer

Abo

Abo Digital Light - 18 CHF im Monat

Unbeschränkter Zugang auf alle Inhalte und Services (ohne ePaper). Flexibel und jederzeit kündbar.
Jetzt abonnieren!

Die Welt in Bildern

Festival vereint die verschiedenen Kulturen des Landes: Eine Frau singt und tanzt bei einem Strassenfest in Südafrika in einem traditionellen Kleid. (14. Dezember 2018)
(Bild: Rajesh JANTILAL) Mehr...