Analyse

Amateure blockieren die Wahl Petkovics zum Nationalcoach

Die Wahl des Nachfolgers von Fussballnationaltrainer Ottmar Hitzfeld ist zu einem Politikum geworden. Was läuft eigentlich im Hintergrund ab?

Vladimir Petkovic ist Favorit, aber nicht allseits akzeptiert. So bleiben (v. o.) Pierluigi Tami, Christian Gross, Roberto Di Matteo und gar ein Mister X ein Thema.

Vladimir Petkovic ist Favorit, aber nicht allseits akzeptiert. So bleiben (v. o.) Pierluigi Tami, Christian Gross, Roberto Di Matteo und gar ein Mister X ein Thema. Bild: Rosi/Keystone

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Die Sitzung des Zentralvorstandes im Schweizerischen Fussballverband vom letzten Freitag war noch nicht einmal zu Ende, da meldete «Blick online» bereits: «Ja, es ist Petkovic.» Nachher verschickte der Verband ein Communiqué, in dem der wahre Sachverhalt bekannt wurde: «Der neue Nationalcoach ist noch nicht bestimmt.»

Dass es Vladimir Petkovic schliesslich sein wird, ist möglich, gut möglich sogar. Aber es ist nicht sicher. Zuerst müssen die Widerstände beseitigt werden, die einzelne Vorstandsmitglieder gegen den Mann von Lazio Rom haben – jene Mitglieder eben, die sich ganz gut einen anderen Kandidaten als Nachfolger von Ottmar Hitzfeld vorstellen könnten: den erfolgreichen U-21-Trainer Pierluigi Tami.

Petkovic? Tami? Oder doch ein anderer? Ausgeschlossen ist auch das nicht. Denn die Mitglieder sind seit Freitag angehalten, sich nochmals Gedanken zu machen, ob es nicht doch noch einen anderen Kandidaten gäbe. Nicht nur einen Christian Gross oder Roberto Di Matteo, sondern auch einen Mister X.

Die Fragen zeigen das Problem auf, das die Suche nach einem Nationaltrainer behindern kann. Es geht um Politik, die typisch ist für den Schweizerischen Verband. Der SFV ist ein Dreikammersystem aus Swiss Football League, 1. Liga und Amateurliga. Jede Kammer darf zwei Mitglieder im siebenköpfigen Zentralvorstand stellen, der von Peter Gilliéron präsidiert wird.

Das veraltete System

Das heisst, dass der 1. Liga und den Amateuren mit ihren vier Stimmen die heimliche Macht im Schweizer Fussball zukommt. Sie entscheiden da mit, wo es um die Anliegen der Swiss Football League und ihrer Proficlubs geht. Und sie tun es eben auch dann, wenn es um den Nationaltrainer geht. Im Gegensatz zum eigentlichen Fachmann im Verband, dem Technischen Direktor Peter Knäbel. Der darf nur mitreden, aber nicht mitstimmen.

Dieses System ist so absurd wie veraltet, aber es lohnt sich gar nicht, sich mit der Idee zu beschäftigen, daran etwas zu ändern. Dafür bräuchte es an einer Delegiertenversammlung die Zustimmung der mächtigen zwei Abteilungen. Und wer schafft sich schon selbst ab und beraubt sich seiner kleinen Privilegien, bei Reisen der Nationalmannschaft neben den Spielern in der Business Class sitzen zu dürfen? Als sich der Zentralvorstand also am vergangenen Freitag traf, kam aus dem Vertreterkreis der Amateure die Frage auf: Ist denn Petkovic so viel besser als Tami? Und auch die: Müssten wir uns nicht noch etwas mehr Zeit nehmen? Haben wir an alles gedacht?

Petkovic ist der Favorit der Profi-Abteilung, der gemäss Art 45, Abs. 3b das Vorschlagsrecht bei der Wahl des Nationalcoachs zusteht. Womit wir lernen, dass auch die Liga ein überliefertes Recht hat, auf das sie kaum verzichten möchte. Peter Stadelmann als Delegierter des Nationalteams war es, der dem Liga-Komitee am Donnerstag vergangener Woche das Resultat seiner Kandidatensuche vorstellte und dabei offenbar keinen Zweifel liess, dass Petkovic seine bevorzugte Wahl wäre.

Die Rolle des Beraters

Stadelmann, Anwalt im Hauptberuf und Delegierter im Nebenamt, kennt Petkovics Berater Vinicio Fioranelli schon lange – aus jenen Tagen eben, als er noch Vizepräsident und Transferchef des FC St. Gallen war und Fioranelli enge Beziehungen zu diesem Verein pflegte. Frühere Beobachter der Szene erzählen zwar, Stadelmann habe damals Fioranellis Nähe nicht gesucht. Er habe den Anschein vermeiden wollen, nur deshalb mit einem Spielervermittler zu arbeiten, weil der in der Ostschweiz daheim ist.

Fioranelli wurde bekannt mit den Transfers der chilenischen Grössen Ivan Zamorano und Hugo Rubio aufs alte Espenmoos. Er hat auch beste Kontakte nach Rom unterhalten und mit Lazio viele Geschäfte getätigt. Es war dann aber die Nähe zur AS Roma, die ein dunkles Kapitel öffnete. Im Januar 2011 wurde er auf Betreiben der römischen Staatsanwaltschaft in Vorarlberg verhaftet. Diese verdächtigte ihn, im Zusammenhang mit dem Verkauf der Roma im Jahr 2009 deren Aktienkurs manipuliert zu haben. Im September 2013 meldete die italienische Wirtschaftszeitung «Milano Finanza», die nationale Börsenaufsicht habe Fioranelli selbst und seine FIO Sports Group AG mit je 400'000 Euro gebüsst.

Dieser Fioranelli war es, der im Frühsommer 2012 den Wechsel Petkovics zu Lazio einleitete. Fioranelli habe «erste Kontakte» hergestellt, erzählte Petkovic einmal im «Blick», die entscheidenden Gespräche habe er aber selbst geführt: «Ich will selbst reden, mich selbst verkaufen.» Zumindest einmal traf er die Schweizer Verhandlungsführer Gilliéron und Stadelmann zu einem Gespräch. Die beiden Funktionäre scheinen nun zu glauben, dass der 50-Jährige mit bosnisch-kroatischen Wurzeln das herausgearbeitete Anforderungsprofil erfüllt: dass er Erfahrung hat, die Schweizer Besonderheiten kennt, die Jungen fördert und für einen attraktiven Fussball steht.

Von Stadelmann stammt zudem die Aussage, der Neue müsse «Flughöhe» haben. Das steht für die Idee, einen Trainer mit Renommee zu bekommen, der im mächtigen Schatten Hitzfelds nicht gleich untergeht. Allein das erklärt den Widerstand diverser Entscheidungsträger gegen den fachlich unbestrittenen, im Auftreten aber unscheinbaren Nachwuchstrainer Tami. Nur wegen eines Cupsiegs mit Lazio erreicht Petkovic die gewünschte Flughöhe allerdings ebenso wenig.

Petkovic hat sich öffentlich nie konkret erklärt, er belässt es beim Hinweis, er fühle sich geehrt, mit der Schweiz in Verbindung gebracht zu werden. Noch ist er in Rom engagiert, und das mit einem bis 2015 gültigen Vertrag. Der Verband wiederum wird sich erst nächste Woche, nach der Auslosung der WM-Gruppen in Brasilien, wieder mit dem Trainerthema beschäftigen. Und klar ist auch, dass für ihn weiterhin kein Grund zur Eile bestehen würde.

Gross’ erstaunliches Dementi

Bei Marcel Koller war das nach Hitzfelds Rücktrittsankündigung am 17. Oktober noch anders, weil der österreichische Verband und der 1. FC Nürnberg ebenfalls auf einen Entscheid drängten. Lucien Favre nahm sich damals gleich selbst von der Kandidatenliste. Hitzfelds Assistent Michel Pont wäre gerne auf diese gekommen, blieb aber chancenlos. Mit Christian Gross und Roberto Di Matteo führte der Verband Gespräche, auch wenn das Gross in seinem Fall gegenüber der NZZ dementiert hat («kein Kontakt»). Ihnen hat der Verband keine Absage erteilt, also sind sie weiter im Rennen, wenngleich bloss als grosse Aussenseiter.

Stadelmann hat gesagt, wenn es gut gehe, sei der neue Trainer bis zum 20. Dezember bestimmt. Bleibt zu hoffen, dass es in dieser Frage überhaupt gut geht.

* SFL-Präsident Heinrich Schifferle ist der Bruder des Autors. Zu fussballrelevanten Themen gibt es aber keinen Kontakt zwischen den beiden. Und über Fragen in direktem Zusammenhang mit der SFL berichtet Thomas Schifferle nicht.

Erstellt: 05.12.2013, 07:14 Uhr

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