Amateurfussball für 200 Pfund die Woche

In der Barrage trifft die Schweiz auf Nordirland. Reportage aus einem Land, wo Fussball ganz anders funktioniert.

Wie läufts in der Premiership? Im Klublokal des Belfaster FC Crusaders.

Wie läufts in der Premiership? Im Klublokal des Belfaster FC Crusaders. Bild: Alle Bilder von Reto Oeschger

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* Dieser Artikel entstand im Vorfeld der EM 2016, als sich Nordirland erstmals überhaupt für dieses Turnier qualifizierte. Er wurde im April 2016 publiziert, wir bringen ihn aus aktuellem Anlass in neuer Version nochmals.

Die Regenwolken hängen tief. Der Wind pfeift. Die Backsteinsiedlungen breiten sich fast endlos aus. Wir können uns auf dem Weg von Dublin hoch in den Norden nicht verirrt haben, nein, das muss Belfast sein, George-Best-City, einst das Zentrum religiöser Schlachten zwischen Queen-treuen Protestanten und separatistischen Katholiken. Stadt der Titanic, der Musik, des Fussballs.

Der Bus der nordirischen Mannschaft steht vor dem Windsor Park. Und auf dem Bus steht: «Wir sind nicht Brasilien, wir sind Nordirland.»

Und das, sagt Michael O’Neill, sei dann eben der nordirische Humor. Die Fans würden das auch während eines Spiels singen. Und so singen sie zur Melodie von «Glory Glory Hallelujah» auch: «Wir sind nicht Brasilien, wir sind Nordirland – aber für mich ist alles das Gleiche.»

Michael O'Neill, Trainer der nordirischen Fussball-Nationalmannschaft: «Wir werden spielen, wie wir das können.»

Die Nordiren sind nun nicht gerade als Macht im Fussball bekannt. 1986 waren sie letztmals an einer WM, vergangenen Sommer fuhren sie erstmals zu einer EM, nun folgt die Barrage gegen die Schweiz, die WM in Russland lockt. Die Qualifikation wäre der Höhepunkt für «das grossartigste kleine Land, das die Welt je gesehen hat», wie die Fans auch singen.

Die Spieler sind keine grossen Künstler, und ihr Fussball ist nicht attraktiv, das wissen sie, «wir werden spielen, wie wir das können», sagt Nationaltrainer O’Neill mit seiner sanften, leicht singenden Stimme.

Und was sie können, geht so: rennen, rennen, rennen. Der gealterte Verteidiger-Haudegen Gareth McAuley erinnert sich noch an die Zeiten vor O’Neill, der nun auch schon seit gut vier Jahren im Amt ist: «Früher rannten wir wie blöd herum. Jetzt machen wir das noch immer, aber wir machen es mit einem Plan – einem Plan, an den wir glauben. Das hat uns erfolgreich gemacht.»

George Best, Popstar des Fussballs, sein Foto an der Tür im Windsor Park.

Es ist ein Montag im April, als Nordirland im Windsor Park auf Slowenien trifft. Das einst windschiefe Stadion hat neue Tribünen erhalten, die Stimmung ist exzellent, auch wenn es nur ein Testspiel ist.

Für die Nordiren wird es ein besonderer Abend, weil sie dank eines Tores des Neulings Conor Washington 1:0 gewinnen und erstmals überhaupt zehn Spiele ungeschlagen überstehen.

Die Zähigkeit ist ihre Waffe, ihre Organisation, ihre Bereitschaft, sich auch ohne Ball glücklich zu fühlen. Der 46-jährige O‘Neill, früher Profi bei mittelmässigen Clubs wie Newcastle, Hibernian oder Wigan, ist der Mann hinter dem Aufschwung. Gut, zu seinen Anfängen musste er sich auch fragen, worauf er sich bloss eingelassen hatte.

Sein erstes Spiel im Amt des Nationaltrainers ging gegen Norwegen 0:3 verloren und das zweite 0:6 gegen Holland. Schritt für Schritt hat er Spieler zu einer Mannschaft entwickelt, die er auch einmal in der zweiten oder dritten englischen Liga findet, bei Vereinen wie Notts County, Peterborough oder Reading. Sie sind weder Weltklasse noch tragen sie grosse Namen, sie heissen einfach Caroll, Davies, Washington, Smith oder Norwood.

«Es ist auch gar nicht vorgesehen, dass wir wie Brasilien spielen», sagt O’Neill. Wie Nordirland, das genügt ihm schon.

Wovor soll ein kampferprobter Nordire schon kneifen? «Wir werden unseren Spielern sicher nie sagen, dass wir diese Gegner nie besiegen können. Wir werden ihnen sagen: Falls Schwächen da sind, zeigen wir sie euch auf!»

Die Iren, ob im Süden oder Norden, lieben ihr Bier, am liebsten Guinness-schwarz. An Ostern werden sie auf eine harte Probe gestellt, weil dann die Pubs gleich an zwei Tagen kaum geöffnet haben. Und dann dürfen sie auch nur an ausgewählten Tagen Sport treiben.

18 Jahre liegt das Karfreitagsabkommen inzwischen zurück, das den Nordirlandkonflikt zumindest offiziell beendet hat. Die Spuren des Bürgerkrieges sind in Belfast allerdings noch immer sichtbar, vor allem im Westen der Stadt, zwischen Shankill Road und Falls Road, wo die Busse Touristen herumführen und ihnen die Friedenslinien («peace walls») zeigen, die auslassenden Wandmalereien von Königin Elizabeth und waffenstarrenden Kämpfern.

Auf dem Milltown-Friedhof liegt Bobby Sands begraben, einer dieser von der IRA verehrten Kämpfer, der 1981 im Hungerstreik starb. Unterhalb des Friedhofs breitet sich der Windsor Park aus, oberhalb prangt am Hügel die Botschaft: «Ehret die Toten Irlands.» An dieser Ecke ist der katholische Süden der Insel unverändert nahe.

Das Pub des Meisters und der rechte Haken von Coates

Von hier sind es nur ein paar Kilometer in das Stadion, das zwar Seaview heisst und deshalb Meersicht verspricht, aber zwischen Backsteinhäusern und Autobahn eingeklemmt ist. Die Crusaders sind hier zu Hause, die Crues, die sagen, sie seien nie ein politischer Verein gewesen. 10 Pfund kostet der Eintritt maximal. Wer nach der Pause kommt, zahlt nichts mehr.

Seaview, das Stadion der Crusaders, eingeklemmt zwischen Backsteinhäusern und Autobahn.

«Unsere wichtigste Einnahmequelle sind nicht die Zuschauer», sagt Stephen Bell, «sondern der ‹social club›.» Was abgehoben klingt, ist nichts anderes als ein Pub (es gibt im Stadion übrigens auch einen Medienraum, aber selbst der ist nichts mehr als eine Bar).

Bell ist ein gemütlicher Zeitgenosse, Zimmermann von Beruf und nebenher Präsident der Crues. Als sie letztes Jahr die Vorherrschaft des 51-fachen Meisters Linfield brachen, wurde im Seaview derart gefeiert, dass Bell bis heute nichts mehr vom Tag danach weiss.

«Boardroom» heisst das kleine Zimmer im ersten Stock der Haupttribüne, Vorstandszimmer. Zwei Groundhoppers sind da, so heissen die Fussballfans, die es sich zum Ziel machen, ein Fussballstadion nach dem anderen zu besuchen. Die beiden sind aus Deutschland und herzlich willkommen, und als sie später wieder gehen wollen, ruft Bell ihnen nach: «Nehmt doch noch ein Bier mit!»

An diesem Tag spielen die Crusaders gegen Dungannon Swifts. Bis zur Pause steht es 0:0 und ist der Fanshop in einem besseren Bretterverschlag wenigstens noch geöffnet. Nachher wechseln die eingefleischten Fans ihre Stehplatztribüne und stehen auch in der zweiten Halbzeit hinter dem Tor der Swifts. Paul Heatley ist der Held mit seinen Toren zum 2:0.

Colin Coates hält die Abwehr zusammen und kommt dabei ohne Rote Karte aus, was deshalb von Bedeutung ist, weil Colin Coates, seit klein auf Coatesy genannt, gerne eine Rote Karte sieht. Elf sind es bis heute, «vielleicht auch ein paar mehr», sagt er. «Elf sind einfach die, an die ich mich erinnern kann.» Die letzte hat er vor fünf Monaten erhalten, «für eine Auseinandersetzung». Er hat sie mit einem rechten Haken beendet.

Der 30-Jährige ist so etwas wie eine historische Figur im nordirischen Fussball: Er ist der Letzte, der es als Spieler eines nordirischen Clubs in die Nationalmannschaft geschafft hat. 2011 bestritt er sein bislang sechstes und letztes Länderspiel. «Das Nationalteam war meine Chance, meinen Fuss ins Schaufenster zu stellen und nach England zu wechseln», erzählt er.

Zwei Trainings pro Woche – man muss ja auch noch arbeiten

Er hätte beim englischen Zweitligisten Doncaster ein Testspiel bestreiten können, vor vier oder fünf Jahren war das. Aber so weit kam es nicht, er wollte seine Familie nicht aus Belfast herausreissen. Ein Baby war gerade gekommen, zwei Kinder hat er heute; noch immer rauben sie ihm den Schlaf, gerade vor einem Spiel, «und dann wundern sich die Leute, wenn ich den Ball nicht treffe», sagt er. Und lacht.

200 Pfund erhält Coates von den Crusaders in der Woche, was 300 Franken sind und ihn zum bestbezahlten Spieler machen. «Parttimers» heissen die Spieler in Nordirlands Premiership, Teilzeitarbeiter. Zweimal in der Woche trainieren die Crues, mehr ist nicht möglich, weil sie alle noch ihren Beruf und ihre Familie haben und nicht zu oft fort sein wollen. Anderseits sind sie froh, an zwei Abenden die Woche nicht daheim zu sein, «um Spass mit den Jungs zu haben, um machen zu können, was wir wollen», sagt Coates. Sein Hauptberuf ist Förderer des Völkerballs in Nordirland, das sei doch gut, um die Leute zum Sport zu bringen, findet er. Andere bei den Crusaders sind Schneider, Bankangestellte, Auslieferer, Gemeindearbeiter – «nichts zu Intelligentes, um ehrlich zu sein», sagt Coates und lacht wieder herzlich. Seine Frau ist Lehrerin.

Er holt sich noch ein Bier, setzt sich wieder und erzählt von den Plänen im Sommer, den Familienferien in einer Wohnwagensiedlung im südfranzösischen Fréjus. Dass er nicht mit den Fussballern in Frankreich ist, bedauert er kein wenig. «Ich kann nicht sagen: Oh, wieso habe ich das gemacht und das nicht?», sagt er. «Es ist so, wie es ist.» Und weil es ist, wie es ist, meldet sich seine Frau, die daheim nach den Kindern schaut. Sie drängt darauf, dass er heimkommt.

Drei Tage später erzielt Coates das Siegtor in Ballinamallard. Knapp vier Wochen später gewinnt er mit seinem Team 3:1 bei Cliftonville, dem grossen Rivalen aus Belfast, und ist Meister. «Die Freude ist surreal», meldet er.

«Belfast Child» heisst ein Lied über den Nordirlandkonflikt. Simple Minds singen voller Melancholie: «Mein ganzes Leben habe ich hier verbracht / Mit meinem Glauben an Gott, die Kirche und die Regierung / Aber es ist reichlich Traurigkeit vorhanden / Eines Tages werden sie die ganze Stadt vernichten.» Und auch: «Die Strassen sind leer / Das Leben geht weiter / Eines Tages werden wir wieder herkommen / Wenn das Kind aus Belfast wieder singt.»

Belfast Child: «Mein ganzes Leben habe ich hier verbracht / Mit meinem Glauben an Gott, die Kirche und die Regierung», singen die «Simple Minds».

Das Hotel Europa, wo früher die Bomben hochgingen, liegt an bester Adresse im Zentrum. Gegenüber findet sich der verschnörkelte Crown Liquor Saloon, das berühmteste Pub im Land. Nebenan das Robinson, wo jeden Abend eine Liveband spielt. Das Leben ist längst zurück in Belfast.

Zehn Minuten sind es mit dem Auto von hier zum Hafen, wo die riesigen Kräne der Harland & Wolff-Werft in den Himmel ragen. Sie baute einst die Titanic. Und neben der Titanic hat Belfast auch den ersten Popstar des Fussballs hervorgebracht. 70 wäre George Best heute, wenn er nach seinen Triumphen mit Manchester United nicht dem Alkohol verfallen und vor elf Jahren gestorben wäre. Glentoran gehörte schnell die Zuneigung des kleinen George, da wollte er spielen und wurde abgelehnt, weil er zu klein und leicht sei.

Der Club spielt im Oval, im Zweiten Weltkrieg wurde es bombardiert, heute liegt es zwischen Werft und Stadtflughafen. «Le jeu avant tout», das Spiel über allem, ist sein Motto. An diesem Abend gegen Coleraine ist davon nicht viel zu sehen. Glentoran übersteht einen biblischen Regensturm und gewinnt 1:0. Trainer Alan Kernaghan sagt aber: «Ich bin nicht zufrieden. Unser Spiel war nicht flüssig.»

Kernaghan ist einer dieser Iren, die als Spieler ihr Glück in England oder Schottland suchen, weil sie nur da eine Chance auf eine bessere Karriere sehen. 16 war er, als er 1983 daheim auszog und nach Middlesbrough ging und da die Hälfte seiner 445 Profispiele im Ausland bestritt. Später arbeitete er im Trainerstab der Glasgow Rangers, bevor er nach Belfast heimkehrte und bei Glentoran einstieg.

Er sitzt in seinem Büro, das eng ist, wie so vieles eng ist auf der Haupttribüne, auf der die Alten ihr Bier finden und die Kinder eine Milchbar. Kernaghan erzählt von den Sorgen eines Trainers, die alle Trainer haben, die mehr möchten, als die Verhältnisse zulassen.

Ein paar Münzen als Budget und der Appell an den Stolz

Auch seine Spieler können nur abends trainieren, auch sie gehen gerne im Juli in die Ferien, wenn im Europacup die ersten Runden anstehen. Er sagt: «Sie sind wirklich immer mit vollem Herzen dabei. Immer! Sie müssen einfach geben, was sie können, und so seriös und gut leben, wie sie es können, und sie müssen den Hunger haben, besser zu werden. Und wenn ich einmal mit ihnen nicht zufrieden bin, appelliere ich an ihren Stolz.»

Eine Million Pfund hat Meister Crusaders als Budget, nicht zuletzt dank des grossartigen Erfolges, in der Champions-League-Qualifikation gegen Levadia Tallinn die erste Runde überstanden zu haben. «Was unser Budget ist?», fragt Kernaghan, zieht eine Schublade seines Schreibtischs auf, entdeckt ein paar Münzen und sagt: «Das ist unser Budget.» 250'000 Pfund sind es tatsächlich.

Er verbringt viel Zeit damit, Plätze fürs Training zu organisieren, was beim schlechten nordirischen Wetter nicht immer einfach ist. Er träumt von einem Kunstrasen, wie ihn die Crusaders haben. 60'000 Pfund nehmen sie pro Saison ein, weil sie ihn für die Benutzung vermieten können.

Glentoran hat dank 23 Meisterschaften und 29 nationalen Cupsiegen eine grosse Geschichte (nur Linfield ist mit insgesamt 102 Titeln erfolgreicher). Kernaghan ist fürs Erste schon froh, kann er seit kurzem pro Woche dreistatt nur zweimal trainieren. Sein Antrieb ist es, den Club wieder dahin zu führen, wo er als Meister letztmals 2009 war.

Dass der Erfolg des Nationalteams einen Einfluss auf die heimische Liga hat, erwartet hier keiner: nicht Nationalcoach O’Neill, nicht Haudegen Coates, nicht Kernaghan. Zusammengefasst heisst das: zu klein das Land mit 1,8 Millionen Einwohnern, zu klein die Liga, zu gross die Konkurrenz von Rugby und Gaelic Football, zu gross der Reiz des Auslands.

Nur einen Gewinner sieht Kernaghan: die Anhänger der Nationalmannschaft. Endlich können sie wieder einmal an ein grosses Turnier reisen. Er sagt: «Nordirland wird im Sommer leer sein, wie England, Irland und Wales auch. Also das hilft unserer Liga nicht, aber wenigstens den Fans.»

Die Spieler sind schon fort, als Kernaghan vom Büro über den Gang in die Kabine geht. Auf dem Boden liegt der Dreck ihrer Schuhe. Kernaghan wischt ihn zusammen und steckt ihn mit einer Hand in den Abfallsack. Draussen regnet es wenigstens nicht mehr.

Video: Und jetzt – sind diese Nordiren für die Schweiz zu knacken?

Ex-Nationalspieler Georges Bregy im Interview. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 17.10.2017, 16:26 Uhr

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