Angekommen in der neuen Welt

Denis Popovic ist slowenischer Nationalspieler und so gut wie nie. Zum perfekten Start fehlt dem neuen FCZ-Spieler vor dem Spiel gegen Xamax nur eines.

«Ich will ein Leader sein. Und ein paar Tore erzielen» – Denis Popovic in der Zürcher Saalsporthalle. Foto: Urs Jaudas

«Ich will ein Leader sein. Und ein paar Tore erzielen» – Denis Popovic in der Zürcher Saalsporthalle. Foto: Urs Jaudas

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Einen Hund würde man nicht vor die Tür jagen. Es regnet quer an diesem Mittwochvormittag, der Vierbeiner würde riskieren, sich zu erkälten. Doch als Denis Popovic in der Saalsporthalle zum Gespräch erscheint, strahlt er. Die erste von zwei Trainingseinheiten mit dem FCZ hat er hinter sich, nun ist er frisch geduscht. «Guten Abend», scherzt er.

Die temporäre Abkehr vom Sommer kann ihm nichts anhaben, er sei von seinem letzten Arbeitsort ganz anderes gewohnt, sagt er, nun auf Englisch: «Als ich damals Ende Februar mein erstes Spiel in Russland bestritt, war es minus 20 Grad.» Sogar minus 30 sei keine Seltenheit gewesen.

Nach Orenburg hatte es ihn verschlagen, eine 500'000-Seelen-Stadt im Wilden Osten, im Grenzgebiet zu Kasachstan. Beim lokalen FK heuerte er 2017 an, vorher war er in Polen und Griechenland tätig. Natürlich waren die Möglichkeiten nicht zu vergleichen mit denen der grossen Moskauer Clubs oder von Zenit St. Petersburg, Orenburg schlug sich aber wacker und verpasste in der letzten ­Saison mit Platz 7 die Europa League nur knapp.

Am freien Tag nach Moskau

Das Wetter war nicht der einzige Grund für den Kulturschock. «Die Stadt hat viele Häuser aus der Zeit des Kommunismus», erzählt er, «und es gab vielleicht vier, fünf Restaurants mit westlichem Standard.» An freien ­Tagen gings mit dem Flugzeug nach Moskau. Die tägliche ­Routine in Orenburg, sie ist schnell zusammengefasst: Training, Mittagessen mit den Teamkollegen, Nachmittagsschläfchen, Abendessen, Nachtruhe.

Nicht gerade das, was ein junger Mann mit Glück assoziiert, auch wenn es finanziell attraktiv war. Auch Popovic stellte diese Gleichung auf: «Manchmal ist es besser, weniger zu verdienen und dafür glücklicher zu sein.» Die Schweiz ist dafür geeignet: Die Landschaft ähnelt derjenigen Sloweniens, die Familie kann ihn regelmässig besuchen: «Sie werden jeden Monat hier sein, nach Russland kamen sie nie, das war viel zu weit.»

Klar fällt sein Fazit nach einem knappen Monat fast uneingeschränkt positiv aus: «Es sind zwei total unterschiedliche Welten. Der Club ist gut, ich habe tolle Teamkameraden, dazu stimmt der Lebensstandard. Ich werde eine grossartige Zeit haben. Das Einzige, was mir noch fehlt, sind Punkte.»

«Ich war bereits mehrfach im erweiterten Kader gewesen, aber immer rausgefallen.»Denis Popovic

Sportchef Thomas Bickel schwärmte bei der Bekanntgabe von Popovics Transfer: «Denis ist ein spielerisch starker Führungsspieler, der durch seine Ballsicherheit und Passqualität überzeugt.» Sein Potenzial deutete er in den ersten Runden schon an, Immer wieder forderte er den Ball. Dies, obwohl er von sich selbst sagt, dass «ich erst bei 70 bis 80 Prozent angelangt bin. Es geht aber jeden Tag besser.» Aber sich jetzt zurückzuhalten, kommt für ihn nicht infrage: «Ich versuche dem Team immer zu helfen, wo ich kann.»

Es ist eine Qualität, die ihm zuletzt auch zu Höhenflügen verhalf. Eineinhalb Jahre hatte er in Russland als Nummer 10 gespielt, als den Trainer vor einem Spiel bei ZSKA Moskau Personalnot auf der Position des Sechsers plagte. Wenn Bedarf sei, könne er auch auf jener Position spielen, sagte Popovic. Er spielte stark, Orenburg siegte 3:2, und der Trainer hatte beim Debriefing nur eine Mitteilung: «Von jetzt an spielst du bis zum Karriereende auf dieser Position.»

Eine Umstellung, die weitere positive Folgen zeitigen sollte. Zum Spiel in Ufa reiste der Assistenztrainer des Nationalteams an, primär um drei Spieler beim Gegner zu beobachten, Popovic hörte aber, dass er nach der Partie auch mit ihm reden wolle. Wieder betrieb er Eigenwerbung, Orenburg siegte 2:0, und «ich gab einen schönen Assist». Der Assistenztrainer brachte ihm dann jene Hoffnung zurück, die er schon fast verloren hatte. «Ich war bereits mehrfach im erweiterten Kader gewesen, aber immer rausgefallen. Als ich dann das Aufgebot erhielt, war ich unglaublich glücklich.»

Sechs Punkte als Ziel

Im Mai hat er debütiert, bald folgen kursweisende Heimspiele gegen Polen und Israel. Die EM-Chancen seien intakt, sagt Popovic, die Gedanken an jene beiden Partien sind aber noch weit entfernt. Zunächst gilt der ganze Fokus den beiden Heimspielen gegen Neuchâtel Xamax und St. Gallen. «Eine Gelegenheit für uns, sechs Punkte zu holen», gibt sich Popovic optimistisch. Es seien nur diese Erfolgserlebnisse, die seinem Team fehlten, ist er überzeugt: «Wir brauchen einen Sieg, und es ist nicht wichtig, ob wir gut oder schlecht spielen. Wenn wir diesen haben, können wir entspannter aufspielen.»

Die Augen im Letzigrund werden in beiden Spielen auch auf ihn gerichtet sein, den 29-jährigen Neuzugang in der Schaltstelle. Von sich selber fordert er viel: «Ich will gute Pässe schlagen, ein Leader in der Mitte sein, den Rhythmus wechseln, den jungen Spielern helfen.» Und natürlich, fügt er an, «würde ich gerne ein paar Tore erzielen». In Russland traf er in 65 Meisterschaftspartien immerhin 15 Mal.

Popovic verabschiedet sich, der Blick fest, der Händedruck kräftig. «Sorry für mein Englisch, ich habe es fünf Jahre nicht mehr gesprochen.»

Erstellt: 11.08.2019, 14:16 Uhr

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