Auf Kurs ja – am Ziel nein

Die Schweizer Fussballer sind nach dem hart umkämpften Pflichtsieg in Island der WM-Endrunde 2014 in Brasilien ein Stück nähergerückt – mehr aber nicht.

Tagesanzeiger.ch/Newsnet-Sportredaktor Florian A. Lehmann

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Die erfreulichen Aspekte sind auch die wichtigsten: Die Schweizer Fussballer haben den ersten Teil der Mission WM 2014 ungeschlagen beendet und führen ihre WM-Qualifikationssgruppe mit 10 Punkten aus 4 Spielen mit dem beachtlichen Torverhältnis von 7:1 an. Damit hat die Mannschaft von Nationalcoach Ottmar Hitzfeld den Startrekord aus der Ära Roy Hodgson in der WM-Ausscheidung 1994 und der EM-Qualifikation 1996 eingestellt. Der resultatmässig gelungene Start der SFV-Equipe im Jahre 2012 lässt hoffen: Sowohl 1994 an der WM in den USA und zwei Jahre später an der EM in England war die Schweiz an wichtigen Turnieren später auch vertreten.

So weit, so gut. Wer aber nicht nur die Zahlen und Resultate als Massstab nimmt, sondern auch die Leistungen berüchsichtigt, der muss festhalten: Der Auftritt der Schweizer gegen die zwar gut organisierten, jedoch hausbackenen und mitunter gar zu hart einsteigenden Isländer an diesem frostigen Abend in Reykjavik war 60 Minuten lang alles andere denn überzeugend, schon gar nicht WM-würdig. Teilweise hatte der neutrale Beobachter das Gefühl, das Hitzfeld-Team falle in alte Fehler zurück: im Spielaufbau zu behäbig, zu ideenlos, zu wenig präzis, im Abschluss zu wenig entschlossen oder erschreckend harmlos. Die Schweizer konnten sich bei ihrem Goalie Diego Benaglio und bei Göttin Fortuna bedanken, dass die Isländer nicht in Führung gingen. Es wäre auf Grund des Gezeigten nicht unverdient gewesen. Hätten die tapfer kämpfenden Nordländer in der 60. Minute nicht die Latte, sondern ins Netz getroffen, hätte die Partie auf hartem Terrain ein andere Wende nehmen können – mit enttäuschendem Ausgang für den Gast.

Noch in der letzten EM-Qualifikation hätte die Nati gegen einen Gegner dieses Niveaus vermutlich noch verloren. Aber – und das ist die erfreuliche Wandlung gegenüber der letzten Ausscheidung: Die Schweizer können sich steigern, auch wenn es ihnen nicht nach Wunsch läuft. Sie treten mehr als Einheit auf als früher und sind auch geduldiger als noch vor einem Jahr. Zudem scheinen sie aus dem emotionsgeladenen Duell gegen die Norweger in mentaler Hinsicht sowie punkto Disziplin ihre Lehren gezogen zu haben. Dass Benaglio wegen Spielverzögerung verwarnt wurde und nun im März gegen die Zyprioten fehlen wird, war ein gar hartes Verdikt des sonst schnörkellos pfeifenden irischen Schiedsrichters. Nun haben die Ersatzkeeper Marco Wölfli und Yann Sommer die Chance zu zeigen, dass sie Benaglio in einem Ernstkampf würdig ersetzen können. Mit Mario Gavranovic hat Hitzfeld überdies einen Mann im Sturm gefunden, der mehr als nur eine Alternative ist. Überhaupt ist der Kreis fähiger Internationaler grösser geworden, was für den Trainer mehr personellen Spielraum lässt.

Trotz der Fortschritte der Schweizer Nationalmannschaft in manchen Bereichen bleibt nach dem lange Zeit wenig erbaulichen Kick auf Island festzuhalten: Euphorie ist fehl am Platz. Es sind erst vier von zehn Runden absolviert, es kann noch vieles passieren. Die Schweiz mag auf WM-Kurs sein, das Ticket für Brasilien hat sie aber noch längst nicht in der Tasche. Dazu ist der Weg noch zu lang, zu steinig, dazu sind die Leistungen noch zu schwankend, die Auftrtitte noch zu wenig stilsicher. Sind sich die Nationalspieler und die Öffentlichkeit diesen Tatsachen bewusst, dann ist zumindest die Basis für ein erfolgreiches Fussball-Jahr 2013 gelegt.

Erstellt: 17.10.2012, 00:52 Uhr

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