«Ausgerechnet auf Chelseas grösste Stärke sind die Bayern anfällig»

Der Schweizer Nationalcoach Ottmar Hitzfeld hat mit Dortmund und Bayern die Champions League gewonnen. Im Interview mit Tagesanzeiger.ch/Newsnet sagt er, was er vom heutigen Final zwischen den Bayern und Chelsea erwartet.

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Ottmar Hitzfeld, Sie werden bestimmt wie im Halbfinal in Madrid in München als Experte für Sky wieder vor Ort sein.
Nein, diesmal nicht.

Weshalb nicht?
Ich bin zurzeit mit meiner Mannschaft beschäftigt. Ich sichte Videomaterial unserer Gegner in der WM-Qualifikation. Zudem haben wir am 26. Mai ein Testspiel gegen Deutschland auf dem Programm. Am Sonntag werde ich in Rom den italienischen Cupfinal beobachten. Dort spielen mit Gökhan Inler, Blerim Dzemaili und Stephan Lichtsteiner drei meiner Spieler. Die Nati hat für mich oberste Priorität. Deshalb habe ich Sky abgesagt.

Trotzdem möchten wir mit Ihnen über den Final der Champions League am Samstag in München sprechen.
Okay, schiessen Sie los.

Nach der 2:5-Niederlage im deutschen Pokalendspiel gegen Dortmund haben die Bayern-Spieler Bastian Schweinsteiger und Captain Philipp Lahm allen Ernstes gesagt, die Bayern seien das bessere Team gewesen. Darf man das? Und wie haben Sie diese Äusserungen empfunden?
Das haben die beiden im Frust gesagt. Man darf solche Aussagen kurz nach einem Spiel nicht auf die Goldwaage legen. Aber es war des FC Bayern trotzdem nicht würdig.

Wie meinen Sie das?
Normalerweise stellt man sich bei den Bayern hin und anerkennt die Leistung des Gegners und bekennt sich dazu, dass man schwach war. Ich bin mir auch sicher, dass Trainer Jupp Heynckes intern eine knallharte Analyse gemacht hat.

Die Bayern haben in dieser Saison gegen Dortmund das Rennen um Titel und Pokal verloren und zuletzt insgesamt fünfmal in Serie gegen dieses Team eine Niederlage bezogen. Wie steckt man ein solches Trauma weg?
Ich denke nicht, dass die Bayern deswegen ein Trauma haben.

Warum nicht?
Sie haben in der Champions League immer wieder bewiesen, dass sie auf Rückschläge in der nationalen Meisterschaft durchaus reagieren können. Das war auch zuletzt im Halbfinal-Rückspiel gegen Real Madrid der Fall. Ich glaube, dass der Verlust der Meisterschaft und die Niederlage im Pokalendspiel jetzt ein Vorteil für die Bayern sind. Die Chancen auf einen Sieg gegen Chelsea sind gestiegen.

Weshalb sehen Sie das so?
Bei den Bayern herrscht jetzt dicke Luft. Jetzt wird man alle Kräfte bündeln. Ich erwarte eine Trotzreaktion. Und die wird auch kommen, da bin ich ganz sicher. Wenn bei den Bayern eine besondere Leistung gefragt ist, macht sie das umso gefährlicher.

Günter Netzer hat in seiner Kolumne in der «Bild am Sonntag» die Spielweise von Chelsea im Halbfinal gegen Barcelona als destruktiv, abartig und schrecklich bezeichnet. Sehen Sie das auch so?
Natürlich hat mir diese Spielweise auch nicht gefallen. Das war die Auferstehung des italienischen Catenaccio aus den Sechzigerjahren.

Das war doch dieses ultradefensive 5-4-1-System mit nur einer Sturmspitze, das der argentinische Trainer Helenio Herrera bei Inter Mailand einführte?
Genau. Doch diese Taktik des nüchternen und rein erfolgsorientierten Fussballs hat Chelseas Trainer Roberto Di Matteo absolut recht gegeben. Für mich war es keine schöne Spielweise, aber eine vertretbare und deshalb auch die richtige Taktik.

Weshalb?
Barcelonas Mannschaft ist von der Substanz her einiges stärker als diejenige von Chelsea. Hätte Di Matteo offensiv spielen lassen, hätte er keine Chance auf Erfolg gehabt.

Wie müssen die Bayern taktisch gegen dieses Chelsea vorgehen?
Sie müssen die richtige Balance zwischen Defensive und Offensive finden, sehr ausgewogen und klug spielen.

Was heisst das konkret?
Sie müssen in der Abwehr kompakt stehen und die Fehlerquote aus dem Pokalendspiel gegen Dortmund auf ein Minimum reduzieren. Natürlich fehlen mit Badstuber, Gustavo und Alaba drei gesperrte Spieler, die für die Defensive sehr wertvoll sind. Doch auch Chelsea muss unter anderen auf Abwehrchef Terry verzichten, der ebenfalls gesperrt ist. Dazu sind auch Ramires, Raul Meireles und Branislav Ivanovic gesperrt. Ramires hat beim 2:2 in Barcelona einen Treffer erzielt und ist sehr torgefährlich. Ich denke aber trotzdem, dass die Bayern die gesperrten Spieler besser kompensieren können.

Weshalb?
Die Bayern haben das breitere und ausgewogenere Kader und somit die bessere Ersatzbank.

Was macht Chelsea so gefährlich?
Chelsea ist sehr konterstark, und die Bayern sind anfällig für Konter. Dort lauert für die Münchner die grösste Gefahr.

Die Bayern sind also ausgerechnet für die grösste Stärke Chelseas anfällig?
Ja, das ist so.

Was erwarten Sie für ein Spiel?
Ich denke, dass die Bayern einen Spielanteil von 60 bis zu 75 Prozent haben werden. Sie werden offensiv ausgerichtet sein. In der Offensive liegt auch ihre grosse Stärke. Dort sind sie wesentlich stärker als Chelsea. Gomez, Robben, Ribéry, Kroos, Müller und Schweinsteiger sind alle torgefährlich. Die bringen eine geballte Offensivkraft auf den Rasen. Diese Spieler können den Unterschied in diesem Final ausmachen. Und von Schweinsteiger erwarte ich auch, dass er die Mannschaft führt.

Die Bayern können im eigenen Stadion antreten. Ist das ein Vorteil?
Ich denke schon, auch wenn natürlich auch 17'000 englische Fans für Stimmung sorgen. Der Rest unter den 60'000 Zuschauern wird aber fast sicher für die Bayern sein. Die Bayern sind in ihrer gewohnten Umgebung, das ist ein psychologischer Vorteil.

Sie wurden bei den Bayern einst entlassen. Sie wissen, wie die Mechanismen dort funktionieren. Bei einer Niederlage im Final der Champions League stünde Trainer Jupp Heynckes mit leeren Händen da. Kann es sich ein Trainer der Bayern überhaupt erlauben, keinen Titel zu holen.
Sehen Sie, die Bayern haben bisher eine gute, aber keine sehr gute Saison gespielt. Wenn sie die Champions League gewinnen, wäre das plötzlich sogar eine grandiose Saison. Ich bin sicher, dass Jupp Heynckes auch bei einer Niederlage gegen Chelsea in der kommenden Saison noch Trainer in München sein wird. Er war ja in allen Wettbewerben bis zum Schluss voll dabei.

Falls die Bayern die Champions League gewinnen, sprechen Sie von einer grandiosen Saison, weshalb?
Der Sieg der Champions League hat für die Bayern den weit grösseren Stellenwert als der Gewinn der Meisterschaft oder des Pokals. Die Bayern haben das Double schon mehrmals geholt.

Was würde ein Sieg in der Champions League für Bayern-Präsident Uli Hoeness bedeuten?
Es wäre für ihn das Grösste, im eigenen Stadion diesen Titel zu holen. Für Hoeness würde ein Lebenstraum in Erfüllung gehen.

Erstellt: 18.05.2012, 12:19 Uhr

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