«Bei Yakin reut mich jeder Franken»

GC-Präsident Stephan Anliker rechnet im grossen TA-Interview mit Yakin und Vogel ab – und kündigt einen gewichtigen Abgang an.

«Würde Yakin nicht mehr verpflichten»: GC-Präsident Stephan Anliker. Foto: Ennio Leanza (Keystone)

«Würde Yakin nicht mehr verpflichten»: GC-Präsident Stephan Anliker. Foto: Ennio Leanza (Keystone)

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Sie sind seit Februar 2014 Präsident. Haben Sie die Krisen gezählt, die GC seither erlebt hat?
Gezählt habe ich sie nicht, aber es waren einige. Doch wo stehen wir jetzt? Finanziell ist es deutlich besser als 2014, organisatorisch auch. Sportlich sind wir momentan schlechter als im letzten Herbst. Dass es in einem Fussballclub Auf und Ab gibt, ist logisch. Bei GC redet man halt schnell von Krisen.

Wieso herrscht permanent Unruhe?
Wir schleppen seit vielen Jahren Altlasten mit, ohne sie nachhaltig beseitigen zu können. Das muss sich ändern.

Das heisst?
Es geht um die Geschichte von GC, die mit stark überhöhten Erwartungen verbunden ist. Und um einen Generationenwechsel, bei dem einige Leute Schwierigkeiten haben, Jüngeren den Platz zu überlassen. Das führt zum Kampf um Einfluss und Geltung.

Wer kann nicht loslassen? Der langjährige Geldgeber Heinz Spross? Der frühere Sportchef Erich Vogel, die eng befreundet sind?
Die, die es betrifft, wissen das schon.

Wie zeigt sich, dass einige nicht loslassen können?
Schauen Sie, was in den letzten Wochen passiert ist. Wir suspendierten Roland Klein als Vizepräsident, weil er sich nicht in die bestehende Struktur einordnen wollte. Damit haben wir Personen aus seinem Umfeld getroffen. Die haben jetzt eine Medienkampagne losgetreten.

Kommen alle Störfeuer wirklich immer aus der gleichen Ecke? Der Ecke Vogels?
Es scheint ganz klar so zu sein. Wenn es nach ihm ginge, wäre er Verwaltungsratspräsident, Geschäftsführer, Sportchef und Trainer.

Sind Sie sicher?
Man muss wegen seiner Äusserungen davon ausgehen, dass er das alles sein möchte. Das Problem ist: Er versucht, aus dem Hintergrund Einfluss zu nehmen, übernimmt aber keine Verantwortung. Nach der Suspendierung von Klein hat mir Vogel mit allerlei Dingen gedroht. Die Drohung gehört zu seinem Werkzeug.

Sie verbannten Vogel vor Jahren vom Campus, weil er bei GC für viele Intrigen gesorgt hatte. Sie waren aber vor einem Jahr bereit, es wieder mit ihm zu versuchen.
Ja. Ich versuchte, ihn wieder zu integrieren. Ich gebe zu, das ist misslungen.

Wann haben Sie gemerkt, dass Sie damit gescheitert sind?
Im Verlauf dieses Winters. Weil unsere Strategien und Vorgehensweisen von Vogel und von Klein unterwandert worden sind.

Können Sie ein Beispiel geben?
Eines ist die plötzliche Umwälzung der Mannschaft im Winter.

Es gab sieben Zuzüge und sieben Abgänge, irgendjemand hätte das ja auch unterbinden können.
Die Transfers wurden uns scheibchenweise verkauft.

Aber …
(unterbricht) Klein war verantwortlich für den Sport im VR. Das Problem war, dass er die festgelegte Strategie nicht respektiert hat. Am Ende bin ich als Präsident dafür verantwortlich, was im Club geschieht. Aber ich muss mich auf meine Leute verlassen können. Ich kann nicht jedes Tun und Handeln hinterfragen. Unser Vertrauen wurde missbraucht. Ursprünglich war vorgesehen, dass sich Heinz Spross und Peter Stüber (sie halten wie Anliker je 30 Prozent der Aktien) im VR von Klein vertreten lassen. Das betrachtete er wohl als Freipass, um in die operative Führung von GC einzugreifen.

War Klein ein Erfüllungsgehilfe von Vogel?
Dafür gibt es Indizien. Einzelne Angestellte haben ihn gemocht, er machte ihnen viele Versprechungen. Solche Dinge lagen aber nicht in seiner Kompetenz als VR. Sein Know-how war offenbar auch von Herrn Vogel überschätzt worden.

Vogel wiederum wird vorgehalten, er habe Einfluss auf die Transfers genommen. Haben Sie das gespürt?
Nicht nur gespürt, es ist mir bei der Kontrolle auch aufgefallen. Es gab tatsächlich eine Art Schattenorganisation, die am Entstehen war. Sie machte sich wie ein Geschwür breit. Dadurch wurde die operative Führung unterwandert. Der Sportchef (Mathias Walther) wurde zum Statisten, der Geschäftsführer (Manuel Huber) gezielt umgangen.

Das heisst, dass Mathias Walther in seiner Funktion entmachtet war?
Faktisch war das so. Er hatte im Sommer eine gut funktionierende Mannschaft zusammengestellt – und das ohne Geld für Transfersummen. Das war eine schwierige Aufgabe. Dafür verdient er Anerkennung. Doch im Winter wurde die Mannschaft aus mir weiterhin unerfindlichen Gründen komplett verändert. Bald darauf begann der Trainer, Spieler blosszustellen. Die Leistungen wurden schlecht.

Auffallend war ausserdem, dass Murat Yakin Spieler abschob oder zurückstufte, von denen Walther viel hielt: Bahoui, Sigurjonsson oder der frühere Captain Vilotic …
... ja, vielleicht wollte er dadurch seinen Einfluss vergrössern.

Da war die Welt noch in Ordnung. Murat Yakin in seinen ersten Tagen bei GC. Video: Tamedia

Wieso verhinderten Sie das nicht?
Diesen Vorwurf muss ich mir machen. Wir hätten Yakin zwingen müssen, sich in die Organisation einzupassen. Und wir hätten Klein nicht zum Vizepräsidenten machen dürfen. Das war der Fehler, der auf meine Kappe geht.

Anfänglich äusserten Sie sich wohlwollend über Klein …
... ich habe ihm vielleicht einen zu wohlwollenden Empfang bereitet …

... Sie glaubten, er könne GC helfen.
Mein Fehler war, dass ich da zu kompromissbereit war.

Das heisst?
Wenn man nicht zu 100 Prozent der Eigentümer ist, muss man auf die weiteren Aktionäre Rücksicht nehmen. Meine Rücksichtnahme ging aber zu weit.

Also auf Spross und Stüber?
Das ist so.

Sie selbst wollten Yakin unbedingt.
Ja.

Und Sie trafen diesen Entscheid, ohne dass Walther involviert war.
Den Zeitpunkt des Entscheids wählte ich, ja. Da war Walther nicht involviert.

Das ist doch gefährlich. Das merkt jemand wie Yakin und nimmt seinen direkten Vorgesetzten nicht ernst.
Ich sehe heute ein, dass dies ein falsches Signal gegenüber dem Sportchef und dem Geschäftsführer war.

Wieso irrten Sie sich in Yakin?
Ich habe mich nicht geirrt. Die Dynamik aus seinem Umfeld half danach einfach nicht, Yakin und GC zu einer Einheit zusammenzubringen. Mit jeder Trainerverpflichtung geht ein Club Risiken ein. Den ersten Trainer in meiner Zeit als Präsident, Skibbe, übernahm ich noch von meinem Vorgänger. Der zweite, Tami, war immerhin etwas über zwei Jahre bei uns. Der dritte, Bernegger, war für uns ein Übergangstrainer …

... ja? Er erhielt letzten Sommer einen Vertrag bis Ende 2019.
Okay. Aber damals wussten wir nicht, dass es 2017 mit der Verpflichtung von Yakin noch klappen würde.

Welchen dieser Trainer würden Sie nicht mehr verpflichten?
Yakin. Es tut mir leid, das so zu sagen.

Ärgern Sie sich darüber?
Nein. In der damaligen Zeit war es der richtige Entscheid. Dass Yakin, Klein und Vogel nicht einhielten, was Aktionäre und VR vorgaben, war nicht voraussehbar. Vorgabe war, dass diese Saison mit der Mannschaft durchzuziehen ist, die Walther zusammengestellt hatte. Stattdessen verfolgten Yakin und seine Kollegen eine eigene Agenda.

Vor dem Start ins neue Jahr kritisierte Yakin an einem Presse­termin Walther, Goalie Lindner …
... das war wenig stilvoll …

... und der Tiefpunkt war später der Satz, die eine Hälfte der Spieler könne Vilotics von Wut geprägter Eintrag im Team-Chat gegen Yakin nicht lesen, und die andere verstehe ihn nicht.
Der Krug geht zum Brunnen, bis er bricht. Es gab ja auch noch den Ausraster im Spiel gegen Lausanne.

Er soll den Schiedsrichter «Hohlkopf» genannt haben.
Solche Entgleisungen lassen sich durch nichts rechtfertigen. Wir mussten Klein dazu drängen, dass er Yakin dafür eine Abmahnung erteilt. Das geschah allerdings nicht. Danach sprach sich der VR für die Absetzung von Klein aus.

Wie reagierten Stüber und Spross auf diesen Schritt?
Für Peter Stüber war das eine logische Konsequenz.

Und für Spross, der Klein offenbar bezahlt? Ist damit klar, dass er nicht mehr auf Dauer Aktionär sein wird?
Es sieht so aus, als könnte es im Aktionariat eine Änderung geben. Entschieden ist das aber noch nicht. Wir werden das unter uns regeln.

Wir können uns vorstellen, wie Vogel nun auf Spross einredet. Ohne Spross würde er an Einfluss verlieren.
Darüber sollten wir nicht spekulieren. Dass sich Vogel und Klein zurückziehen müssen, ist uns allen klar, auch den Aktionären. Es geht um GC. Ich gehe davon aus, dass am Ende die Vernunft obsiegt.

Was ist die Rolle von Stüber? Bleibt er? Er ist Vogel ja auch verbunden.
Seine Verpflichtung, mit mir als Ankeraktionär weiterzumachen, ist bestätigt.

Ohne Spross müssten Sie andere Leute finden, die seinen Beitrag von 1 Million Franken pro Jahr ersetzen. Oder selbst noch mehr bezahlen.
Die Querelen der letzten Wochen haben GC und seinen Sponsoren enorm geschadet. Die Leute, die diese Schmutzkampagne gestartet haben, sind dafür verantwortlich. Sollten wir keine neuen Geldgeber finden, sind die zur Rechenschaft zu ziehen.

Sie sind kein Präsident, der täglich auf dem Campus ist. Sind Sie zu weit weg vom Tagesgeschäft, und gibt es deshalb immer wieder Krisen?
Ich führe nicht die Operative. Das macht Manuel Huber. Er hat aus der desorganisierten Truppe, die wir vor vier Jahren übernahmen, eine gut funktionierende Organisation aufgebaut. Das konnte er auch, weil ich dann da bin, wenn ich gebraucht werde.

Ist er bei Ihnen unbestritten?
Ich möchte nicht auf ihn verzichten.

Der «Blick» hat eine Lohnliste in Umlauf gebracht. Demnach verdient Huber 350'000 Franken. Ist er das wert?
Das ist völliger Quatsch, was im «Blick» stand. Man wollte Huber damit bloss diffamieren. Er verdient rund 220'000 Franken. Das ist branchenüblich.

Und was ist mit der Treueprämie von 250'000 Franken?
Die hat er, aber die bekommt er erst nach einer Periode von fünf Jahren. In einer unsicheren Phase mit wechselnden Investoren wollten wir ihn so an die Organisation binden.

Wissen Sie, wer dem «Blick» die Lohnliste zugespielt hat?
Wir haben verlässliche Angaben über die Informanten. Wir schliessen deshalb rechtliche Schritte nicht aus. Das alles wird für einige Beteiligte sehr unangenehm werden.

Wen haben Sie im Verdacht?
Dazu äussere ich mich nicht.

Klein? Vogel? Yakin?
Ich äussere mich dazu nicht.

Was macht das mit einer Mannschaft, wenn sie liest, dass Lucas Andersen um die 700'000 Franken verdienen soll?
Solche völlig falschen Zahlen können eine Mannschaft destabilisieren. Ich muss leider davon ausgehen, dass genau das auch das Ziel dieser Aktion war. Andersen verdient rund 400'000 Franken, das ist wahrscheinlich zu viel. Andererseits ist er ein Spieler, der an guten Tagen auf dem Transfermarkt einmal viel Geld einbringen könnte.

Yakin wurde am Abend vor dem letzten Derby spätnachts in einem Restaurant an der Langstrasse gesehen, am Tisch sass ein «Blick»-Journalist. Was sagt Ihnen das?
Wir haben davon gehört. Wenn es stimmt, müssen wir auch hier an der Professionalität von Yakin zweifeln. Immerhin war es um zwei Uhr morgens. Wie soll ein Trainer, der sich so verhält, Vorbild für seine Spieler sein?

Am Dienstag entliessen Sie Yakin. Das kommt Sie teuer zu stehen. Sein bis 2019 laufender Vertrag ist jährlich mit 500'000 Franken dotiert.
Eine Trainerentlassung ist nie günstig. In diesem Fall reut mich jeder Franken.

Was müssen Sie sich grundsätzlich bei Personalentscheiden vorwerfen?
Wie meinen Sie das?

Sie hatten Rapic und Thoma als Sportchef, Sie hatten Bernegger als Trainer und jetzt Yakin. Jedes Mal zogen Sie nach wenigen Monaten die Notbremse. Das kann man auch als Führungsschwäche sehen.
Das kann man, aber es greift zu kurz. Denn ich führe den Club durch eine sehr delikate Phase, in der Querschüsse an der Tagesordnung gewesen sind.

Querschüsse?
Ich meine die Parallelstruktur, die dem Verein schadet.

Klein ist weg, Yakin auch. Was braucht es noch, um die Parallelstruktur ganz zum Verschwinden zu bringen? Den Ausstieg von Spross?
Heinz selbst sieht es so, ja.

Weil mit ihm auch Vogel weg ist?
Ja. Aber fragen Sie ihn doch selbst.

Haben Sie einen Plan für die Challenge League?
Den gleichen wie im vergangenen Jahr.

Sie befassen sich also mit dem Abstieg?
Selbstverständlich müssen wir das. Wir haben jetzt die erste Massnahme getroffen, damit sich die Mannschaft wieder finden kann.

Mathias Walther betreut sie jetzt interimistisch. Und wer wird der neue Trainer?
Das Ziel ist es, ihn so schnell wie möglich zu finden.

Aber wer wird es? Peter Zeidler? Urs Meier?
Wir werden sehen. Vielleicht verpflichten wir auch eine Frau als Cheftrainerin. Da gäbe es wenigstens keine Hahnenkämpfe mehr (lacht).

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 13.04.2018, 23:34 Uhr

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