«Bin etwa ich verrückt?»

Sions Präsident Christian Constantin legt sich unerschrocken mit Verbänden und Funktionären an – aber die Fifa will mit aller Konsequenz gegen ihn vorgehen.

Sieht sich im Recht: Sion-Präsident Christian Constantin.

Sieht sich im Recht: Sion-Präsident Christian Constantin. Bild: Keystone

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Bloss keine Schwächen zeigen, nicht jetzt, nach diesem schmerzhaften 0:4 gegen Servette. Und erst recht nicht, wenn es zurückgeht an die juristische Front, zurück zum Kampf um Lizenzen für Neue und gegen Transfersperren. Das Sitzungszimmer in Martigny, der Schaltzentrale des FC Sion, ist heruntergekühlt auf frische Raumtemperatur. Der Chef gibt sich ausgesprochen locker, er pfeift, als er den Raum betritt, zieht seine Schuhe aus, legt sich in seinen Sessel und sagt: «Ich gehe bis ans Ende. Ganz sicher.» Er schiebt ein Lächeln nach und legt seine baren Füsse auf die Lehne eines Stuhls. Jetzt sieht der Mann erst recht entspannt aus, als könnte ihn nichts erschüttern. Neben ihm wacht der ausgestopfte Wolf.

Christian Constantin würde sich Nervosität nie anmerken lassen, seine Hülle hält dicht. Er ist der Präsident mit dem Etikett des unerschrockenen Regenten, der Trainer entlässt, wenn ihm der Sinn danach steht. Oder der sich wie jetzt mit dem Weltverband Fifa anlegt. In der Rolle des Trotzigen, der sein Revier verteidigt und sich nichts vorschreiben lässt, gefällt sich der 54-Jährige.

«Hier steht es doch, hier!»

Die Geschichte hat ihren Ursprung im Frühjahr 2008, als der FC Sion den Ägypter Essam El Hadary verpflichtet. Die Fifa bestraft die Walliser wegen Anstiftung zu Vertragsbruch des Goalies mit seinem bisherigen Arbeitgeber Al-Ahly. Der Spieler büsst mit einer viermonatigen Sperre – und Sion darf eigentlich während zwei aufeinanderfolgender Transferperioden keine Transfers tätigen. Es ist der Anfang einer Angelegenheit, die sich zu einer komplexen Geschichte mit vollem Programm auswächst.

Nur Constantin erkennt keinen Dschungel: «Es ist alles ganz einfach.» Er wirft einen Stapel Papier auf den langen Sitzungstisch, kramt ein Schreiben mit dem Briefkopf der Fifa hervor, dann eines mit der Antwort des internationalen Sportgerichts CAS vom 1. Juni 2010 und stützt seine ganze Argumentation darauf. Das CAS, sagt Constantin, gebe ihm Recht, ohne Zweifel. «Hier steht es doch, hier! Oder bin etwa ich verrückt?» Langsam kommt er in Fahrt.

Fifa: «Transfersperre richtig»

Die Fakten der Fifa liefern allerdings ein anderes Bild, eines, das Constantin in Bedrängnis bringt. Das CAS habe die Transfersperre im Juni des letzten Jahres bestätigt, versichert Marco Villiger, Direktor des Fifa-Rechtsdienstes, «sie wurde als richtig und proportional betrachtet». Constantin zog den Fall weiter, diesmal vors Bundesgericht. Er blitzte am 12. Januar 2011 ab – die Beschwerde wurde abgewiesen.

Im April erinnerte die Fifa den FC Sion an die auferlegte und rechtskräftige Sperre, in diesem Sommer keine Spieler verpflichten zu dürfen. Das Schreiben blieb unbeantwortet. Sions Rechtsanwalt Alexandre Zen-Ruffinen gelangte mit dem Vorschlag an die Fifa, eine gütliche Lösung zu finden. Der Weltverband hielt an seiner Strafe fest und bestätigte das auch. Sion ging erneut den Weg ans CAS, scheiterte aber mit dem Antrag, die Transfersperre für diesen Sommer aufzuheben. Das Problem war nur, dass Constantin bereits ein halbes Dutzend Spieler verpflichtet hatte.

Constantin in der Sackgasse?

Ihm blieb nur der Ausweg, den Neuen zu empfehlen, sich über das Zivilgericht von Martigny am 3. August mit einer superprovisorischen Verfügung die Spielberechtigung zu erwirken. «Abgesehen davon, dass die Spieler damit die Statuten verletzten, wussten sie ganz genau, dass die Transfersperre gilt», sagt Marco Villiger. Für ihn ist «klar», dass sich Constantin in eine Sackgasse verrannt hat und nun anfängt, wild zu rudern, um nicht unterzugehen.

Ausstehend ist die Entscheidung des Zivilgerichts in Martigny, die die Fifa vor das Obergericht zöge, würde der Richter die provisorischen Massnahmen aufrechterhalten. Villiger rückt von seiner Haltung nicht ab: «Aufgrund der rechtskräftigen Entscheide des CAS und des Bundesgerichts hätten die Spieler nicht registriert werden dürfen.» Dass Constantin betont, dass sämtliche Fussballer für die Europa League doch spielberechtigt waren, stimmt zwar. Aber Villiger präzisiert: «Das wird die Uefa überprüfen müssen.»

Das Votum von Blatter

Inzwischen melden sich auch ranghohe Funktionäre dahingehend, dass Constantin vor einer schweren Niederlage steht. Uefa-Präsident Michel Platini sagte letzten Freitag in Monaco: «Es scheint, dass der Klub die Regeln verletzt hat.» Dazu stellte er in Aussicht, dass Celtic für Sion in der Europa League starten könnte. Fifa-Präsident Sepp Blatter richtete sich via «Le Matin» an seinen Kantonsgenossen: «Wir haben einen Entscheid, bestätigt durch das CAS und das Bundesgericht. Ich verstehe Constantin nicht.» Und vielsagend: «Die Entschlossenheit der Walliser ist ehrenhaft. Aber die der Oberwalliser ist noch stärker.»

Constantin wischt unbeirrt alles beiseite, was ihm vorgehalten wird. Platini, findet er, habe nicht genügend Dossierkenntnisse, und als er Blatters Aussagen liest, lacht er nur: «Es ist doch wahnsinnig: Er schreibt mir im Mai noch einen Brief mit der Anrede: ‹Lieber Freund, lieber Komplize› und wünscht uns eine gute Saison.»

«Sie sollen sich um ihr Geschäft kümmern»

Schon gar nichts hält er vom aufkommenden Widerstand innerhalb der Super League. Dass Luzern-Präsident Walter Stierli sich echauffiert und in Constantin längst eine respektlose Figur sieht, berührt den Walliser nicht im Ansatz: «Stierli, Stierli . . . Wann ist er nicht wütend?» Und die andern, kritischen Stimmen? Von Bernard Heusler aus Basel? Von Ancillo Canepa aus Zürich? «Sie sollen sich um ihr Geschäft kümmern, ich mache das auch.»

Constantin schreckt vor nichts zurück. Letzte Woche reichte er Strafklage gegen die Generalsekretäre Gianni Infantino (Uefa) und Jérôme Valcke (Fifa)ein, die dem Schweizerischen Fussballverband gemeinsam einen Brief zustellten unter Androhung von Sanktionen gegen Klubs und Nationalteam, falls der FC Sion nicht in die Schranken gewiesen würde. «Nötigung!», rief Constantin. Der Staatsanwalt von Lausanne ging auf die Klage nicht ein, Constantin ging in Rekurs: «Ich kämpfe für Gerechtigkeit.»

Uefa entscheidet diese Woche

Er prozessiert fleissig weiter und scheint nicht einmal beunruhigt, dass die Uefa erwägt, den FC Sion vor dem Beginn der Gruppenphase am 15. September bei Atlético Madrid aus der Europa League auszuschliessen, weil Celtic Glasgow unter Protest die beiden Playoffspiele bestritt. Noch diese Woche ist die Entscheidung zu erwarten. «Ich rechne zwar mit dem Schlimmsten», sagt Constantin gelassen, «aber der nächste Schritt ist bereits vorbereitet.»

Die Überzeugung, dass ihm keine Instanz etwas anhaben kann, demonstriert er endlos. Die Fifa nimmt es zur Kenntnis. Und geht fest davon aus: Bald ziehen dunkle Wolken in der Welt des Christian Constantin auf.

Erstellt: 30.08.2011, 10:05 Uhr

Die laufenden Verfahren um den FC Sion


  • Das CAS befindet darüber, ob die Swiss Football League (SFL) dem FC Sion die Spielberechtigungen für die 6 neu verpflichteten Spieler zu Recht nicht erteilt hat.


  • Das Zivilgericht von Martigny erteilte den Spielern per superprovisorische Verfügung die Lizenz und muss nach Anhörung von Fifa und SFL nun einen Entscheid fällen.


  • Die Strafklagen gegen die Generalsekretäre Infantino (Uefa) und Valcke (Fifa) wurden abgewiesen. Constantin rekurriert.


  • In der Super League legte Sion gegen YB (1:2) Protest ein, weil es die Neuen nicht einsetzen durfte. Luzern (1:1) und Lausanne (0:3) erhoben Einspruch in ihren Partien gegen Sion. FCL-CEO Thomas Schönberger sagt: «Wir sind im Recht.» Constantin: «Wenn jemandem ein Forfaitsieg zusteht, dann Sion.»


  • Celtic bestritt das Europa-League-Playoff unter Protest. Die Schotten fordern einen Forfaitsieg &endash und eine «exemplarische Sanktion gegen Sion». Bis gestern um 19 Uhr konnte der FC Sion Stellung nehmen. (pmb)

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