Bis(s) zur Unsterblichkeit

Innert einem Jahr vom personifizierten Bösen zum grossen Helden: Wie sich Luis Suarez in Barças Geschichtsbücher gebissen hat.

Der Pokal ist wieder zuhause: Der FC Barcelona feiert den Champions-League-Triumph im Camp Nou.


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Mit ausgebreiteten Armen rennt Luis Suarez in Richtung völlig euphorisierter Barça-Fans, die er mit seinem 2:1-Führungstreffer im Final der Champions League gegen Juventus Turin gleich selber in Ekstase versetzt hat, unter seinen Füssen ein überdimensionales Logo seines Arbeitgebers. Es war ein Sprint, nahezu im selben Tempo, wie er zuvor seinen Bewachern entwischt war, um den Abpraller nach einem Lionel-Messi-Geschoss zu einem Stück Fussballgeschichte zu verwandeln. Ein Sprint, den er vor fast einem Jahr begonnen hatte.

Denn damals hatte alles anders ausgesehen. Aufgrund einer Verletzung war die WM-Teilnahme für Uruguays grossen Hoffnungsträger, der in der Saison 2013/2014 dank seiner 31 Liga-Tore gemeinsam mit Cristiano Ronaldo den goldenen Schuh als Toptorjäger der Saison gewann, in allerhöchster Gefahr. Im zweiten Gruppenspiel gegen England durfte «El Pistolero» zum ersten Mal ran, wurde mit seinen beiden Treffern zum gefeierten Helden beim 2:1-Sieg der «Celeste». Doch nur einen Spieltag später, am 24. Juni 2014, wurde Suarez' Welt endgültig auf den Kopf gestellt: Nachdem Italiens Abwehrchef Giorgio Chiellini im Zweikampf seinen Ellbogen ausgefahren hatte, liess er sich zu einer Beissattacke, der dritten in seiner Karriere, hinreissen, wofür er im Anschluss für vier Monate gesperrt wurde. Darüber hinaus wurde ihm die WM-Akkreditierung entzogen, der Kontakt zur Nationalmannschaft untersagt, er wurde für neun Spiele der Nationalmannschaft gesperrt – und sogar die Teilnahme an einem offiziellen Trainingsbetrieb wurde ihm untersagt. Letzte Sanktion wurde Mitte August aufgehoben, da sie gegen das Arbeitsrecht eines Profifussballers verstossen hat. «Klar habe ich einen Fehler gemacht, aber ich wurde wie ein Mörder behandelt», sagte der fortan nur noch als «Beisser» – oder immer öfter sogar als «Bestie» – bezeichnete Ausnahmestürmer rückblickend.

Teuerster Fehleinkauf der Geschichte?

Gross war auch der Aufschrei der Barça-Fans, als Suarez im Anschluss für rund 80 Millionen Euro aus Liverpool verpflichtet wurde. Er vertrete nicht die berühmten Werte, die «valores», des katalanischen Traditionsclubs und sei ausserdem für seine damals 27 Jahre viel zu teuer – seine unrühmliche Tätlichkeit wurde in Barcelona erneut zum grossen Thema. So war der Spott gross, als sich Barça-Supertalent Gerard Deulofeu, der diese Saison ein durchzogenes Lehrjahr in Sevilla absolvierte, als nicht gerade hellste Kerze auf dem Kuchen outete. Angesprochen, was er an der jüngsten Neuverpflichtung Barcelonas am meisten bewundere, antwortete er unbedacht: «Seinen Torhunger und seinen Biss.» In der Anonymität von den Krafträumen in der Ciudad Deportiva Joan Gamper, Barças Trainingsgelände, arbeitete Suarez an seiner Fitness, um nach seinen ersten Trainings mit seinen neuen Teamkollegen in den Medien nicht als übergewichtig bezeichnet zu werden. Sowieso wurde infrage gestellt, ob Lionel Messi einen weiteren Superstar im Angriff dulde, schliesslich sei mit Neymar fast schon einer zu viel an seiner Seite. Als der Uruguayer dann in seinem ersten Monat nach Ablauf der Sperre ohne Torerfolg blieb, wurden erste Rufe des «teuersten Fehleinkaufes der Geschichte» laut.

Spätestens mit seinem «Gamewinner» am Samstag hat er nun alle seine Kritiker Lügen gestraft. Mit einer Quote von 25 Toren und 21 Vorlagen in 42 Spielen hat er sich nun in die Riege der Lieblinge der Barça-Anhänger gebissen – an der spontanen Party an der Rambla de Canaletes, wo Samstagnacht über 50'000 Culés das Triple feierten, wurde immer wieder sein Name skandiert. Er selber lässt keine Gelegenheit aus, durch Selfies die gute Stimmung mit seinen beiden Sturmpartnern, mit denen er es total auf sagenhafte 122 Tore brachte, zu demonstrieren.

«Eine Bestie»

Sein grosser Wendepunkt dürfte die Rückkehr ins Sturmzentrum sein, wofür Messi auf den Flügel ausgewichen ist. «Im Spiel rotieren wir viel. Als ich mich einmal wieder in der Angriffsmitte aufhielt, rief mir Leo ‹Bleib dort› zu. Und weil der Trainer sah, dass wir so noch mehr gute Lösungen haben, wurde ich auch in den nächsten Partien auf der Neun aufgestellt», erzählte Suarez der spanischen «Cadena Cope».

Rakitic's goal was the first Barca goal from open play without a Messi, Suárez or Neymar goal/assist since February 28th.

Posted by The SPORT Bible on Samstag, 6. Juni 2015

Mit der Vollendung seines Sprints in die Unsterblichkeit zeigte sich in einer der unzähligen randvollen Bars im Zentrum der katalanischen Hauptstadt die Ironie des schnelllebigen Fussballs. Denn als ein enthusiastisches «Dieser Typ ist eine Bestie» durch den Raum hallte, kam niemand auf die Idee, dass «Bestie» nur ansatzweise als Beschimpfung aufgefasst werden könnte.

Erstellt: 08.06.2015, 19:18 Uhr

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