Kommentar

«Blatter und bin Hammam werden sich kugeln vor Lachen»

Sepp Blatter ist als Fifa-Präsident wiedergewählt. Wie es dazu kam und warum das gut ist, kommentiert für Tagesanzeiger.ch/Newsnet Mario Widmer, der Doyen des Schweizer Sportjournalismus.

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Im Prinzip, da bin ich überzeugt, war alles viel einfacher. Sepp Blatter, 75, wollte in seinem Leben nur noch eines: Nochmals als Fifa-Präsident gewählt werden. Sein arabischer Märchenprinz Mohamed bin Hammam hatte einen noch verrückteren Wunsch. Die Fussball-WM in die Wüste nach Katar zu bringen.

Die beiden sassen in einer kühlen Nacht in der Wüste zusammen, die Wasserpfeife machte die Runde, sie starrten sinnend den bleichen Mond an. Dann säbelten sich die beiden alten Männer je einen kleinen Schnitt mit dem Krummdolch in den linken Daumen, mischten ihr Blut und schworen sich: Ich dir die WM, du mir die Fifa-Präsidentschaft.

«Du, Prinz mit dem vielen Gold»

Blatter hielt sein Wort. Die Fussball-WM 2022 verwüstet. Nun war der Blutsbruder dran. Der Märchenprinz besuchte einen noch älteren Kamelhändler, versprach, vier von dessen geifernden Buckelviechern in Gold aufzuwiegen, wenn er einen wasserdichten Plan hätte, wie man Blatter wieder gegen alle Widerstände zum Präsidenten machen könne. So sprach Simsalabim, der Kamelhändler: «Der älteste Trick, der immer funktioniert, ist geniale Einfachheit. Du, Prinz mit dem vielen Gold, kandidierst selber gegen den Mann aus dem Gletscherland, dem du helfen willst. Du versprichst all jenen mit den Stimmen ein paar Säcke von deinem Gold, wenn sie dich wählen.»

Kein anderer wird gegen den Gletscherkönig antreten, da alle wissen, dass sie gegen dein Gold keine Chance haben. Dann verzichtest du im letzten Moment – und der Mann aus der Gletscherwelt ist gewählt… Und wenn du es besonders glaubwürdig machen willst, sorge dafür, dass du und dein Freund euch gegenseitig vor der Wahl noch ein bisschen Kamelmist um die Ohren knallen, das kommt immer gut an – und erstickt in der Welt der Naiven sofort jeden bösen Verdacht…

Wetten, dass es so ähnlich war?

«Blatter ist ein sehr, sehr schlauer Machtmensch»

Nun wäre ich an der Reihe, Sepp Blatter zu verurteilen. Werde ich aber nicht tun. Sepp Blatter ist gerissen, Sepp Blatter ist ein sehr, sehr schlauer Machtmensch. Doch nur ein solch mit allen Wassern gewaschenes Exemplar der menschlichen Rasse kann einen Verband wie die Fifa leiten, in der Hand haben. Wer denkt, im ununterbrochenen bösen Machtspiel eines solchen Verbandes mit dem Ehrenkodex der Landsgemeinde von Appenzell oder Bümpliz überleben zu können, der hat jetzt wirklich keine Ahnung von dieser Welt. Die Fifa umfasst die Verbände von über 200 Ländern. Die Fifa dirigiert eine der grössten Leidenschaften der Welt: Fussball.

In mit Garantie über 125 Ländern der Fifa-Familie ist Bestechung uralte Kultur. Und delegiert in diese Fifa wird nur, wer diese Kultur meisterhaft beherrscht. Die überzeugten Anhänger des Gutmenschentums sind im Fifa-Kongress an zwei Händen abzuzählen. Jene, die gekonnt das Gutmenschentum ausnutzen, haben das Sagen, wo es langgeht. Ähnlich wie in der UNO.

«Dann würde der Fussball veröden, langweilig werden und sterben»

Vielleicht noch zur Idee, die Fifa nach schön schweizerischen Grundsätzen und Normen zu disziplinieren: Folge davon wäre, dass die ganze Dritte Welt und zwei Drittel der zweiten Welt gar nichts mehr zu sagen hätten, im Spiel um das grösste Spiel der Welt. Der Fussball würde im Wunschkonzert der guten Menschen veröden, langweilig werden und sterben.

In Mittelamerika, Südamerika, weiten Teilen Asiens und ganz Afrika hat unsere zivilisierte Art, die Welt und ihre Mechanismen zu sehen, keine Überlebenschance. Wer das nicht glaubt, sollte einmal ein paar Tage in einem ärmeren Viertel von São Paulo, Kingston, Jamaika, Kinshasa oder Kalkutta verbringen.

«An Sepp Blatter verabscheue ich den heuchlerischen Zug»

An Sepp Blatter schätze ich, dass er für den Fussball sehr, sehr viel gemacht hat. Die Fifa gibt viel Hoffnung, wo fast keine ist. An Sepp Blatter verabscheue ich den heuchlerischen Zug. Er ist ein sehr fähiger Mann. Aber er ist sicher eines nicht – ein guter Mensch. Dabei sein möchte ich allerdings gerne, wenn unser Sepp und der arabische Märchenprinz nächstens in der Wüste zusammen ein Glas süssen Tee trinken und sich Arm in Arm über diese naive Welt kugeln vor lachen.

An Sepp Blatter habe ich nur einen Wunsch: Er soll sich einmal darum kümmern, dass Zürich endlich ein Fussballstadion bekommt. Das Sepp-Blatter-Stadion! Der Märchenprinz soll bezahlen. Dann kann Katar von mir aus die WM für immer haben.

Erstellt: 01.06.2011, 18:08 Uhr

Vier weitere Jahre wird Sepp Blatter Präsident des Weltfussballverbandes Fifa bleiben. Video: Reuters)

Leitete 30 Jahre lang den Sport beim «Blick» und steuerte danach als Manager die Karriere von Martina Hingis: Mario Widmer. (Bild: Keystone )

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