Bleibt Zidane in Madrid?

Trotz Meisterkurs: Zweideutige Aussagen aus seinem Mund und fehlendes Spektakel auf dem Platz nähren Gerüchte um einen Abgang des Real-Trainers.

Ist noch genug Feuer da? Real-Trainer Zinedine Zidane werden Ambitionen für den Job des französischen Nationaltrainers nachgesagt.

Ist noch genug Feuer da? Real-Trainer Zinedine Zidane werden Ambitionen für den Job des französischen Nationaltrainers nachgesagt. Bild: Andrew Medichini (AP)

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Waldgepfeife gibt es auch im Schatten der Betonschüssel namens Estadio Santiago Bernabéu. In vieltausendstimmigem Chor, auf der Calle del Padre Damián. «No pasa nada, la Liga está ganada», riefen die Anhänger von Real Madrid (sinngemäss: «Nichts wird mehr passieren, die Meisterschaft ist gewonnen»), als sie das Stadion verliessen.

War da was? Kaum mehr als zehn Minuten war es her, dass Real Madrid gegen den aus seiner Sicht lästigen Stadtnachbarn noch ein 1:1 hinnehmen musste, doch letztlich konnten sich die Rot-Weissen von Atlético nur kurz daran ergötzen, dem spanischen Rekordmeister die Laune verdorben zu haben. Denn ein paar Stunden später besiegte der von einem früheren madridista namens Míchel trainierte FC Malaga den FC Barcelona mit 2:0; auch die Angst der Königlichen, die Tabellenführung zu verlieren, war besiegt. Oder umgekehrt: Die insgesamt 33. Meisterschaft war tatsächlich näher gerückt, am Ende eines lauen, frühlingshaften Samstagabends von Madrid.

«Wir sind enttäuscht, aber nicht angeschlagen. Angeschlagen? Niemals!», hatte Real Madrids Trainer Zinédine Zidane noch unmittelbar nach dem Derby gesagt. Doch dann sorgte er dafür, dass die Debatten in den Bars rund ums Bernabéu-Stadion wieder um ihn kreisten.

Kurioser Entscheid in der 75. Minute

Da war zum einen das Sportliche. Denn dass Atlético einen Punkt erbeuten konnte, lag auch an Zidanes kurioser Entscheidung, den deutschen Mittelfeldlenker Toni Kroos in der 75. Minute vom Platz zu nehmen und damit einen Kurzschluss zu provozieren. Das weckte Erinnerungen an den Mai 2016, an das Champions-League-Finale von Mailand gegen Atlético. Auch damals hatte er Isco für Kroos eingewechselt und und damit die Statik der eigenen Elf durcheinander gebracht. Atlético erlangte Übergewicht im Mittelfeld und erzielen letztlich den Ausgleich.

In Mailand hatte noch Sergio Ramos die Real-Führung erzielt, diesmal war es Pepe (52.), von dem noch die Rede sein wird. In Mailand glich Atlético durch Carrasco aus, diesmal tat dies Atléticos feiner Franzose Antoine Griezmann (86.). Der Unterschied: Damals gab es eine Verlängerung und Elfmeterschiessen, in dem Real siegte, diesmal nicht. «Ich habe Isco gebracht, weil ich die linke Seite etwas mehr schützen und den Ball länger in unseren Reihen haben wollte. Wir haben nur die letzten fünf Minuten nicht gut interpretiert», sagte Zidane.

Stammtischthema war der einstige französische Mittelfeldspieler und Weltmeister von 1998 aber auch, weil Madrid sich fragt, was er nur gemeint haben mag, als er am Freitag sagte, er wisse noch nicht, ob er in der kommenden Saison Trainer bei Real sein werde. Und ob sein Verbleiben auf dem Trainerposten davon abhänge, ob er den Meistertitel gewinnt, solle man «jemand anderes» fragen, womit nur Klub-Präsident Florentino Pérez gemeint sein konnte. Bemerkenswert an diesen Aussagen ist vor allem: der Zeitpunkt.

Spiel mit angezogener Handbremse

Das Spiel gegen Atlético war so etwas wie das erste von zwei Finals, die Real im April bestreiten muss: Am Mittwoch wartet der FC Bayern im Viertelfinale der Champions League, in zwei Wochen reist der FC Barcelona nach Madrid. Da macht man als Vorturner eher selten ein Fass auf, sondern trachtet nach Ruhe. Und so kreisen statt Wolken Fragen über dem Himmel von Madrid: Ist Zidane es leid, Trainer bei Real Madrid zu sein? Sind ihm unfreundliche Kommentare aus der Beletage des Vereins zu Ohren gekommen? Oder hat er nur eine Selbstverständlichkeit von sich gegeben, die besagt, dass ein Trainer damit rechnen muss, ans Arbeitsamt überwiesen zu werden, wenn er nichts gewinnt?

Nun ist es mit der Faktensucherei in Madrid so eine Sache. Zwar betonte Kapitän Sergio Ramos auf dem Heimweg, wie sehr die Mannschaft Zidane schätzt. «Wir sind sehr froh, wie er die Kabine führt und dieses Schiff lenkt.» Aber Zweifel an Zidane, so viel ist gewiss, gibt es schon länger. Dass Vereinsboss Pérez nach einem nationalen Meisterschaftstitel und nach dem schönen Spiel lechzt, ist ebenfalls gesichert.

Aber: Für Letzteres bürgt Madrid seit Jahren nicht mehr, zumindest nicht im Vergleich mit dem FC Barcelona. Und die Überlegenheit am Samstag gegen Atlético, die mit vielen guten Chancen einherging, war insofern verzerrend, als die Rot-Weissen zynisch unterkühlt auf ein Remis schielten und die Handbremse erst nach dem Rückstand durch Pepe lösten. Eine spanische Meisterschaft hat Real seit 2012 nicht mehr feiern können - eine Ewigkeit in Madrid.

Personalsorgen in der Verteidigung

Zidane wiederum steht im Ruf, den 24/7-Job bei einem Klub weniger zu mögen, als er vorgibt. Angeblich will er 2018 den weniger alltagsstressigen Nationaltrainer-Posten in Frankreich übernehmen, wozu passt, dass er sich unlängst eine neue Villa in Paris zulegte. «Ich arbeite jeden Tag hart und mit Freude», sagte Zidane freilich am Samstag.

In den kommenden Tagen wird die Arbeit nicht weniger werden, und der Grund heisst: Pepe. Wenige Minuten nach seinem Treffer prallte der Innenverteidiger mit dem Mann zusammen, der ihm den Ball per Freistoss serviert hatte: Toni Kroos. Pepe kehrte nach einer Behandlung noch mal für Sekunden zurück aufs Feld. Doch dann brach er zusammen unter der Pein, die ihm die Fraktur der linksseitigen siebten und achten Rippenknochen bereiteten, sie wurde nach dem Spiel in einem Madrider Krankenhaus diagnostiziert. Pepe fällt damit nicht nur am Mittwoch aus, sondern für den Rest der Saison, die wohl die letzte im Dress Real Madrids sein wird: Der Vertrag des 34-Jährigen läuft im Sommer aus.

Für Zidane ist das auch deshalb bitter, weil mit Raphael Varane ein weiterer Innenverteidiger verletzt ist. Als Ersatzmann steht nur noch der solide und talentierte, aber trotz seiner 27 Jahre unerfahrene Nacho parat. Was ihn erwartet, kleidete sein Kollege Sergio Ramos in gewohnt martialische Worte. Das Spiel in München sei« ein Finale», sagte er, und dort müsse man «bereit sein, zu sterben.» (Süddeutsche Zeitung)

Erstellt: 10.04.2017, 14:56 Uhr

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