«Christian Gross gingen die Argumente aus»

Der Zürcher Christian Gross sollte die Berner Young Boys zu Titeln führen – und scheiterte nach nicht einmal einer Saison. Die Stimmen zum Eklat und ein Kommentar.

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Nach dem 1:2 von YB am Samstag bei Servette fuhren Ilja Kaenzig und Hansruedi Hasler nicht nach Hause, sondern direkt ins Stade de Suisse. Bis nach Mitternacht sassen der CEO und der Technische Direktor des Clubs zusammen, das erforderte die prekäre Situation, in die sich die Berner manövriert haben. Am Sonntag trafen sie sich wieder, um über eine Personalie zu diskutieren: Trainer Christian Gross.

Um 17 Uhr schalteten sich zur entscheidenden Telefonkonferenz auch die drei Investoren ein, die allesamt auswärts weilten: die Gebrüder Andy und Hans-Ueli Rihs sowie Benno Oertig. Um 19.30 Uhr hatten sie den Beschluss gefasst: Gross wird per sofort entlassen, mit ihm auch Assistent Laurent Hagist und Goalietrainer Pascal Zuberbühler.

Piserchia/Häberli interimistisch

Für die drei ehemaligen Basler endete ihre Zeit in Bern ausgerechnet an dem Tag, an dem der FC Basel seinen Meistertitel feierte. Bis Ende der Meisterschaft übernehmen YB-Nachwuchschef Erminio Piserchia sowie der einstige Spieler und heutige U-18-Trainer Thomas Häberli das Team, das morgen auf den FC Zürich trifft.

Mit Christian Gross sollte in Bern alles besser werden als im letzten Vierteljahrhundert ohne einen einzigen Pokalgewinn. «Er ist ein Titelversprechen», hatte Kaenzig gesagt, als er am 8. Mai 2011 den Nachfolger von Vladimir Petkovic vorstellte. Und Gross, der einen hochdotierten Zweijahresvertrag unterschrieb, betonte immer wieder seine Ambitionen mit den Young Boys: «Ich komme, um Erfolg zu haben.»

So positiv die Begrüssung war, so schnell wich die Begeisterung: Dem 57-jährigen Zürcher schlug Kritik entgegen, weil er sich mit YB schnell aus dem Titelrennen verabschiedete. In der Winterpause betrug der Rückstand auf Basel bereits elf Punkte. Die Berner investierten auf Wunsch von Gross in neue Spieler, aber von einem Fortschritt war nichts sichtbar. YB, das war eine Mannschaft ohne erkennbares Gesicht und Konzept; YB, das war ein Team, das von Misserfolg zu Misserfolg eilte. In den letzten neun Runden resultierte ein einziger Sieg (4:0 gegen Thun). Gross verteidigte sich vehement, er wollte glaubhaft machen, kein ratloser Mann an der Seitenlinie zu sein.

«Nicht überstürzt gehandelt»

«Die Leistungen wurden einfach nicht besser», sagt Hansruedi Hasler aber, «und Christian Gross gingen die Argumente aus, um für zusätzliche Geduld zu plädieren.» Dem Technischen Direktor machte die Freistellung zwar zu schaffen, vor allem auch deshalb, weil «einige Leistungsträger diese Lage genauso zu verantworten haben». Aber Hasler sah kaum eine andere Lösung als die getroffene Massnahme: «Es gab auch wirtschaftliche Zwänge. Die Zuschauerzahlen waren rückläufig, und die Sponsoren zeigten ihre Unzufriedenheit.»

Nach der Vorrunde schon stand Gross vor einer ungewissen Zukunft, erhielt von der Clubleitung aber neuen Kredit und weitere Verstärkungen. Nach den haarsträubenden Leistungen gegen GC (0:2) und Lausanne (1:3) reagierte das Publikum ungehalten, die Geduld der Hauptaktionäre wurde arg strapaziert. Nach dem jüngsten Auftritt bei Servette sahen sie keinen anderen Ausweg als die vorzeitige Trennung. «Dieses Szenario hat sich niemand vorstellen können», sagt Ilja Kaenzig, «Christian Gross ist nicht irgendein Neuling im Geschäft, er ist nicht irgendein Trainer. Es schmerzt in seinem Fall besonders, dass es so weit kommen musste.» Aber er hielt auch fest: «Wir haben nicht überstürzt gehandelt, sondern alles getan, um gemeinsam mit Gross einen Weg zu finden.»

Heute will sich der Entlassene zur Mittagsstunde an einer Pressekonferenz erklären und das Kapitel YB abschliessen. Und für die Clubverantwortlichen beginnt die nächste Suche nach dem richtigen Trainer.

Erstellt: 30.04.2012, 06:41 Uhr

«Die Leistungen wurden einfach nicht besser»: Hansruedi Hasler, technischer Direktor. (Bild: Keystone )

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Kommentar: Ein grosses Missverständnis

Von Fredy Wettstein

Das letzte Bild von Christian Gross als YB-Trainer ist ein für ihn ungewohntes: Sehr emotional, aufgebracht, fast rasend vor Wut. Er stand mitten drin in den Tumulten am Ende des Spiels in Genf am Samstagabend, und er muss gespürt haben, wie delikat seine Situation ist. Seine sonst fast verkrampft wirkende Selbstkontrolle hatte er verloren, er schien nervlich am Ende. Es wurde zum Spiel, das die Führung der Berner zum Handeln zwang. Und es gibt zwei grosse Verlierer.

Christian Gross, einst ein Erfolgscoach mit 11 Titeln in 14 Jahren (alle bei GC und Basel), ist wieder gescheitert, wie zuletzt in Stuttgart, wieder nach nicht einmal einem Jahr. Er ist gescheitert, obwohl in Bern alles getan wurde, was er wollte und verlangte. Seine Wunschspieler bekam er, andere, die nicht seinen Vorstellungen entsprachen, wurden weggeschickt (und blühten anderswo auf ), im Winter investierten die Aktionäre nochmals 6 Millionen Franken, der Kunstrasen ist ersetzt worden. Von den letzten neun Spielen hat YB nur eines gewonnen.

Gross, der Machtmensch, der keinen Widerspruch duldet, für viele unnahbar, auch stur, immer misstrauisch, schätzte offenbar auch die Situation falsch ein: Er glaubte, die Mannschaft sei intakt, und spürte nicht, wie umstritten er auch intern war, wie er Spieler mit seiner mehr als nur fordernden Art brüskierte und sie verunsicherte. Gross verkörpert einen Trainertyp, der kaum mehr zeitgemäss ist: Vielleicht kann er noch der Richtige sein, wenn kurzfristig etwas zu korrigieren ist, muss er aber Vertrauen schaffen und etwas aufbauen, dann steht ihm offenbar sein Charakter im Wege.

Er ist kein Klopp, der die Spieler mitreisst, aber auch kein Heynckes, der immer souverän bleibt, er war zuletzt noch mehr Gross, als er es schon immer war, noch verbissener und härter.

Gescheitert sind aber auch jene, die in Bern glaubten, mit Gross könne gar nichts mehr schiefgehen. Grossspurig sprach Benno Oertig, der starke Mann, von der «Phase 3» und davon, dass YB auf dem Weg nach oben nicht mehr zu stoppen sei, der lang ersehnte erste Titel seit 1987 unmittelbar bevorstehe. Es war alles ein sehr grosses Missverständnis.

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