Dank Hüppi blüht die St. Galler Liebe wieder

Der ehemalige TV-Moderator hat es als Präsident des FC St. Gallen geschafft, dass eine ganze Region wieder hinter ihrem Verein steht.

«Man kennt ihn, man vertraut ihm», sagt ein FCSG-Fan über Matthias Hüppi. Er hat den Club 2018 in einer schwierigen Phase übernommen. Foto: Samuel Schalch

«Man kennt ihn, man vertraut ihm», sagt ein FCSG-Fan über Matthias Hüppi. Er hat den Club 2018 in einer schwierigen Phase übernommen. Foto: Samuel Schalch

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Jetzt ist es passiert, die Verwandlung ist vollzogen. Eingepackt in eine Club-Jacke und einen Club-Trainer, wurde Matthias Hüppi eben von einem deutschen Journalisten für einen einfachen Betreuer gehalten. Kein Problem für Hüppi, den Präsidenten des FC St. Gallen, der sich immer auch als dessen ersten Betreuer sieht. Teil des Teams, Teil des grün-weissen Hurras, das die ganze Ostschweiz ergriffen hat, und von dem er jetzt im Stadion der Berliner Union ganz begeistert erzählt. Hüppi ist mit seinem Club für ein Testspiel ins grosse Berlin gereist.

Seit zwei Jahren ist Hüppi nun Präsident des Ostschweizer Vereins – und er hat alle überrascht. Nach vielen miesen Jahren läuft es wieder. St. Gallen ist Dritter in der Meisterschaft, knapp hinter Basel und Bern. Sogar der Titel liegt noch drin, die Mannschaft spielt auf­regenden Fussball, und es kommen so viele Leute ins Stadion wie lange nicht mehr. «6 Prozent mehr. Das ist out­standing», sagt Hüppi. Am liebsten würde er die ganze Region grün-weiss anmalen. Hüppi hält inne, schaut, wie der Satz wirkt, und sagt. «Es ist wirklich so.» Dann folgt ein Lachen, das Matthias-Hüppi-Lachen, es wird sich im Gespräch wiederholen. Oft. Ohne Lachen ist dieser Mann nicht fertig angezogen.

Hüppi hat es zu nationaler Berühmtheit gebracht, er war lange Gast in den Schweizer Stuben. Er hat für das SRF Skirennen kommentiert und dem Land den Sport bis hin zu seinen Rändern wie Seitenwagenrennen erklärt. Er hat «unglaubliche Leistungen» beschrieben, «sensationelle Fahrten» gefeiert oder zumindest «sehr, sehr gute Ansätze» gesehen. Das Glas war bei ihm oft randvoll, und dann und wann hat es ihm gar die Stimme verschlagen (meist dann, wenn ein Schweizer gewann). Die Euphorie war, wo Matthias Hüppi war. Das war natürlich sympathisch, einerseits. Andererseits hat man ihn deswegen auch belächelt. Heute ist die Euphorie wieder sein Begleiter, doch verspottet wird er nicht mehr.

Der Stimmungsaufheller

Ein Freudentaumel hat die Stadt St. Gallen und ihr Umland ergriffen. Die Region kann es brauchen, sie stagniert wirtschaftlich, die kantonalen Spitäler machen Probleme, die HSG kriselt. Der FC St. Gallen ist ein Stimmungsaufheller. Das geht so weit, dass das «St. Galler Tagblatt» in einem Leitartikel vor Jahresende gegen die latente Mutlosigkeit in der Lokalpolitik anschrieb und den FC St. Gallen als Vorbild zitierte. Die Mannschaft kann sogar verlieren und wird trotzdem von einem ausverkauften Stadion nach dem Spiel minutenlang gefeiert. Es jubeln Leute, die noch vor zwei Jahren von den Spielern «Gras fresse, bis s chotzed» forderten. Und immer mittendrin in dieser Euphorie: Matthias Hüppi, Neffe von Bundesrat Kurt Furgler, Studiumabbrecher, in St. Gallen aufgewachsen, mit dem Vater als kleiner Bub an die Spiele gegangen.

Hüppi hat in diesen Tagen viel zu tun. Erfolg verpflichtet, die Konkurrenz will seine Mannschaft leer kaufen, die Zeit ist rar, ein erstes Gespräch hat er verschoben und dann abgesagt. Nun aber hat es in Berlin geklappt. Das kommt ihm recht, auf einen Euphorietest in den Strassen von St. Gallen hat er keine Lust. Er kennt den Pegelstand auswendig: himmelhochjauchzend.

Der Verein testet gegen Union Berlin, es ist ein Testspiel von bescheidener Wichtigkeit, doch Hüppi sagt: «Wir nehmen das brutal ernst.» Als Vorbereitung auf den Rückrundenstart von diesem Wochenende gegen den FC Lugano, aber auch auf das, was womöglich noch alles im Erfolg kommen kann. Fussball in Europa zum Beispiel? Hüppi reisst die Augen auf, nein, nein, an das dürfe man noch nicht denken. Hüppi erzählt und erklärt und vergisst die Zeit, schliesslich verpasst er den Anpfiff.

Wurde in einem kritischen Moment Präsident: Matthias Hüppi. Foto: Samuel Schalch

Mit dem Club sind etwa 200 Fans in die Berliner Kälte gereist. Sie wären auch ohne Hüppi gekommen, stellen sie klar. «Er ist ein Guter», sagt ein Fan und fügt an, er sei nicht aus St. Gallen, sondern aus dem Rheintal, aber das sei egal, in der Ostschweiz gebe es eh nur den FCSG. Ruhe habe Hüppi gebracht, Stabilität. «Man kennt ihn, man vertraut ihm», sagt er. Ein anderer Fan findet: «Er vertritt grün-weisse Werte.» Der FC St. Gallen ist in der Ostschweiz Stolz, Sehnsucht und Blitzableiter zugleich. Wenige Regionen in der Schweiz lieben und klagen so leidenschaftlich über ihren Club wie die Ostschweiz. Und doch war die St. Galler Liebe lange gestört. Den Club führten Leute, die in der Region kaum jemand kannte. Zwiste wurden öffentlich ausgetragen, es gab intransparente Geldflüsse und Millionenverluste. Der Club drohte die Basis zu verlieren.

In diesem kritischen Moment wurde Hüppi 2018 Präsident. In einer seiner ersten Amtshandlungen stellte er seinen Fernsehkollegen Alain Sutter als Sportchef ein. Auch er ein Neuling. Die Medien mäkelten zu Beginn über das fehlende Fachwissen der beiden und fragten sich, ob das gut komme. Auch Hüppis einstiger TV-Kollege Sascha Ruefer war skeptisch. «Matthias und seine Crew machen in St. Gallen offenbar vieles richtig. Ich hätte es ihm im ersten Moment nicht zugetraut. Umso mehr freut es mich.» Das Rezept von St. Gallen geht in etwa so: Hüppi sorgt für ein gutes Klima im und um den Club, Sportchef Sutter findet auf dem Transfermarkt unterschätzte Spieler, Trainer Peter Zeidler macht sie besser und setzt auf die Spieler aus dem Nachwuchs. Mit dem sportlichen Erfolg kommt die Euphorie, und das mit der Euphorie, das weiss man, das kann Präsident Hüppi.

Die Parallele zum Chirurgen

Die Anforderungen an einen Präsidenten kann man verschieden formulieren. Doch es gibt Grundvoraussetzungen. Mit empfindlichem Bauch wird man kein Chirurg, mit zwei linken Händen nicht Schreiner. Und ähnlich ist es mit den Fussballpräsidenten. Etwas müssen sie mitbringen. Manche haben Geld (hat Hüppi nicht), andere geldbringende Kontakte (hatte Hüppi damals noch nicht) – was er aber besass: einen Plan. Und ein Gefühl für die Menschen. Er holte das Vertrauen der Ostschweizer Stück für Stück zurück. Matthias Hüppi schöpfte Suppe in der Marktgasse, Matthias Hüppi besuchte in Häggenschwil eine Schulklasse, Matthias Hüppi sprach beim Arbeitgeberverband Rheintal vor. Matthias Hüppi war überall.

Wie er das alles macht? Spielend. Am Donnerstag tritt er bei einer Kaderveranstaltung von Coop in Rorschach auf und wird als Highlight des Tages angekündigt. Hüppi steht vor die rund 200Leute und beginnt zu reden, ohne Zettel und Holperer, 30Minuten lang. Nur einmal kommt er in Verlegenheit, als er auf sein Image als Traumschwiegersohn der Schweiz angesprochen wird. Viel lieber spricht er über St.Gallen als Leuchtturm der Region. Als der einstige TV-Moderator den Coop-Managern noch ein paar Managementtipps gibt und wenig später endet, klatscht der ganze Saal, «Hopp St.Galle» ist zu hören.

Hüppi euphorisiert, auch ohne Kamera und Mikrofon, er kann nicht anders. Selbst im Verein witzeln sie manchmal darüber, ob der Präsident vor lauter grün-weisser Euphorie überhaupt einschlafen könne. Hüppi erzählt, dass ihn eher Probleme vom Schlafen abhalten, davon gebe es noch einige. Aber man sei auf gutem Weg, seine Crew sei super, der Verwaltungsrat funktioniere.

«Ich habe auch etwas Rebellisches in mir.»Matthias Hüppi

Und weil er gerade über den Schlaf spricht, tut er es auch über die Träume: «Ich träume heute extrem realistisch.» Nicht mehr davon, dass er zu spät ins Fernsehstudio kommt, sondern von Spielsituationen auf dem Feld. Solche Träume laden dazu ein, sie zu deuten. Erstens: Da ist einer bei sich angekommen. Oder zweitens: Wer so unspektakulär träumt, ist ein Bünzli. Als würde er diese Deutung ahnen, sagt Hüppi: «Ich habe auch etwas Rebellisches in mir.» Hüppi spielt E-Bass, mag verrückte Ideen und das Risiko. Manchmal ging er als Moderator ohne Satz im Kopf vor die Kamera und liess sich davon überraschen, wie er gleich die Eröffnungssequenz meistern würde. Er konnte das, weil er sich immer am besten von allen vorbereitet hatte.

Das Testspiel in Berlin hat St. Gallen übrigens gewonnen. Hüppi marschiert nach der Partie die Treppe hoch zu den Journalisten. Er ist auf Sendung. Ohne eine Frage gestellt zu bekommen, beginnt er zu reden. «Es hat sich gelohnt», sagt er und lacht nicht, nein, er strahlt. «Unsere Jungen. Gewaltig. Hei. Ich habe eine Riesenfreude.»

Erstellt: 24.01.2020, 19:25 Uhr

In Zahlen

38
Jahre war Matthias Hüppi beim SRF angestellt, 32 Jahre lang war er Gastgeber des Sportpanoramas. Er hat zusammen mit Bernhard Russi Skirennen kommentiert und mit Alain Sutter die Leistungen des Nationalteams besprochen.

7,6
Millionen Franken gibt St. Gallen für die Spieler seiner ersten Mannschaft aus. Das ist verhältnismässig wenig. Basel kommt auf rund 52 Millionen, YB auf 37 Millionen.

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