«Dann würde ich lieber sterben»

In der Web-Doku «Abseits» bricht der frühere Thuner Fussballer Pape Omar Fayé endlich sein Schweigen. Als Handlanger der Wettmafia wurde er einst lebenslang gesperrt.

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Die Polizei fährt vor. Er wird verhaftet und verhört. Es ist im November 2009 das Aus für Pape Omar Fayé. In Bochum hat die Polizei gerade den grössten Wettskandal der Fussballgeschichte aufgedeckt. Und in der Schweiz war der damals 22-jährige Senegalese Fayé vom FC Thun an Spielmanipulationen in der Challenge League beteiligt. Die deutschen Paten hatten ihm 15?000 Euro für zwei verschobene und verlorene Spiele gezahlt.

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Fayé wird entlassen und vom Schweizerischen Fussballverband lebenslänglich gesperrt. Die Fifa dehnt diese Sanktion weltweit aus. Der Spieler flüchtet in seine Heimat, Senegal. Scham quält ihn, er versteckt sich und redet dann doch, weil er nichts mehr zu verlieren hat. Fayé liefert der Fifa und Interpol ein seltenes Zeugnis von Praktiken in der dunklen Welt der Spielmanipulationen. 2014 wird ihm Straffreiheit gewährt.

Inzwischen spielt Fayé wieder Fussball – in Vietnam hat der 29-Jährige so ­etwas wie Glück gefunden. Er lebt in Thanh Hóa, einer Stadt am Südchinesischen Meer, und spielt beim lokalen Erstligisten. Dort wohnt er in einer verfallenen Kaserne, Tür an Tür mit den Teamkollegen, doch nach fünf Jahren darf er immerhin wieder Tore schiessen.

Sie wieder auf einem Fussballplatz zu sehen, grenzt an ein Wunder. Wie war die Zeit Ihrer Sperre?
Die Hölle. Nachdem ich gesperrt worden war, starb auch noch mein Vater. Für mich brach 2009 eine Welt zusammen, ich hatte meinen Lebensinhalt verloren. Man hatte mir das Einzige genommen, was ich konnte.

Viereinhalb Jahre Sperre, dann die Begnadigung …
Das war lang und schwierig. Teilweise dachte ich an Selbstmord. Aber in meinem tiefsten Inneren wollte ich daran glauben, dass ich wieder spielen würde. Daran klammerte ich mich. Und mir war klar, dass über Bestechung und manipulierte Spiele gesprochen werden muss. Dass die Welt davon erfahren muss, damit sich junge Spieler der Gefahren bewusst sind. Mich hat nie jemand für dieses Problem sensibilisiert. Vielleicht wäre sonst alles anders gekommen.

Wie haben die Menschen auf Sie reagiert?
Es gab die Leute, die mich mochten, und es gab die anderen. Die riefen mich ständig an und erinnerten mich daran, dass ich etwas Schlechtes gemacht habe.

Können Sie nach der Begnadigung nun neu anfangen?
Nein. Ich muss auf der Hut bleiben, noch mehr als vorher. Es gibt Leute, die per Internet Kontakt zu mir aufnehmen und mir Angebote machen. Ich schleppe die Schuld wie einen Mühlstein mit mir herum, es gibt immer jemanden, der meinen Fehler wieder aufwärmt. Ich wurde begnadigt, aber in den Augen vieler bleibe ich ein Verbrecher. Müsste ich die ganze Geschichte noch einmal erleben, würde ich wohl lieber sterben.

Sind Sie heute glücklich?
Ja, weil ich wieder Fussball spiele. Ich habe das Gefühl, wieder zu leben. Allerdings ist der Alltag eines Fussballers in Vietnam eher eintönig. Wir wohnen alle zusammen, wir essen zusammen. Der Tag endet um 18 Uhr, und um 21.30 Uhr gibt es eine Ausgangssperre, und niemand darf mehr rein oder raus. Das ist jetzt mein Leben. Doch das Wichtigste ist, dass ich Fussball spielen kann. Mehr verlange ich gar nicht.

Trotzdem: Beim FC Thun waren Sie eines der grössten Talente, traten in der Champions League auf, und mehrere Clubs warben um Sie. Glauben Sie, dass Sie eine grosse Karriere verspielt haben?
Ja, und das bedauere ich sehr. Wenn ich mir die Karriere einiger ehemaliger Teamkollegen ansehe … Ich träumte ­davon, in Deutschland, England oder im Nationalteam zu spielen. Daraus wurde nichts.

Hätten Sie gedacht, dass Sie je wieder als Profi spielen könnten?
Ich wusste, dass es schwierig werden würde, aber ich hatte Glück. Ich bin nicht mehr derselbe Spieler. Physisch bin ich vielleicht etwas weniger leistungsfähig, aber daran kann man arbeiten. Mental bin ich jedoch stärker, viel stärker. Weil ich so viele Schwierigkeiten durchgestanden habe.

Sie haben hier für drei Jahre unterschrieben, Ihre Familie ist nachgezogen, Sie sprechen Viet­namesisch. Mein Leben spielt sich heute hier ab. Meine Frau und meine beiden Kinder konnten nach Thanh Hóa nachkommen. Das ist sehr wichtig. Ich möchte dem Vertrauen, das der Club in mich setzt, gerecht werden. Aber ich träume noch immer davon, nach Europa zurückzukehren. Nicht nur, um dort zu spielen, sondern auch, um dort um Verzeihung zu bitten. Meine Vergangenheit wieder gutmachen kann ich nicht hier in Vietnam, das muss ich in Europa tun.

Die Vergangenheit gutmachen?
Ja, das muss ich tun. Oder es zumindest versuchen. Die Bestechung kann ich nicht ungeschehen machen, aber ich kann über Manipulation sprechen. Ich stehe in der Schuld des Fussballs.

Die Schweizer Justiz und die Sportverbände haben Sie schwer bestraft. Andere Mitglieder des Wett-Netzwerks schlüpften dagegen durch die Maschen.
In einer solchen Affäre zahlen die Fussballer den höchsten Preis. Im Verhältnis zu meinem Vergehen habe ich das Gefühl, zu hart bestraft worden zu sein. Vor allem, wenn ich sehe, dass die Manipulatoren selbst nicht oder kaum bestraft wurden.

Man spürt Ihre Verbitterung.
Es ist einfach ungerecht. Natürlich ist mein Verhalten unentschuldbar, aber die Manipulatoren bleiben oft auf freiem Fuss. Die Verbände können sie nicht sanktionieren und ihnen auch nicht den Zugang zu den Stadien verwehren. Ich träume von einem Verbot der Onlinewetten. Dann könnte der Fussball vielleicht wieder das werden, was er einmal war. In den Wetten steckt zu viel Geld. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 14.04.2016, 06:36 Uhr

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