Das Finale des «Grande Walter»

Turbulent, dramatisch, peinlich: Die Fifa hat happige Tage hinter sich. Im Auge des Sturmes stand der abtretende Medienchef Walter de Gregorio – der wie kein anderer Schwarz als Weiss verkaufen konnte.

Stoische Ruhe: Walter de Gregorio, bis heute Medienchef der Fifa. (27. Mai 2015)

Stoische Ruhe: Walter de Gregorio, bis heute Medienchef der Fifa. (27. Mai 2015) Bild: Ruben Sprich/Reuters

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Nachdem die Zürcher Kantonspolizei am frühen Mittwochmorgen des 27. Mai sieben hochrangige Fifa-Funktionäre festgenommen hatte, kam die grosse Stunde des Walter de Gregorio: «Das ist ein guter Tag für die Fifa», sagte der Medienchef in der Manier eines Spindoktors, als die Welt über dem Fussballverband zusammenbrach.

«Es ist auch ein guter Tag»: De Gregorio demonstriert bei der Pressekonferenz am Tag der Verhaftungen Optimismus. Video: Tagesanzeiger.ch/Newsnet (27. Mai 2015)

Vor der versammelten Weltpresse musste der ehemalige Sportjournalist erklären, was zu Beginn niemand verstehen konnte – ohne dabei zu sagen, was er eigentlich wusste.

Diplomatische Diskretion

Wie sich sein ehemaliger Journalistenkollege Miklos Gimes auf Tagesanzeiger.ch/Newsnet erinnerte, war es diese diplomatische Diskretion, die den «Grande Walter» bis ganz nach oben in den Sportolymp, in die Kommandozentrale der Fifa auf dem Zürichberg, katapultierte.

«Walter hielt den Strafraum sauber, als die Fragen der Journalisten auf ihn niedergingen. Souverän, wie ein klassischer Libero.»Miklos Gimes, Tagesanzeiger vom 28. Mai 2015

Mit diesen Worten beschrieb Gimes die Arbeit seines ehemaligen Kollegen, als sich dieser während der Pressekonferenz zu den Verhaftungen in Schadensbegrenzung übte.

«Ich kann nichts bestätigen»: De Gregorio verteidigt seinen Strafraum. Video: Tagesanzeiger.ch/Newsnet (27. Mai 2015)

Sein eigentlicher Job bestand während der letzten Tage vor allem darin, zu reden, ohne etwas zu sagen. Und das konnte er gut. Das Auge sah einen seriös wirkenden Mann mittleren Alters, das Ohr hörte eine ruhige, tiefe Stimme. Es schien, als führte seine demonstrative Ruhe die Fifa sicher durch diese turbulente Zeit. Denn es gelang ihm, neben Blatter eine dynamischere, ja sogar sympathischere Fifa zu verkörpern. Doch dann kam der Rücktritt des Paten.

Eine Zäsur für die Fifa

Die globale Fussballgemeinschaft reagierte gleichermassen verdutzt wie erleichtert, als Sepp Blatter am 2. Juni, vier Tage nach seiner vierten Wiederwahl, den Rücktritt als Fifa-Präsident bekannt gab. Sportjournalisten gingen auf der ganzen Welt der Frage nach, wieso Blatter ausgerechnet zu diesem Zeitpunkt dem öffentlichen Druck nachgegeben hatte.

Wollte er mit einem «ehrenvollen» Abgang einer allfälligen Anklage durch die US-Behörden zuvorkommen? War sein Rücktritt vor dem Hintergrund der breiten Kritik an seiner Person durch Eitelkeit motiviert? Oder hatte ihn schlicht die Einsicht erreicht, für die Weltfussballgemeinschaft kein zeitgenössischer Kopf mehr zu sein?

Einen Tag nach der Bekanntgabe von Blatters Rücktritt, stellte sich de Gregorio in der Nachrichtensendung «10 vor 10» abermals gekonnt den Fragen einer nachhakenden Daniela Lager.

«Wenn ich nichts weiss, weiss niemand was»: de Gregorio behauptet, der Fifa-Präsident würde nicht aus Angst vor einer Verhaftung nicht an die Eröffnung der Frauen WM in Kanada reisen. Video: SRF (3. Juni 2015)

Und auch das Schweizer Medien-Urgestein Roger Schawinski – der sich wahrscheinlich geärgert hatte, dass das Fifa-Medienereignis genau in seine dreiwöchige Sendepause fiel – wollte sich seine Fragen in der ersten Sendung nach der Pause von de Gregorio beantworten lassen.

Das letzte Interview als Fifa-Pressesprecher

Auch im Gespräch mit Schawinski, der ja dafür bekannt ist, seine Gäste vielmehr zu verhören, als zu interviewen, machte de Gregorio eine den Umständen entsprechend gute Figur. Mit seiner jovialen Offenheit gelang es ihm, auch heikle Fragen, wie die zu seinem Gehalt, zu entschärfen. Er verteidigte seinen Chef Blatter und wehrte sich vehement gegen jegliche Mafiavergleiche. Zum Schluss unterlief ihm jedoch ein Fehler: Er liess sich von Schawinski einen Witz auf die Zunge legen, der nicht nur gegen ihn selbst, sondern auch gegen seinen Chef, Sepp Blatter, gerichtet war:

Fifa-Chef Sepp Blatter, sein Kommunikationschef und der Generalsekretär sitzen im Auto. Wer fährt? Antwort: Die Polizei. 

Heute gab Walter de Gregorio nun seinen Rücktritt bekannt. Brachte dieses selbstironische Schuldeingeständnis das Fass zum Überlaufen? Man kann nur spekulieren. Die Presse jedenfalls scheint sich darüber einig zu sein, auch in Insiderkreisen heisst es, der Spruch de Gregorios sei zu viel gewesen. Ausgerechnet er, der die vielen Fehlschüsse des Weltfussballverbands mit einem rhetorischen Spin über die Torlinie zu retten versuchte, soll sich also mit einem Witz selber abgeschossen haben – es wäre köstliche Ironie.

Erstellt: 11.06.2015, 22:34 Uhr

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