Das Glück, kein Pech mehr zu haben

Antonio Marchesano ist ein Symbol für den Aufschwung des FC Zürich. Lange musste der Tessiner in seiner Karriere untendurch, nun prägt er das Spiel seiner Mannschaft.

Er hat sein Frühstück geändert und wurde auch darum zum neuen Antonio Marchesano. (Foto: Sabina Bobst)

Er hat sein Frühstück geändert und wurde auch darum zum neuen Antonio Marchesano. (Foto: Sabina Bobst)

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Sie rufen ihn Tonino. Tonino, spiel. Tonino, schiess. Und manchmal, wenn er besonders schön spielt und schiesst, nennen sie ihn Toninho. Antonio Marchesano hat sich einen Namen gemacht, es ist zu sehen an den Spielen und zu hören im Training. Tonino, Toninho. Die Namen stehen für seine kleine Grösse und für seine grossen Taten. 1,67 m sei er gross, heisst es meist. «1,68», korrigiert er, «aber es kommt nicht mehr drauf an.» Früher war das anders, früher haben sie ihm gesagt, dass er zu klein sei. Heute ist Marchesano Stammspieler beim FCZ, Mann der raffinierten Bälle und Quell kreativer Spielzüge. Es wurde Zeit, der Mann ist 28. So denkt Marchesano nicht. Er sagt: «Es ist gut gekommen.»

Marchesano wird als introvertiert bezeichnet, doch wenn es ihm läuft – und in diesen Tagen läuft es –, kommt er aus sich heraus. Als der Reporter nach dem Spiel keine Notizen von seinen Aussagen macht, fragt er: «Warum schreibst du nicht auf?» Als man ihm antwortet, weil er nichts ausser Floskeln vom Mannschaftsdenken von sich gebe, sagt er: «Das macht man in diesem Moment so.»

Marchesano ist ein Profi geworden, auf und neben dem Platz. Das war abzusehen – und doch eine Zeit lang ungewiss.

Er war das Juwel

Marchesano war der 18-jährige Fussballer, von dem das ganze Tessin schwärmte. Er wurde «Juwel» genannt, bekam das mit, träumte von der Serie A – und landete in der Challenge League. Er sagt: «Ich habe auch Pech gehabt.» Andere sagen: Er habe das Pech angezogen. Marchesano wechselte 2011 zu Bellinzona – und Bellinzona stieg noch vor seiner Ankunft ab. Marchesano unterschrieb 2013 einen Vorvertrag bei Sion – und der Trainer wurde noch vor seiner Ankunft entlassen. Der neue fragte ihn: «Wer bist du?» Er wechselte im gleichen Jahr nach Winterthur – und wurde zwei Jahre lang nicht glücklich. Er zog 2015 nach Biel – und der Club ging darauf in Konkurs. Er kam 2016 zum FCZ – und natürlich, der Club stieg noch vor seiner Ankunft ab.

Es gab eine Zeit, als er sich sagte: Hör auf zu träumen Tonino, mit 26 musst du den Durchbruch geschafft haben, sonst hast du im Profifussball nichts verloren. Es gab den Augenblick in Winterthur, als er sich überlegte, einen anderen Beruf zu ­suchen, einen gewöhnlichen, ­irgendetwas mit Wirtschaft. Und es gibt den Moment, in dem er sagt: «Es ist gut, wie es gekommen ist.» Dieser Moment ist jetzt. Marchesano hat beim FCZ den Vertrag verlängert, er ist der Zehner im Mittelfeld, ihm läuft es, dem FCZ läuft es – und es ist nicht ganz klar, wer mehr für das Glück des anderen zuständig ist. Der Sohn eines italienischen Bauarbeiters aus Reggio di Calabria hat von seinem Vater Demut auf den Weg mitbekommen. «Wenn der FCZ gut ist, hilft das auch mir.»

«Nun haben wir mehr Selbstvertrauen.»Antonio Marchesano

Die Gründe für den Zürcher Aufschwung sind so eine Sache. Marchesano erzählt, dass es klick gemacht habe, dass es nun funktioniere. Was genau? «Wir machen alles zusammen, wir greifen zusammen an. Wir verteidigen zusammen.» Nur, das hätten sie auch früher machen können. «Stimmt», sagt Marchesano, «aber nun haben wir mehr Selbstvertrauen.» Und auch einmal Glück. Anfang Saison hat der FCZ Penaltys verschossen und Überzahlsituationen nicht genutzt, er bekam einen Gegentreffer in letzter Minute in Form eines wahnwitzigen Fallrückziehers. Nun gibt es keine solchen Tiefschläge mehr, und dem FCZ gelingen Tore, die zwei Monate zuvor ausblieben. Der FCZ erlebt gerade das Glück, kein Pech mehr zu haben. Und Marchesano geht es ähnlich, die bösen Überraschungen sind aus seinem Fussballerleben verschwunden.

Er hat inzwischen aufgehört, die Träume eines 20-Jährigen zu träumen. Serie A und Juve, das war einmal. «Als 28-Jähriger ist das Ausland einfach nicht sehr realistisch», sagt er. Er meint mit Ausland nicht Nordamerika und Asien, aus diesen Regionen gab es Angebote, doch er wusste, dort will er nicht arbeiten, nicht als Fussballer, nicht als Familien­vater. Marchesano sagt bewusst Arbeiten. Fussball ist für ihn nicht mehr nur ein Spiel, es ist auch zur Arbeit geworden. Sicherheit spielt eine Rolle, finanzielle Aspekte auch. Und er hat mit dieser Einstellung einen neuen Traum gefunden. «Ich will mit dem FCZ einen Titel holen.»

Jetzt wird er bewacht

Darum hat er sich geändert. Er isst morgens nicht mehr nur Milch und Cornflakes, sondern Müesli, Brot, Fleisch und Früchte. Er wärmt vor den Trainings bewusst die Muskeln auf und fokussiert schon Stunden vor den Spielen. Es sind Details, doch in der Summe machen sie den neuen Marchesano. Sogleich stellt ihm das ins Leben gehuschte Glück neue Hürden. Kürzlich gegen Xamax kam nach dem Spiel Torhüter Matthias Minder auf ihn zu, die beiden kennen sich aus Winterthur. Minder erzählte ihm, dass sie ihr Spiel speziell auf ihn eingestellt hätten – Marchesano wurde bewacht, die Gegner begleiteten ihn stets auf dem Weg zwischen die Linien, zwischen Abwehr und Mittelfeld, seinem Lieblingsort auf dem Feld. Marchesano litt, ihm gelang wenig – er muss sich noch an das neue Leben gewöhnen.

Marchesano (M.) im Spiel gegen Xamax. (Bild: Keystone)

Marchesano wird ein besonderes Gefühl für den Raum nachgesagt. Er überlegt und erzählt dann, weshalb das tatsächlich stimmen könnte. Weil er immer kleiner war, musste er stets schneller als der Gegner sein. Er hat darum mit sich ausgemacht, dass er den Ball sofort weiterspielt. «Ich muss mich immer entscheiden. Eine oder zwei Berührungen», sagt er. Dafür muss er sehen und spüren, wo seine Kollegen und Gegner sind, wo sie sein könnten. In diesem Moment fühlt er den Raum – und dann spielt er den Ball.

Erstellt: 08.12.2019, 10:29 Uhr

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