Das Naturtalent mit der falschen Identität

Vom Flüchtling zum Fussballprofi: Lumala Abdus Aufstieg im schwedischen Fussball ist bemerkenswert. Doch ist er wirklich der, für den er sich ausgibt?

Lumala Abdus Geschichte beschäftigt Schweden. Schiesst er seine Tore unter falschem Namen?

Lumala Abdus Geschichte beschäftigt Schweden. Schiesst er seine Tore unter falschem Namen? Bild: Getty Images

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Eigentlich soll diese Geschichte exemplarisch sein. Für die integrative Kraft des Sports. Für die positive Unberechenbarkeit des Lebens. Für die Hoffnung, die einen weit tragen kann. Es ist die Geschichte von Lumala Abdu, 21, aus Uganda.

Sein Stammbaum: undurchsichtig. Das Geld: oft knapp. Im Alter von 16 Jahren verlässt er seine Heimat für ein besseres Leben. Als unbegleiteter minderjähriger Asylsuchender erreicht er Malmö, erhält den Flüchtlingsstatus. Abdu will dazugehören, lernt schwedische Vokabeln, spielt in der 7. Liga Fussball. Und wie.

Als Mittelstürmer verblüfft er, trifft überdurchschnittlich oft. Unglaublich ist das auch darum, weil er immer wieder erzählt, wie der Fussball in seinem Leben bisher nur eine marginale Rolle spielte. Auf der Strasse kickte er manchmal, mehr nicht. Und nun legt dieser afrikanische Junge einen kometenhaften Aufstieg hin. Nach eineinhalb Jahren in Schweden stürmt er bereits in der zweithöchsten Liga. 2016 holt ihn der Erstligist Kalmar FF. In drei Jahren vom Flüchtling zum Fussballprofi. Das ist die Geschichte. Eigentlich.

Erst top, dann für immer weg

Kürzlich veröffentlichte Noa Bachner, Journalist der schwedischen Zeitung «Expressen», seine Recherche über den jungen Afrikaner. Titel: «Grosses Mysterium rund um das Allsvenskan-Talent». Angezweifelt werden nicht Abdus Fähigkeiten im Abschluss, sondern dessen Herkunftsgeschichte. Der Vorwurf: Lumala Abdu ist gar nicht Lumala Abdu. Ein Naturtalent mit falscher Identität.

Um das zu verstehen, ist ein Blick in die Vergangenheit nötig. 2013 findet in Göteborg ein internationales Turnier für U-16-Teams statt. Den Final bestreiten zwei Exoten: Consadole Sapporo aus Japan und das Kampala Junior Team aus Uganda. Die Japaner sind stärker, führen bald 2:0. Die Afrikaner kommen zurück, gleichen aus.

Und dann gelingt einem Junge namens Charles Ssali per Fallrückzieher kurz vor Schluss das Siegestor. Ssali wird gefeiert, Journalisten wollen mit ihm sprechen, auch Scouts. Weil die Fifa es den Clubs untersagt, minderjährige Fussballer zu verpflichten, wird es aber wieder ruhig um Ssali. Er kehrt mit seiner Mannschaft in die Heimat zurück. Seither hat man nie mehr etwas vom 16-jährigen Mittelstürmer mit den ausserordentlichen Fähigkeiten gehört.

Alles gleich: die Haare, das Lachen, die Narbe

Wochen später erreicht ein Junge aus Uganda Schweden. Er kommt als Flüchtling, ohne Begleitung. Er stellt sich mit dem Namen Lumala Abdu vor. Frappant: Der 16-Jährige ähnelt Kampalas Sturmtalent, das am Juniorenturnier in Malmö begeisterte, nicht nur, er sieht genau gleich aus. Seine Statur, sein Haar, sein Lachen und vor allem seine Narbe im Gesicht. Alles passt.

Journalist Bachner zeigt auf, wie sich Abdu regelmässig widerspricht, seine Geschichte an Glaubwürdigkeit einbüsst. Einmal sagt er, dass er seine Jugend bei der Grossmutter verbrachte, weil seine Eltern früh verstorben waren. Einmal meint er, dass seine Eltern noch leben, er aber bei einer Tante wohnte. Einmal sagt er, dass er nie die Schule besucht habe. Einmal erzählt er Episoden aus seiner Zeit in der Schule. «11 Freunde» berichtet, dass auch in Uganda über den jungen Stürmer geschrieben wird. Ihn, den sie in der Heimat offenbar mit Charles Ssali alias Lumala Abdu ansprechen.

Der «Expressen»-Journalist konfrontiert Abdu. Er meint, er habe dazu nichts zu sagen. Und sagt dann doch etwas. Auf die Frage, ob er zwei Identitäten habe, entgegnet er: «Ich will nichts zerstören.» Er wolle sich lieber aufs Training konzentrieren. Das ist das Einzige, woran er denke. «Ich weiss nicht, was ich sonst sagen soll.»

Der dubiose Club aus Växjö

Die Geschichte von Abdu ist kein Einzelfall: Noa Bachner nennt in seiner Recherche einige Beispiele von afrikanischen Aufsteigern in Schweden, deren Lebensgeschichte ziemlich dubios erscheint. Dabei gerät immer wieder ein Club in den Fokus: Växjö United. Dem Drittligisten wird vorgeworfen, afrikanische Talente nach Schweden zu lotsen, um diese dereinst für eine ansprechende Summe verkaufen zu können.

Bachner findet auch ein Bild vom Nachwuchsturnier in Göteborg. Darauf sind jubelnde Spieler aus Uganda und Mohamed Abdi Elmi zu erkennen, der Clubchef von Växjö. Nicht wenige von diesen Buben sind heute in den Niederungen des schwedischen Fussballs aktiv.

Nicht alle hatten so viel Glück wie Lumala Abdu, der in Schweden ein besseres Leben fand. Das Rätsel um ihn und seinen Weg bleibt ungelöst. Gegenüber «Expressen» sagt er: «Ich bin ein ehrlicher Mann.» Das gilt vermutlich nicht für die Menschen, die ihn ins Land brachten.

(cst)

Erstellt: 11.02.2019, 17:58 Uhr

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