Das Pflänzchen gedeiht in Kasan

Moritz Bauer wechselte 2016 von GC zu Rubin, spricht nun Russisch und kostet ein Abenteuer aus, von dem ihm auch Freunde abrieten.

Moritz Bauer ist in Russland angekommen. Bild: zvg

Moritz Bauer ist in Russland angekommen. Bild: zvg

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Er lenkt sein Auto zur Strassenmitte, wartet geduldig, bis das Dutzend Wagen auf der Gegenseite vorbei ist. Nirgends steht, dass Linksabbiegen erlaubt ist. «Eigentlich wäre es das auch nicht», sagt der Winterthurer Moritz Bauer und ­lächelt, «aber das machen hier alle.» Dann überquert er die Gegenfahrbahn und ­manövriert das Clubauto geschickt in eine Parklücke.

Von da sind es nur 150 Meter bis zu einem seiner Lieblingscafés. Westliche Musik, modernes Intérieur, Flaschen eines italienischen Mineralwassers in Magnumgrösse. Ein uneingeweihter ­Besucher käme kaum darauf, dass er in Russland weilt. Genauer in Kasan, der Hauptstadt der Republik Tatarstan, rund 800 Kilometer östlich von Moskau. «Wenn man durch die Strassen fährt, sieht man keinen grossen Unterschied zum südlichen Spanien oder Italien. Und die Stadt hat ähnlich viel zu bieten wie Zürich», sagt der 25-Jährige.

Mit grösster Selbstverständlichkeit gibt er auf Russisch die Bestellung für sich und den ­Besucher auf – das Angebot hat er vorher auf Kyrillisch studiert. Es gibt Pfannkuchen mit Marmelade respektive rotem Kaviar, frisch gepressten Orangensaft und Heissgetränke.

Was hatte sich Bauer nicht alles ­an­hören müssen im Sommer 2016, als die Meldung von seinem Transfer von GC nach Kasan die Runde machte. Es war seine erste Auslanddestination, und viele dachten, nur finanzielle Gründe hätten den Ausschlag gegeben. Kollegen hätten sich um ihn gesorgt, erinnert er sich: «Sie sagten, ich würde eingehen wie ein Pflänzchen ohne Sonne. Das Gegenteil ist der Fall. Ich wachse, weil ich an einem ­unbekannten Ort viel Neues erfahre.» Er fügt aber an: «Die Stadt Kasan hat es mir leicht gemacht.»

Das Aufgebot Marcel Kollers

Die Zufriedenheit manifestiert sich in den Leistungen. Bauer wurde schnell Stammspieler, und der schweizerisch-­österreichische Doppelbürger drängte in den Fokus der Nationalmannschaft. Im September debütierte er für Marcel Koller beim 1:1 gegen Georgien, nun steht er schon bei drei Länderspielen. Seine Hausse kontrastiert mit der Leistungsentwicklung von Rubin.

Die letzte Saison beendete es auf Platz 9, und auf einen guten Start mit zwischenzeitlich sechs Spielen ohne Niederlage folgten wieder Rückschläge. Zuletzt viermal in Serie ein 0:1, trotz teils klarer Überlegenheit. Nach zwölf Runden ist Rubin Kasan nur auf dem 12. Rang klassiert. Auf mildernde Umstände könne man nicht hoffen, sagt Bauer: «Wenn man gut spielt und verliert, ist alles schlecht, wenn man schlecht spielt und gewinnt, ist dagegen alles super.»

Geduld ist ein Fremdwort in Russland. Und so wurde nach der letzten Saison Trainer Javi Gracia ersetzt, ebenso viele Spieler. Dies, nachdem schon zwölf ­Monate zuvor das halbe Kader mutiert hatte. Neuer Chef ist Gurban Berdiyew, ein knorriger Herr sowjetischer Prägung, der keine Interviews gibt. Ganz unterschiedliche Spielideen und -philosophien also.

Winterlicher Ausflug: Bauer in Moskau.

«Ich möchte beide Trainer nicht missen», erklärt Bauer. Unter Berdiyew spielt Rubin mit einer Fünferkette, und Bauer lernt als Aussenläufer taktisch dazu. Wann immer möglich, geht er nach vorne: «Ich spiele lieber mit Ball als ohne. Oft muss ich aber im Vollsprint zurück, denn wenn ich hinten fehle, werden mir die Ohren lang gezogen.»

Die Kräfteverhältnisse im Vergleich zur Schweiz zeigten sich zuletzt, als YB im Champions-League-Playoff gegen ZSKA Moskau chancenlos blieb. Es gebe viele Unterschiede, sagt Bauer: «Die ­Robustheit in den Zweikämpfen, die taktische Disziplin und die Effizienz sowie die ­Anzahl individuell starker Spieler.» Rasche Fortschritte waren auch für ihn nötig, um nicht unterzugehen: «Ich habe mich im Umgang mit Druck extrem verbessert. Kuschelpolitik gibts hier nicht, wenn etwas nicht funktioniert, wird es sofort kritisiert und angesprochen.»

Bauer ist ein mutiger und neugieriger Mensch. Zwei Eigenschaften, die ihm bei der Akklimatisierung enorm halfen. Im ersten Jahr sog er alles auf. Er war in der Oper, im Ballett, an Konzerten, besuchte Eishockey-, Volleyball- und Basketballspiele, Schulen und seine Putzfrau auf der Datscha – das volle Programm. Nur im Kino war er nie, ohne englische Untertitel sei das Verstehen schwierig.

In der neuen Heimat referiert Bauer manchmal über die alte.

Seine bisherige Zeit fasst er so zusammen: «Im ersten Jahr war ich wie ein Austauschschüler, jetzt bin ich so richtig daheim. Es ist alles zum Alltag geworden.» Die Wohnung in der Schweiz hat er aufgegeben, er hat sich ein Klavier ­gekauft und ein Fahrrad, abends kocht er oft. Es fehlt an nichts: «Es tönt ­kitschig, aber im letzten Jahr war ich so zufrieden wie noch selten.»

Natürlich gehören Reisen zum Leben eines Profis in Russland. Die Distanzen sind im grössten Land der Welt riesig, stets wird geflogen. Der Aufwand halte sich aber in Grenzen, sagt Bauer: «Von Tür zu Tür maximal drei Stunden. Als wir mit GC in Thun spielten, dauerte es länger.» Alles sei perfekt organisiert, mit dem Bus wird fast bis aufs Rollfeld gefahren, wo schon der Charterflug wartet, länger als zwei Stunden dauert kaum ein Flug. Die Ausnahme: Chabarowsk, sieben Zeitzonen entfernt und auf der Höhe Chinas. Kein Wunder, wünschen dem Aufsteiger viele den Abstieg.

«Da ist irgendwo ein Fluch»

Ein Erfolgserlebnis übermorgen in Rostow würde für Kasan etwas Ruhe bringen. Bauer wird wohl wieder durchspielen, wie in den letzten neun Partien, und die Aussenbahn rauf und runter eilen. Im Hinterkopf die Statistik, dass er nach 34 Partien noch kein Tor geschossen hat, wie auch in 105 Einsätzen für GC. «Da ist irgendwo ein Fluch», lacht er.

Bis 2021 ist er gebunden, im Fussball eine Ewigkeit. Bauer weiss, dass bald etwas passieren könnte, auch wenn es derzeit nicht danach aussieht. Im ­Winter fehlte nicht viel zu einem Transfer, und Spieler, die sich im Osten durchgesetzt haben, sind begehrt, weil anpassungs­fähig. Er kann sich gut vorstellen, später etwas Neues zu versuchen. England würde ihn reizen, «die Stimmung ist beim Letzten so gut wie beim Ersten». Grundsätzlich sei jede Liga interessant, mit einer Ausnahme: «Ich kann mir kaum vorstellen, vor 30 wieder in der Schweiz zu unterschreiben. Es wäre aber lässig, wenn ich später noch im neuen Stadion für GC spielen könnte.»

Bauer lässt an einem der ­bekanntesten Aussichtspunkte den Blick über die ­Millionenstadt gleiten. Eine ähnliche Fernsicht geniesst er von seiner Wohnung im Zentrum. Nichts fehlt zum Glück, fast nichts: «Wir müssen unter die Top 5 und damit in die Europacup-Plätze. ­Alles andere wäre eine Riesenenttäuschung.» (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 13.10.2017, 13:03 Uhr

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