«Das geht nicht! Stopp! Feierabend!»

Luzerns Trainer Markus Babbel sagt, wieso er sein eigenes Team provozierte und was ihn an Agenten nervt.

Markus Babbel kämpft in Luzern gegen Selbstzufriedenheit und Nichtbelastbarkeit. Foto: Alexandra Wey (Keystone)

Markus Babbel kämpft in Luzern gegen Selbstzufriedenheit und Nichtbelastbarkeit. Foto: Alexandra Wey (Keystone)

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Wie lange sind Sie noch Trainer des FC Luzern?
Hoffentlich noch lange. Ich habe Spass und nicht das Bedürfnis, den Verein zu verlassen. Der FCL ist nicht irgendeine Adresse im Schweizer Fussball, er polarisiert. Mir gefällt das.

In der vergangenen Woche hat es aber weniger nach Spass getönt. «Die Mannschaft ist mental tot» oder «Wir sind keine Einheit» – so provoziert man doch den Abgang.
Das ist ein falscher Eindruck. Provokante Worte schaden manchmal nicht, wobei ich meine Aussagen nicht ganz so heftig fand. Und es war alles kalkuliert. Wie viele Ansprachen habe ich schon ­gehalten, wie viele Einzelgespräche geführt? Nichts half mehr, um neues Feuer zu entfachen. Aber ich konnte es nur tun, weil ich ein gutes Verhältnis zu den Spielern habe. Sie wissen: Es ist nicht alles so blöd, was ich ihnen erzähle. Wäre das nicht so, hätte ich wohl geschwiegen. Oder riskiert, die Mannschaft zu verlieren und mich zu isolieren.

Sie werden aber nicht behaupten, dass die Spieler Sie für die Kritik gelobt haben?
Nein, natürlich nicht! Ich wollte, dass sie über mich in der Kabine reden, über mich herziehen. Dann habe ich mir die Älteren geschnappt und ihnen erklärt, warum ich das getan habe.

Wie haben sie reagiert?
Sie waren richtig stinkig auf mich. Aber ich habe ihnen erklärt, dass es mir einzig um den maximalen Erfolg geht. Und das wäre in dieser Saison Platz 3.

Gewesen?
Ja, vermutlich werden wir ihn verpassen.

Gross war die Wirkung Ihrer Kritik aber nicht. Das 1:4 bei YB am ­Sonntag war bereits die vierte ­Niederlage in Folge.
Ich kann nicht widersprechen. Trotzdem spürte ich, dass sich etwas bewegt hat. Gegen YB sah ich viel bessere ­Ansätze als noch eine Woche zuvor in Thun. Da liefen wir herum wie ein Hühnerhaufen.

Keine mentale Frische, keine ­Einheit: Ist es nicht Aufgabe des Trainers, das hinzubekommen?
Das kann man natürlich so betrachten, und ich kann nicht alle Schuld von mir weisen. Trotzdem sollte man das Innenleben einer Mannschaft kennen. Wenn Spieler unzufrieden sind, weil sie in Vertragsverhandlungen kein gutes ­Angebot erhalten, weil sie private Probleme haben, weil sie in ein Formtief ­geraten, dann kann ich nur begrenzt Einfluss nehmen.

«Ich gehe fest davon aus, dass ich im Herbst noch hier bin. Ich habe nichts anderes vor.»

Wie sehr müssen Sie in Luzern gegen Selbstzufriedenheit ankämpfen?
Kicken können hier alle. Aber manchmal habe ich das Gefühl, dass sich eine gewisse Genügsamkeit breitmacht. Nehmen wir Spieler wie Remo Freuler oder Dario Lezcano: Dank ihrer Mentalität schafften sie es ins Ausland und fallen dort auch auf. Wer aber für mangelhafte Leistungen ständig Ausreden sucht, kommt nicht über die Rolle des Dorfprinzen hinaus. Nur frage ich mich: Wieso hat er nicht den Ehrgeiz, mehr zu erreichen?

Und das verstehen Sie überhaupt nicht.
Es macht mich wahnsinnig, wenn ich feststelle, dass aus vorhandenem Talent so wenig gemacht wird. Es ist kein ­Zufall, dass wir mit Luzern den Cup-Halbfinal verlieren: Sobald die Erwartungen steigen, sobald ein Spiel kommt, in dem es um etwas Entscheidendes geht, stelle ich eine Blockade fest. Diese Nicht­belastbarkeit, die haben wir leider.

Wie lässt sich das ändern?
Mit frischem Blut, neuen Gesichtern, unbequemen Spielern.

Zum Beispiel?
Spontan fallen mir zwei ein: Serey Dié und Taulant Xhaka. Mit ihnen würde sich unser Spiel grundlegend verändern. Zwei, drei dieser Kategorie, dazu Junge an ihrer Seite, die lernwillig sind, das ist die Wunschvorstellung. Aber wie soll man Schwergewichte nach Luzern holen? Für 12 000 Franken pro Monat kommt kein Serey Dié zu uns. Keine Chance. Und einen ähnlichen Typen ­irgendwo zu finden bei begrenzten Möglichkeiten im Scouting, das ist enorm schwierig.

Nicolas Haas war einer der Jungen, der auffiel. Warum verzichten Sie nun auf ihn?
Er teilte mir mit, dass er über den Sommer hinaus nicht bei uns bleiben will und eine Luftveränderung brauche. Ich brauche aber Spieler, die mit dem Kopf in Luzern sind.

Was passiert mit den Brüdern ­Christian und Marco Schneuwly?
Die stehen im Sommer nicht auf der Strasse, sondern haben einen Vertrag bei uns bis 2018. Aber das ist auch so eine Sache: Was deren Berater abzieht, ist vollkommen daneben. Er informiert die Presse darüber, dass die Schneuwlys ihre Verträge in einem Jahr verlängern dürfen, aber auf 40 Prozent ihres Lohns verzichten müssen. Was soll das? Das geht nicht! Stopp! Feierabend! Wenn ein Spielervertreter nicht zufrieden ist mit der Offerte, soll er das mitteilen – aber nicht der Zeitung, sondern dem Club. Das ist sein Ansprechpartner.

Welche Konsequenzen hat das für die Schneuwlys?
Ich habe ihnen genau das erklärt: Es funktioniert nicht, wie der Berater das gemacht hat. Und natürlich erhoffe ich mir, dass die Clubleitung einen klaren Standpunkt vertritt und es nicht zulässt, dass die Agenten ihr diktieren, wie es weitergeht.

In der vorletzten Woche stellte der FCL mit Remo Meyer einen neuen Sportchef vor. Hat die Vereins­führung Sie mit diesem Alleingang überrascht?
Was soll ich Ihnen sagen?

Die Wahrheit.
Ich nehme zur Kenntnis, wie die Verantwortlichen vorgegangen sind, aber ich glaube: Das passt mit Remo Meyer. Eines muss ich zum vermeintlichen Alleingang schon noch loswerden: Ich kannte die Kandidaten alle nicht, ich bin stark auf den deutschen Markt fokussiert und kenne die Szene in der Schweiz wenig, also konnte ich auch keine Meinung abgeben. Ich kenne Andres Gerber von Thun, Christoph Spycher von YB und Georg Heitz von Basel. Aber von denen kriegst du keinen.

Zur Clubleitung gehört seit ­September 2016 auch CEO Marcel Kälin. Und angeblich ist er ­mitverantwortlich für das schlechte Klima auf der Geschäftsstelle.
Das hat irgendjemand aus den eigenen Reihen an die Öffentlichkeit gebracht.

Entspricht es nicht der Wahrheit?
Es geht nicht um wahr oder nicht wahr. Für mich ist es Verrat am Verein, unterste Schublade. Wenn mir etwas nicht passt, kläre ich das unter vier Augen. Ich informiere sicher nicht Journalisten, wenn es intern Probleme gibt.

Die allgemeine Aufregung wird sich nicht legen, wenn Lausanne nicht bezwungen wird.
Ein positives Resultat wäre sicher förderlich. Schenken wir die restlichen vier Spiele her, starten wir mit einer extremen Hypothek in die neue Saison. Und wenn wir möglicherweise gegen Basel, in Sion und gegen YB starten müssen, vielleicht auch nicht punkten, ist mir klar, was passiert.

Was?
Dann muss ich die Frage beantworten: «Elf Spiele in Serie nicht gewonnen: Was machen Sie jetzt?» Aber ich gehe fest davon aus, dass ich im Herbst noch da bin. Ich habe jedenfalls nichts ­anderes vor.

1:4 bei GC, 1:2 gegen Basel, 1:3 in Thun, 1:4 bei YB, nur 14 Punkte in 14 Spielen, Aus im Cup-Halbfinal, nur noch Platz 5, giftige Töne des Trainers gegen die eigene Mannschaft: Beim FC Luzern herrscht wieder einmal Aufregung. Aufregung? Markus Babbel (44), seit Oktober 2014 im Amt und damit dienstältester Coach der Liga, arbeitet die vergangenen Wochen entspannt auf.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 16.05.2017, 22:13 Uhr

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02.06.FC Basel 1893 - FC St. Gallen4 : 1
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02.06.FC Sion - Grasshopper Club1 : 1
02.06.FC Vaduz - FC Thun1 : 3
02.06.BSC Young Boys - FC Lausanne-Sport2 : 0
Stand: 02.06.2017 22:38

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NameSpSUNG:EP
1.FC Basel 189336268292:3586
2.BSC Young Boys36209772:4469
3.FC Lugano361581352:6153
4.FC Sion361561560:5551
5.FC Luzern361481462:6650
6.FC Thun3611121358:6345
7.FC St. Gallen361181743:5741
8.Grasshopper Club361081847:6138
9.FC Lausanne-Sport36981951:6235
10.FC Vaduz36792045:7830
Stand: 02.06.2017 22:39

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