Das gestreckte Bein als Tatwaffe

Ein 4.-Liga-Goalie wird wegen eines Fouls verurteilt. Was heisst das für Amateurfussballer?

Beim letzten brisanten Fall im Profifussball kam es zu keiner Verurteilung. Damals hatte der Aarauer Sandro Wieser den FCZ-Spieler Gilles Yapi mit gestrecktem Bein am Knie schwer verletzt.

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Gelbe Karte und Penalty – das kann einen Schuldspruch vor dem Strafrichter nach sich ziehen. Im Kanton St. Gallen hat ein 4.-Liga-Torhüter aus Wil vor 17 Monaten einen Stürmer aus Henau rüde gebremst – mit gestrecktem Bein auf 60 bis 90 Zentimeter Höhe soll er ihn im Strafraum ­gefoult haben. Der Stürmer verletzte sich und war wegen eines Schienbeinkopfbruchs zehn Tage im Spital sowie drei Monate arbeitsunfähig. Er wird wohl nie mehr Fussball spielen.

Der Vorfall wurde zu einer Angelegenheit für die Juristen. Diese Woche kam das Urteil vom Kreisgericht Wil: Schuldspruch gegen den Torhüter wegen fahrlässiger Körperverletzung. Eine bedingte Geldstrafe von 300 Franken, Schadenersatz von 6110.10 Franken, plus Verfahrenskosten von mehreren Tausend Franken. Doch wie muss man das Urteil verstehen? Ändert sich nun die Praxis auf den Amateurfussballplätzen, wie das der «Blick» insinuiert. Wird jeder Zweikampf zum potenziellen Rechtsfall?

Spricht man mit Juristen, kommt unisono erst ein Aber: Der Fall sei noch nicht rechtskräftig.

Robert Breiter ist Jurist des Schweizer Fussballverbands (SFV) und betrachtet den Fall gelassen: «Ich glaube nicht, dass die Folgen derart markant sind, wie es einzelne Medien weismachen wollen.» Breiter arbeitet seit 2002 beim SFV und hat seither keine Häufung an strafrechtlichen Fällen auf Fussballplätzen festgestellt. Dieses Urteil ist allerdings ein Novum, denn Breiter mag sich an keinen Schuldspruch in dieser Zeit erinnern.

Selbst beim letzten brisanten Fall kam es letztlich zu keiner Verurteilung. Damals hatte der Aarauer Sandro Wieser den FCZ-Spieler Gilles Yapi mit gestrecktem Bein am Knie schwer verletzt. Die beiden Parteien einigten sich aussergerichtlich.

Weshalb eine Körperverletzung normalerweise nicht rechtswidrig ist

Breiter betont, dass Fussballer mit der Ausübung ihres Hobbys zu einem ­gewissen Grad einwilligen, dass sie ­gesundheitliche Schaden davontragen können. Diese Einwilligung führe dazu, dass eine Körperverletzung nicht rechtswidrig sei. «Darum ist ein Beinbruch normalerweise kein Fall für den Strafrichter. Das wird meiner Meinung nach so bleiben.» Ein Beispiel aus der Praxis belegt dies: Vor Jahren riss einem ­Spieler im Kanton Bern wegen eines Foulspiels die Achillessehne. Er ging vor Gericht – ohne Erfolg.

Ist der Vorfall allerdings extrem gravierend, ändert sich die Meinung von Breiter. Er spricht vom Fall Chapuisat - Favre. Der Vater des ehemaligen Dortmundstürmers Stéphane verletzte den heutigen Nizza-Trainer schwer und ­zerstörte dessen Knie total. Er wurde wegen fahrlässiger schwerer Körperverletzung zu einer Busse von 5000 Franken verurteilt. Breiter sagt: «Dieses Urteil ist auch in unserem Sinn, denn der Fussballplatz ist keine rechtsfreie Zone.» Gleiches gilt auch für einen Faustschlag abseits des Spielgeschehens. «Das soll man verfolgen.»

«Unnötige Kriminalisierung»

Lucien Valloni hat den Wiler Torhüter vor ­Gericht vertreten, er sieht im Urteil eine «unnötige Kriminalisierung» und die ­Gefahr, dass sich die Leute künftig mehr Gedanken machen, ob sie prozessieren wollen.

Anwalt Marco Del Fabro wiederum hat für den Stürmer den Prozess gewonnen, zum laufenden Verfahren möchte er keine Stellung nehmen. Im Jahr 2015 hat er jedoch beim ähnlichen Fall Yapi - Wieser für den «Tages-Anzeiger» einen Kommentar geschrieben: «Eine Verurteilung hätte keine Signalwirkung. Es ist auch nicht so, dass Fussballer künftig vor jedem Tackling Angst vor den Konsequenzen haben müssten.» Diese Meinung hat der Jurist auch nach diesem Fall, er glaubt nicht, dass das Urteil grosse Konsequenzen für die Amateurfussballer hat.

Valloni und sein Klient überlegen sich zurzeit, ob sie das Urteil zur nächsten ­Instanz weiterziehen. Die Tendenz geht Richtung Ja. Doch das kostet erst einmal: Um die schriftliche Urteilsbegründung sehen zu können, müssen sie 3600 Franken zahlen. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 19.10.2017, 20:31 Uhr

Profis

Zwei Urteile, ein Vergleich

Im Amateursport sind kaum Fälle von Verurteilungen wegen Körperverletzungen bekannt. Auch im Profisport sind sie selten, umso stärker erregen sie Aufsehen. Ein Präzedenzfall war das Urteil in der Causa McKim/Miller. Der Eishockeyspieler Kevin Miller (Davos) schlug Andrew McKim (ZSC) den Ellbogen in den Nacken. McKim wurde sportinvalide, Miller wegen einfacher und fahrlässiger schwerer Körperverletzung verurteilt – und später in den USA auch zu 1,1 Mio. Dollar Entschädigung. Ebenfalls vor Gericht ging Lucien Favre nach dem Foul von Gabet Chapuisat und Totalschaden im Knie, er bekam recht und Chapuisat eine Busse von 5000 Franken. Erstinstanzlich verurteilt wurde Aaraus Sandro Wieser nach seiner Attacke gegen das Knie von Gilles Yapi (FCZ). Wieser zog das Urteil weiter, wenig später einigten sich die Parteien aussergerichtlich. (czu)

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