«Das ist Knochenarbeit»

Der frühere Swiss-Chef André Dosé ist neuer GC-Präsident, weil ihn die vielen Probleme reizen.

«Wir haben konkrete Ideen»: André Dosé bei seinem ersten Auftritt.

«Wir haben konkrete Ideen»: André Dosé bei seinem ersten Auftritt.

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Es ist wieder einmal Umbruchszeit auf den obersten Chefsesseln bei GC – zum siebten Mal seit 2003. Am Donnerstag trat Roland Leutwiler als Präsident zurück, CEO Marcel Meier wurde entlassen. Leutwilers Nachfolger ist André Dosé, der frühere Chef der Swiss.

Gestern hatte Dosé seinen ersten öffentlichen Auftritt in neuer Funktion: zuerst vor den Medien, dann beim 0:2 im Heimspiel gegen Sion. Dosé sei eine Führungspersönlichkeit mit klaren Worten, fand Stephan Anliker, GC-Owner und Verwaltungsratsmitglied, und sagte dann: «André Dosé, bitte.»

Der knapp 55-jährige Dosé will beim Rekordmeister «wieder Freude und Lust» sehen. Und er hat vor, seine Pläne «konsequent umzusetzen». In einer seiner ersten Handlungen stützte er den Entscheid der alten Führung und teilte Trainer Ciriaco Sforza die Trennung per Saisonende mit.

André Dosé, Sie sind ja ein Berner aus Basel …
… ein Berner aus Basel? Ich bin in Bern aufgewachsen und habe dort die obligatorische Schulzeit absolviert, dann aber ging ich ins Welschland und darauf in die USA. Nach meiner Rückkehr kam ich per Zufall in die Nordwestschweiz, weil ich bei der Crossair anfing.

Wo wir hinwollten: Was macht ein Berner aus Basel bei GC?
Im Übrigen wohne ich jetzt im Fricktal im Aargau.

Das wird für die Zürcher ja immer schlimmer!
(Lacht laut) Ich sehe auch bei mir zu Hause GC-Fahnen draussen hängen. Und im Training meines Sohnes tragen ungefähr gleich viele Kinder GC- und Basel-Trikots.

Was haben Sie in den vergangenen Jahren gedacht, wenn Sie den Namen GC hörten?
Es hat mir weh getan.

Wieso?
Weil es kein starkes GC mehr war. Weil es in der Meisterschaft keine Rolle mehr spielte. Das ist nicht gut, auch für den Schweizer Fussball nicht. Wir haben im Moment eine ganz starke Konzentration auf einen Club, der wegzieht.

Hat Sie GC denn je berührt, bevor Sie Präsident wurden?
Sicher. Ich war immer sehr nahe am Fussball, ich schaute mir immer wieder auch GC-Spiele an.

Das GC-Abzeichen, das Sie am Revers tragen …
… (unterbricht) Das habe ich erst seit gestern.

Einst gab es Bemühungen, Sie ins Präsidium des FCB zu holen.
Ja, es gab eine lose Anfrage. Das war, als ich Swiss-Chef wurde. Aber es ist ja klar, dass ich neben meiner damaligen Aufgabe nicht die Zeit hatte, auch noch einen Fussballclub zu führen.

Was ist jetzt der Grund, dass Sie bei GC einsteigen?
Ich wurde vor drei Wochen von den Owners kontaktiert. Das war auch für mich eine Überraschung. Was mich an der Aufgabe reizt: dass ich hier etwas bewegen kann. Wir haben eine sehr gute Ausgangslage mit den Owners und mit mir als neuem VR-Präsidenten. Und ich spüre auch, dass die Verantwortlichen bei GC gemerkt haben: Es muss anders vorwärtsgehen. Wir wollen eine ganz klare Ausrichtung. Ich bin nicht der, der zu einem Fussballclub gehen würde, der gut funktioniert. Das würde mich nicht reizen.

Dann reizt Sie nicht der Name GC, sondern die Aufgabe.
Ja. Aber selbstverständlich identifiziere ich mich mit GC. Es gibt in diesem Verein viele Leute, die gute Arbeit machen und wieder Erfolg haben wollen. Und ich bin jetzt der, der eine neue Mentalität reinbringen muss.

Was sind Sie denn: ein Sanierer oder ein Restrukturierer?
Beides. Wir haben ganz offen gestanden grosse Baustellen, und diese müssen wir schliessen. Wir können dabei nicht alles auf einmal machen, sondern müssen Prioritäten setzen. Aber es geht nicht nur um den Sanierer und den Restrukturierer. Die Kunst ist es vielmehr, dass wir die Menschen wieder motivieren und an ein Ziel heranführen können. Und dass wir die richtigen Leute auswählen.

Machen Sie den Job bei GC auch, weil Ihnen seit dem Abschied von der Swiss die Öffentlichkeit gefehlt hat?
Nein, überhaupt nicht. Schauen Sie: Ich habe keine Ambitionen, in der Öffentlichkeit zu stehen. Die hatte ich, und die habe ich auch ausgelebt. Ich könnte Ihnen relativ lange auch über die Vor- und Nachteile des Rampenlichts erzählen, ich führte ja eine Firma mit 15?000 Mitarbeitern. Der Grund für mein Engagement ist: Ich will etwas aufbauen, das in Zukunft wieder erfolgreich ist.

Verwaltungsrat Stephan Anliker sagt, GC mache einen desolaten Eindruck.
Ich muss zuerst eine saubere Ist-Analyse erstellen. Es wäre vermessen zu sagen, dass ich die komplette Übersicht habe. Ich war gestern (am Freitag) erstmals im Campus und redete erstmals mit der Führung und mit dem Trainer.

Wenn Sie von Baustellen reden: Was meinen Sie konkret?
Es fehlte die Führung, ganz eindeutig. Wir haben eine Baustelle im Sponsoring. Wir haben ein paar personelle Baustellen …

… CEO, Sportchef, Trainer?
Ob es zum Beispiel einen CEO in dieser Form braucht, muss ich zuerst anschauen. Fakt ist, dass es bei GC noch nie einen Wechsel mit so vielen Leuten gab und dass es diesen Wechsel nicht grundlos gab. Es gibt auch kleine Dinge, die nicht funktionieren: Die Mitarbeiter im Sekretariat etwa sind überlastet. Da muss Führung her.

Haben Sie den Eindruck, dass das Ungewisse auf die Angestellten des Vereins demotivierend gewirkt hat?
Ich habe gesehen, dass Freude und Begeisterung fehlen, dass die Leute gestresst sind.

Es hilft nicht, wenn zwölf Mitarbeitern vorsorglich gekündigt wird, wie das passiert ist.
Sie sprechen die Juniorentrainer an.

Nicht nur: Auch Sekretariatsmitarbeiter, Teammanager oder ein Materialwart erhielten Kündigungen.
Das ist alles vor meiner Zeit passiert. Ich werde mich ab Montagmorgen intensiv mit allem beschäftigen, um mir den Überblick zu verschaffen. Mehr kann ich im Moment schlicht nicht sagen.

Dann rufen wir am Montag an.
(Lacht) Aber erst am Nachmittag.

Die für viele wichtigste Baustelle ist die erste Mannschaft.
Wir dürfen deshalb das Ausbildungskonzept nicht über den Haufen werfen. Der Nachwuchs wird bei GC immer eine wichtige Rolle spielen. Aber: Die erste Mannschaft muss erfolgreich sein.

Das kostet Geld.
Das kostet auch Geld.

Geld, das GC zuletzt gefehlt hat.
Wir müssen realistisch sein und uns die Dimensionen vor Augen halten. Und wir müssen auch kritisch hinterfragen, warum dieses Geld nicht da war. Das hat vielleicht auch mit der Ausrichtung und dem Konzept zu tun. Es braucht Vertrauen. Ich gebe doch nicht Geld in einen Club, wenn ich das Gefühl habe, dass dieses Geld schlecht eingesetzt wird.

Heisst das, dass Sie die House-of-Talents-Strategie doch hinterfragen?
Nein, die ist sehr gut. Aber: Es braucht mehr.

Das Budget liegt bei 15 bis 16 Millionen Franken. Wie viel mehr Geld möchten Sie?
Das Budget für die nächste Saison ist in einem vernünftigen Rahmen gesichert, wir können uns punktuell verstärken. Alles, was an Geld noch dazukommt, ist sehr gut. Aber das ist Knochenarbeit. Wir müssen zu den Sponsoren. Wir haben die Aufgabe, einen neuen Hauptsponsor zu finden.

Wie schwierig ist es im Moment, GC zu verkaufen?
Ich hoffe, dass dank der getroffenen Entscheide ein gewisses Vertrauen gegenüber GC zurückkehrt und dass die Aufgabe einfacher wird. Damit habe ich nicht gesagt, dass sie einfach ist.

Eine neue Mannschaft aufzubauen, ist schwierig. Wie gehen Sie vor, damit GC zu Beginn der nächsten Saison bereit ist?
Wir haben einen klaren Anspruch: Es muss eine Verbesserung her. Die Mannschaft braucht punktuelle Verstärkungen; da spreche ich vor allem die Achse an.

Wer trifft die Personalentscheide?
Wir haben konkrete Ideen. Aber ich möchte ganz bewusst keine Namen nennen. Sonst gibt es gleich wieder Spekulationen.

Wir haben eine gute Idee.
Welche ist das?

Mladen Petric zu verpflichten.
(Lacht) Petric! Es braucht mehr als nur einen Spieler. Konkret möchte ich mich zu Petric nicht äussern. Es ist alles eine Frage des Preises und auch davon, ob er in die Mannschaft passen würde.

Trainer Sforza ist mit diesen Fragen nicht mehr beschäftigt. Warum stützen Sie den Entscheid Ihrer Vorgänger, sich per Saisonende zu trennen?
Weil ich glaube, dass es auch in diesem Bereich wichtig ist, einen Neuanfang zu machen. Zwischen Sport und Wirtschaft gibt es einen grossen Unterschied. Der Erfolgsgedanke ist kurzfristiger. Sie können in einem Unternehmen über lange Zeit etwas aufbauen und dann die Früchte ernten. Im Sport haben Sie nicht so lange Zeit.

Wie schnell muss der neue Trainer gefunden sein?
So schnell wie möglich. Eigentlich kann man sagen, dass die neue Saison schon jetzt begonnen hat.

Sie müssen froh sein, dass GC dank Sion und Xamax keine Abstiegssorgen hat.
Wenn wir auch das noch hätten, würde uns das die Aufgabe gewaltig erschweren und die Nervosität wäre noch grösser.

GC hat 15 Besitzer und jeder von ihnen hat seine Ideen und Meinungen. Haben Sie sich vor Ihrer Zusage die absolute Rückendeckung von den Ownern garantieren lassen?
Es denken nie alle gleich. Aber ganz wichtig ist, dass eine Mehrheit gleich denkt. Das haben wir so regeln können. Ja, das war eine Bedingung, sonst ginge es nicht.

Im Umfeld von Owner Heinz Spross bewegt sich Erich Vogel, der frühere Sportchef. Ist seine Rückkehr zu GC denkbar?
Ich kenne ihn auch persönlich. Er ist für mich nach wie vor ein kompetenter Mann. Er hat immer sehr gute Mannschaften zusammengestellt. Aber wenn Sie jetzt meinen, dass er Sportchef würde, dann ist das nicht das Thema. Das kann ich ausschliessen.

Wie schwierig ist die Aufgabe bei GC im Vergleich mit Aufgaben in Ihrer Vergangenheit?
Sie ist schwierig. Sie ist punkto Öffentlichkeit ähnlich. Bei der Swiss war der Steuerzahler involviert, und jeder Schweizer wollte sagen, wie man es machen muss. Das ist im Fussball ähnlich. Damit muss ich leben.

Wie empfindlich sind Sie bei Kritik?
Schauen Sie die Schlagzeilen von 2000 bis 2004 an. Damit ist die Frage beantwortet.

Gab es etwas, das Sie damals speziell traf?
Es wäre doch unehrlich zu sagen, Kritik treffe einen nicht. Kritik muss man wegstecken. Wichtig ist: Man muss immer ein Ziel haben. Das ist auch bei GC so. Wir dürfen nicht vom Wagen fallen, wenn es zum ersten Mal windet. Natürlich, das ist nicht einfach. Und ehrlich gesagt: Es ist auch das, was ich mir am längsten überlegt habe.

Wieder in den Sturm zu stehen?
Ja. Ich habe mir die Frage gestellt: Will ich das noch einmal? Ich werde wieder zu einer viel öffentlicheren Person. Es ist wirklich nicht immer angenehm.

Vor allem, wenn man es noch gratis machen würde.
(Lacht) Das Geld hat damit nichts zu tun.

Was erhalten Sie bei GC?
Eine tolle Aufgabe.

Und was verdienen Sie?
Das muss ich mit dem neuen Verwaltungsrat erst anschauen.

Die alten Führungen – und es gab in den vergangenen Jahren viele davon – haben immer wieder Pläne gemacht, was sie in welcher Zeit erreichen wollen.
Das werden Sie von mir nicht sehen.

Wieso nicht?
Weil Sie solche Pläne nie erfüllen können. Ich habe immer gestaunt, dass man in diesen Punkten so spezifisch kommunizieren kann. Mit solchen Plänen setzen sie die Leute nur unnötig unter Druck. Eine Entwicklung muss stattfinden, das ist ganz klar. Aber im jetzigen Stadium sportliche Ziele zu setzen – nein, das kann es nicht sein.

Ist Ihre Frau eigentlich einverstanden mit Ihrem Engagement bei GC? Oder hat sie gesagt: Bist du wahnsinnig?
(Lacht) Das ist nicht zitierfähig.

Erstellt: 01.04.2012, 14:27 Uhr

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