Das könnte den Fussball auf den Kopf stellen

Die internationale Spielergewerkschaft Fifpro kämpft vor der EU-Kommission für das Ende des herrschenden Transfersystems.

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Irgendwann kommt einer der alten ­Recken vorbei, auf dem Weg zur Mittagspause. «Hey Louis, erzähl, wie das war, damals mit Bosman!» Also bleibt Louis Everard stehen und schildert noch einmal, wie die internationale Spielergewerkschaft Fifpro 1995 das Fussball-Estab­lishment schockte. 15 Anwälte der Fifa auf der Gegenseite: «Mindestens! Und wir mit bloss zwei.» Und als der Europäische Gerichtshof das Ende von Transfersummen für Fussballer ohne laufenden Vertrag verkündet hatte, da ging die Party los: «16 Flaschen Champagner, was für ein Kater am nächsten Tag.»

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Über zwanzig Jahre sind vergangen seit dem grössten Erfolg der Fifpro. Der Stolz ist geblieben – der Kater aber auch. Denn kaum schien sich die Gewerkschaft ihren Platz am Verhandlungstisch erkämpft zu haben, war sie schon wieder ausgebootet. Jetzt will sie mit aller Macht zurück. Und geht aufs Ganze: Nichts ­weniger als das aktuelle Transfersystem soll abgeschafft werden.

Transfersystem als grosses Übel

Geht es nach der Fifpro, dann dürfen Fussballprofis ihre Stelle künftig wie ­jeder andere Arbeitnehmer frei wechseln. Es gäbe keine Ablösesummen mehr und keine fixen Transferperioden. Die Gewerkschaft weiss, dass das die Fussballwelt auf den Kopf stellen würde.

Fifpro-Generalsekretär Theo van ­Seggelen findet trotzdem: «Wir brauchen keine Angst vor dem Ende des Transfersystems zu haben.» Für ihn sind die derzeit herrschenden Regeln sogar Wurzel fast allen Übels im Profifussball. Ein immer stärkeres Gefälle zwischen grossen und kleinen Clubs, steigende Ausgaben für Spielerberater, Handel mit Minderjährigen, Tausende von Profis, die nicht rechtzeitig bezahlt werden: All das sei auf das Transfersystem zurückzuführen.

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Um das zu ändern, hat die Fifpro im September bei der Europäischen Kommission eine Klage gegen die Fifa ein­gereicht: Der Weltfussballverband behindere mit seinem Transfersystem den freien Wettbewerb. Das System von Ablöse­zahlungen für Spieler mit laufendem Vertrag werde von Grossclubs missbraucht, die sich der Fifa-Regeln bedienten, um Konkurrenz vom Wettbewerb um die besten Spieler auszuschliessen.

«Der Transfermarkt wird von den Elitevereinen dazu genutzt, die Eintrittsschwelle in den Markt hochzuhalten, indem die Ablösesummen ständig erhöht werden», schreibt Stefan Szymanski, Professor der Universität Michigan, in seiner Studie im Auftrag der Fifpro. So hätten andere Vereine praktisch keine Chance, an die Spitze vorzustossen. Ein fairer Wettbewerb werde verunmöglicht.

Zudem profitieren kleinere Vereine weitaus weniger von Transfersummen. Einerseits zirkuliert der Grossteil der ­Ablösesummen schlicht unter den Clubs der fünf grössten europäischen ­Ligen. Für den Rest der Welt bleiben die Brosamen. Und wollen kleinere Clubs ihren Teil vom Kuchen, müssen sie Risiken eingehen, indem sie Talente unter Vertrag nehmen, in der Hoffnung, dass sich ihr Transferwert steigert. Misslingt die Spekulation, drohen Schulden. Für Van ­Seggelen steht fest, dass im herrschenden System die Kluft zwischen den Elitevereinen und den restlichen Clubs stets grösser wird: «Wenn wir nichts ändern, dann gibt es in ein paar Jahren nur noch rund dreissig Grossclubs weltweit.»

Rekordsumme für Agenten

Die derzeit geltenden Regeln für Spielertransfers sind seit 2001 in Kraft. Damals gestand die EU-Kommission dem Fussball einige Sonderrechte zu, die im sonstigen Arbeitsmarkt nicht gelten. Ziel war ein Kompromiss zwischen dem Grundrecht der Spieler auf freien Zugang zum Arbeitsmarkt auf der einen und der ­Stabilität der sportlichen Wettbewerbe auf der anderen Seite.

Es wurden damals auch Ziele formuliert. Unter anderem hätte das Transfersystem Vereine belohnen sollen, die junge Spieler ausbilden. Gleichzeitig sollte verhindert werden, dass Geld aus dem Fussball abfliesst. Geschehen sei das Gegenteil, sagt Van Seggelen: «Immer mehr Leute bereichern sich auf dem Transfermarkt.» Er verweist auf die ­Diskrepanz zwischen den ausbezahlten Ausbildungsentschädigungen und den Boni für Berater. «Das ­System belohnt Spieleragenten viel stärker als Clubs, die Talente ausbilden», sagt Van Seggelen. «Wie soll das gerecht sein?»

Dass die Fifpro ihre Forderungen via EU-Kommission durchzusetzen versucht, hat seine Logik. Zwar vertritt sie weltweit 65'000 Spieler. Das hat ihr die Kassen gefüllt und den Bau eines eindrücklichen Hauptsitzes am Rand von Amsterdam ermöglicht. Das Geld stammt aus dem Verkauf der Bildrechte der Profis an Hersteller von Computerspielen. Als gleichberechtigter Verhandlungspartner aber wird die Gewerkschaft weiterhin weder von der Fifa noch von den Ligen oder den Clubs anerkannt.

«Jahrelang haben wir versucht, mit den anderen Akteuren eine faire Lösung zu finden», sagt Van Seggelen, «aber wir haben nicht einmal erreicht, dass all unseren Spielern die vereinbarten Löhne bezahlt werden.» Also hat sich die ­Gewerkschaft daran erinnert, wo sie mit dem Bosman-Urteil ihren grössten Triumph eingefahren hat: bei der EU.

Gewerkschafter vor der Tür

Damals war die Freude von kurzer Dauer. Als 2001 die heutigen Transferregeln ausgehandelt wurden, waren die Fifa und die Uefa am Tisch der EU. Die Fifpro stand vor der Tür – wortwörtlich. «Wir haben den ganzen Tag draussen gesessen und Kaffee getrunken», sagte damals ein frustrierter Fifpro-Präsident Gordon ­Tayler über die Verhandlungen.

Das, haben sich die Gewerkschafter geschworen, soll nicht noch einmal passieren. Da macht es auch nichts, dass sie selbst nicht genau sagen können, wie eine Welt aussehen würde, in der Fussballer ihren Arbeitgeber frei wechseln könnten. «Das jetzige System verursacht riesige Schäden», sagt Van Seggelen. «Wenn sich alle Beteiligten gemeinsam an einen Tisch setzen, lässt sich sicher eine bessere Lösung finden.» (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 14.04.2016, 23:13 Uhr

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