«Das raubt extrem viel Energie»

Admir Mehmedi lernt in der Bundesliga die Besonderheiten des Abstiegskampfes kennen und sagt, wie nahe ihm das geht.

«Wir schaffen es.» Admir Mehmedi zeigt sich vor dem grossen Abstiegsfinale optimistisch.<br />Foto: Reto Oeschger

«Wir schaffen es.» Admir Mehmedi zeigt sich vor dem grossen Abstiegsfinale optimistisch.
Foto: Reto Oeschger

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Er kann wirken, als würde er alle Hektik mühelos an sich vorbeiziehen lassen. Er kann den Eindruck vermitteln, als würde er nichts auf der Welt als Belastung empfinden. Aber das ist nur die Fassade des Admir Mehmedi: Dahinter verbirgt sich ein 24-jähriger Mann, der sich in seinem Beruf viele Gedanken macht.

Als kleiner Bub kam er aus Mazedonien via Bellinzona nach Winterthur. 2006 wechselte er zum FC Zürich, gehörte drei Jahre später zur Meistermannschaft, debütierte im Juni 2011 im Nationalteam, wechselte ein halbes Jahr später nach Kiew, und weil er sich da verlor, war er froh, als der SC Freiburg ihm einen Ausweg anbot.

Jetzt ist er zum Fussballer gereift, auf dem grosser Druck lastet, wenn er mit Freiburg zur Derniere der Saison in Hannover ­antritt. Bei einer Niederlage droht der Abstieg. Mehmedi hält jedoch selbstbewusst fest: «Wir schaffen es.» Sagt es und klopft dreimal auf den Holztisch.

Freuen Sie sich auf das Spiel in Hannover?
Ja, klar.

Obwohl es um alles oder nichts geht?
Genau das macht doch den Reiz aus. Wir standen schon gegen den HSV und die Bayern mit dem Rücken zur Wand. Jetzt entscheidet sich alles in einem Spiel.

Wie sehr spielt die Angst mit?
Angst ist nicht der passende Begriff. Vor dem Match ist zweifellos Nervosität spürbar, das kann eine brutale Nervosität sein. Das Selbstvertrauen ist nicht in dem Mass vorhanden wie bei einer Mannschaft, die oben mitspielt. Aber mit dem Anpfiff blende ich das alles aus.

Können Sie wirklich nervös sein?
Ziemlich sogar. Vielleicht wirke ich, als wäre mir alles egal. Aber der Eindruck trügt. Ich bin ein Mensch, der sich sehr viele Gedanken macht, manchmal fast zu viele. Jetzt geht es um die Existenz des Vereins, und es gibt nichts Schlimmeres als einen Abstieg. Ich habe in den zwei Jahren in Freiburg viele ­Angestellte kennen gelernt, da entsteht automatisch eine Bindung. Mir darf es nicht gleichgültig sein, was mit ihnen passiert.

Worüber machen Sie sich Gedanken? Die eigene Leistung?
Vor allem. Ich bin überaus selbstkritisch und überlege mir dauernd, was ich besser machen kann. Die meisten Spiele schaue ich mir in voller Länge und allein noch einmal an. Ich achte auf meine Laufwege, auf meine Körpersprache, auf die Fitness. Und versuche, im nächsten Training an den Mängeln zu arbeiten.

Ärgert es Sie, wenn Sie beim Videostudium feststellen, dass Sie nicht den Mehmedi sehen, den Sie erwarten?
Und wie! Aber dafür brauche ich nicht einmal das Video. Es kann sein, dass ich unzufrieden mit mir bin, auch wenn ich zwei Tore erzielt habe. Wichtiger als alles andere ist, dass ich spielerisch überzeuge. Ich bin kein Knipser, ich bin kein klassischer Stürmer.

Gefällt es Ihnen manchmal gar nicht, wenn Ihnen auf die Schultern geklopft wird?
Wenn ich es nicht verdient habe, muss mir niemand auf die Schultern klopfen. In der vergangenen Saison gelangen mir gegen Mönchengladbach zwei Tore, aber was ich daneben abgeliefert habe . . . Nein, ich war nicht gut und darum nicht glücklich. Mein Gefühl täuscht mich ­selten. Ich weiss sofort und selber, ob meine Vorstellung in Ordnung war oder eben nicht. Und meistens beurteilt auch mein Vater meine Leistungen. Er sitzt oft genug auf der Tribüne, um sich eine Einschätzung erlauben zu können. Seine Meinung ist mir wichtig, vor allem aber auch die des Trainers.

Ist Ihr Vater ein schonungsloser Kritiker?
Oh ja, er tadelt häufiger, als dass er lobt.

Sind die Eindrücke des Vaters und von Trainer Christian Streich jeweils deckungsgleich?
Der Vater redet eher allgemein, der Trainer geht ins Detail und spricht fussballspezifischer. Aber im Grundsatz hat es kaum je Differenzen gegeben.

Wie viel Lob gab es vor einer Woche nach dem 2:1 und Ihrem Tor gegen die Bayern?
Da war der Vater zufrieden, der Trainer auch . . .

. . . und Sie?
Auch! (strahlt)

Als Offensivspieler werden Sie vor allem an Toren gemessen. Wieso läuft es in diesem Bereich nicht mehr wie in der vergangenen Saison?
Es kam alles an negativen Erlebnissen zusammen, was zusammenkommen konnte. Nach der WM war ich müde, ausgepumpt, ich stieg ohne richtige Ferien in die Vorbereitung und merkte, dass es an mentaler Frische fehlte. Nach zwei Runden fiel ich mit einem Muskelfaserriss aus, geriet aus dem Rhythmus und hatte Mühe, danach mein gewohntes Niveau zu erreichen. Plötzlich war ich drin in dieser Negativspirale, fing an, zu überlegen, zu fragen, zu zweifeln. Und dann war die Vorrunde schon vorbei. Nach einer hervorragenden Vorbereitung im Winter glaubte ich, in der Rückrunde würde alles besser, aber ich verletzte mich erneut, zog mir einen Bänderriss zu, musste wieder einen ­Monat zuschauen . . .

. . . und in diesen Wochen mussten Sie ohnmächtig miterleben, wie Freiburg gegen den Abstieg aus der Bundesliga kämpfte.
Das machte die Situation noch unangenehmer. Die Zeit lief, es wurden immer weniger Spiele, und als ich endlich wieder fit war, setzte ich mich selber unter Druck, ich wollte meinen eigenen Vorstellungen gerecht werden. Dazu kam, dass die Messlatte sehr hoch lag nach den zwölf Toren in der Vorsaison. Viele Leute dachten, ich würde den SC Freiburg im Alleingang zum Ligaerhalt führen. Aber das ist schlicht unmöglich.

Wäre es nicht einfacher, in schwierigen Momenten nicht zu viel zu studieren?
Das sagt sich so einfach, und ich würde mir das auch wünschen. Aber das funktioniert nicht auf Knopfdruck.

Gibt es auch Momente, in denen Sie an die sechs Millionen Euro denken, die Freiburg als Kaufpreis für Sie an Dynamo Kiew überwiesen hat?
Diese Summe habe ich nie kommentiert, die Ablöse hat mich auch nie belastet. Mich brachten meine Leistungen im ­ersten Halbjahr viel mehr zum Nach­denken.

Gaben Ihnen die Anhänger ihre Unzufriedenheit auch zu verstehen?
Was war, gerät schnell in Vergessenheit. Die Zuschauer leben im Jetzt, sie urteilen schnell, loben heute und pfeifen auch einmal. So ist das halt. Ich sagte mir: Admir, jetzt musst du schauen, dass wir mit Freiburg die schwierige ­Situation meistern und oben bleiben. Nur das zählt.

Welche Rolle spielte der Trainer in Ihren schwierigen Phasen?
Eine sehr wichtige. Er stand jederzeit hinter mir und liess mich immer spielen, obwohl es Tage gab, an denen es nachvollziehbar gewesen wäre, wenn er einem anderen den Vorzug gegeben hätte.

Färbt die emotionale, manchmal überschäumende Art des Trainers an der Seitenlinie nicht auf die Mannschaft ab?
Christian Streich ist völlig authentisch, emotional, positiv verrückt, einer, der 24 Stunden für den Fussball lebt und nicht abschalten kann. Er ist exakt so, wie er rüberkommt, null Komma null gespielt. Man sieht ihm an, dass es ihm nach einer Niederlage schlecht geht. Er verstellt sich so wenig wie ich.

Ihnen würden wir schauspielerische Fähigkeiten zutrauen.
(lacht)

Können Sie abschalten?
Wenn es im Fussball nicht läuft, hat das Einfluss auf das Privatleben. Man kann vielleicht so tun, als würde einen das nicht tangieren, aber die Wahrheit ist eine andere. Es beeinträchtigt sehr wohl die Laune, die Stimmung, auch im ­Privaten. Wer Erfolg hat, der ist auch privat automatisch besser drauf.

Sind Sie reizbar, wenn Sie mit Freiburg in Schwierigkeiten stecken?
Ja. Am Vortag des Spiels gegen Paderborn waren meine Eltern bei mir zu ­Besuch. Und ich war nicht in der Lage, mit ihnen zu reden. Nicht, weil ich nicht wollte, sondern, weil ich mich derart im Tunnel befand. Ich konnte nicht kommunizieren, weil ich mit meinen Gedanken völlig woanders war. Ich sass da, starrte in den Fernseher und wollte mit niemandem reden. Solche sportliche Phasen rauben extrem viel Energie.

Auch den Schlaf?
Nein, schlafen kann ich nur nicht, wenn ich tagsüber zu viel Kaffee getrunken habe.

Was haben Sie in den zwei Jahren, die Sie in Freiburg sind, gelernt?
Zunächst einmal war der SC das Beste, was mir nach dem Erlebnis in Kiew passieren konnte, auch wenn ich auf Geld verzichtet habe. Es war der perfekte Wechsel. Es wird der Fussball gespielt, der mir zusagt, der Trainer vertraut mir, und in diesem ruhigen Umfeld kann sich ein junger Spieler bestens entwickeln. Die Freiburger kannten mich schon sehr lange, offenbar schon aus U-15-Zeiten bei Winterthur, als ich klein und dick war . . . (lacht). Die wussten alles über mich, alles! Ich war 70 Kilo und schoss doch 20 Tore in einer Saison!

Wo spielen Sie nächste Saison?
Ich weiss es noch nicht.

Hängt es von der Ligazugehörigkeit ab?
Auch, ja. Und weil ich mir im Moment nur Gedanken über den Klassenerhalt und das letzte Spiel mache.

Fehlt Ihnen irgendetwas bei diesem Verein?
Nichts . . . Ausser vielleicht die internationalen Spiele.

Platz 5 mit dem SC . . .
. . . den gab es vor zwei Jahren, bevor ich kam, und das noch einmal wäre mein Traum!

Wieso bleibt der Club erstklassig?
Weil wir am Ende genügend Punkte ­haben. Und weil wir eine Mannschaft ­haben, die mit dem Druck umzugehen weiss. Wir zerfleischen uns nicht gegenseitig, bei uns sucht nicht jeder den Fehler beim anderen. Wir haben keinen, der eine negative Ausstrahlung hat. Das beste Beispiel ist unser Captain Julian Schuster. Gegenwärtig sitzt er nur auf der Ersatzbank, aber wie er das Team antreibt, wie er sich einbringt, das verdient allerhöchsten Respekt. Das nenne ich Persönlichkeit.

Erstellt: 21.05.2015, 23:48 Uhr

Admir Mehmedi

59 Spiele, 16 Tore

Es war ein harziger Beginn für den beim FCZ gross gewordenen Admir Mehmedi in Freiburg. Im Sommer 2013 wechselte er nach eineinhalb Jahren bei Dynamo Kiew leihweise ins Breisgau und sah im dritten ­Bundesligaspiel die Rote Karte. Er hatte dem Schiedsrichter-Assistenen den Vogel gezeigt. Und lernte Christian Streich von der strengen Seite kennen. Der Trainer sagte: «Admir muss die richtigen Schlüsse ziehen. Er muss laufen, laufen, laufen. Das muss er verstehen.» Meh- medi verstand und fing an, Tore zu erzielen. Am Ende war es ein Dutzend, das dem SC zum Ligaerhalt verhalf. Und: Mehmedi wurde für die Freiburger Rekordsumme von 6 Millionen Euro von Kiew übernommen. Bislang hat der 24-Jährige 59 Meisterschaftsspiele bestritten, 16 Tore geschossen und 4 vorbereitet. (pmb)


Der Abstiegskampf

Viele Wege zur Rettung

Es ist die letzte grosse Frage in der letzten Runde der Bundesliga: Wer steigt direkt ab, wer kann sich in die Barrage retten? Sechs Mannschaften droht noch der Fall in die zweite Liga.

Hertha Berlin kann praktisch nur noch via Barrage absteigen – wenn es bei Hoffenhem verliert, Hannover und Freiburg remis spielen und Stuttgart gewinnt.

Dem SC Freiburg reicht dank der viel besseren Tordifferenz gegenüber Hamburg und Hannover ein Punkt zur Rettung.

Hannover 96 ist mit einem Punkt dank der viel besseren Tordifferenz gegenüber Hamburg mindestens in der Barrage.

Der VfB Stuttgart ist mit einem Sieg in Paderborn in Sicherheit.

Der Hamburger SV, als einziger Verein noch nie aus der 1963 gegründeten Bundesliga abgestiegen, braucht nicht nur die drei Punkte gegen Schalke, er muss auch hoffen, dass Stuttgart nicht gewinnt und es bei Hannover gegen Freiburg einen Sieger gibt.

Der SC Paderborn, vor einem Jahr erstmals in die Bundesliga aufgestiegen, kann sich bestenfalls noch in die Barrage retten. Dafür aber muss Stuttgart verlieren und darf der HSV nicht gewinnen. Mehr ist nicht mehr möglich, weil die Tordifferenz im Vergleich mit Hannover und Freiburg viel zu schlecht ist. (ths.)

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