Das schlimme Foul an Favre – und seine juristischen Folgen

HSV-Stürmer Paolo Guerrero verübte gegen Stuttgart eines der übelsten Fouls der jüngeren Bundesliga-Geschichte. In der Schweiz gab es einst einen Fall, der sogar vor Gericht endete. Der damalige Schiedsrichter erinnert sich.

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Paolo Guerrero, der Stürmer des ehemaligen Basler Meistermachers Thorsten Fink, wurde für sein brutales Foul vom vergangenen Sonntag von hinten an Stuttgarts Torhüter Sven Ulreich für acht Spiele gesperrt. Inzwischen hat sich der Täter bei seinem Opfer entschuldigt. Zudem verzichtet der HSV auf einen Rekurs gegen die acht Spielsperren. «Ich habe seit dem Fall mit dem damaligen Manchester-United-Stürmer Eric Cantona, der einen Fan mit einem Kung-Fu-Tritt traktierte, noch nie ein so schlimmes Foul gesehen», sagte Luzerns Trainer Murat Yakin gegenüber Tagesanzeiger.ch/Newsnet. Guerrero hätte Ulreich das Bein brechen oder das Knie kaputtschlagen können. An die schlimmste Attacke, die sich je in der Schweiz zugetragen hat, kann sich Murat Yakin begreiflicherweise allerdings nicht erinnern. Sie geschah nämlich vor 27 Jahren im Genfer Stade des Charmilles, als Servette Vevey empfing.

Eleganter Spielmacher der Grenats war damals Lucien Favre, der mit seinem magischen linken Fuss die Fans verzauberte, Abwehrchef von Vevey Pierre-Albert Chapuisat, der Vater des ehemaligen Weltklassestürmers Stéphane Chapuisat. An diesem verhängnisvollen Freitag, dem 13. September 1985, kam es zu einem Zwischenfall mit fatalen Folgen. Es lief die 42. Minute. Chapuisat löste sich wie eine Furie aus der Abwehr, attackierte Favre mit seinem gestreckten rechten Bein und zerfetzte dem heutigen Trainer von Borussia Mönchengladbach das linke Knie. Die Diagnose war niederschmetternd: Aussenbänder, Kreuzbänder und der Meniskus waren kaputt. Das Knie erlitt einen Totalschaden, wie es im Fachjargon heisst.

Chapuisat musste wegen Körperverletzung 5000 Franken bezahlen

Favre musste operiert werden und fiel während acht Monaten aus. «Das war ein Foul, das nicht einmal mit dem Namen Chapuisat zu entschuldigen ist», kommentierte das Schweizer Fernsehen die schlimmen Bilder der Szene. Und Favre sprach anschliessend von «Krieg auf dem Fussballplatz». Der Geschädigte klagte gegen Chapuisat wegen Körperverletzung vor einem Zivilgericht. Das Genfer Polizeigericht fällte nach sechsstündiger Verhandlung das Urteil: Wegen fahrlässiger Körperverletzung wurde Chapuisat zu einer Busse von 5000 Franken verurteilt.

Ref Bruno Galler erinnert sich

«Der Schiedsrichter pfiff nicht einmal Foul», kommentierte der TV-Reporter weiter. Schiedsrichter war damals Bruno Galler, er leitete 1992 auch den EM-Final zwischen Deutschland und Dänemark (0:2). Obwohl Galler das Foul nicht sah und Chapuisat deswegen auch nicht des Feldes verwies, wurde der Übeltäter von seinem Arbeitgeber Vevey fristlos entlassen. «Ich habe das Foul einfach nicht gesehen, weil mir ausgerechnet bei dieser Situation ein Spieler die Sicht auf den Tatort nahm», erklärt der heute 66-jährige Galler gegenüber Tagesanzeiger.ch/Newsnet. Er habe das Foul dann erst am anderen Tag in der Sportschau gesehen.

«Das sah natürlich grauenhaft aus», erinnert sich Galler. Und dann sei eine grosse Empörung um seine Person entstanden: «Es kam mir vor, als hätte ich Favre das Knie kaputtgeschlagen.» Die Kritik, weshalb er das Foul nicht gesehen habe, sei sogar aus den eigenen Reihen gekommen. «Da musste ich die bittere Erfahrung machen, dass man unter den Schiedsrichtern eigentlich keine Kollegen hat. Auch die Schiedsrichterkommission hat mich böse attackiert und kritisiert.»

«Ich war ein Zeuge, der nichts gesehen hat»

Galler musste dann in Genf als Zeuge vor Gericht erscheinen. «Ich musste zweimal nach Genf reisen und dort aussagen. Aber ich war ein Zeuge, der nichts gesehen hat», sagt Galler. Übrigens habe ihm Lucien Favre im Gegensatz zu seinen Schiedsrichterkollegen nie einen Vorwurf gemacht. Bruno Galler vergleicht das Foul von Chapiusat an Favre mit dem des deutschen Nationaltorhüters Toni Schumacher an Frankreichs Spieler Patrick Battiston. «Bei diesem Spiel an der Weltmeisterschaft 1982 in Spanien stand ich an der Linie.»

Auch der Schweizer Rekordinternationale Heinz Hermann erinnert sich an den Zwischenfall von Genf. «Natürlich war das Foul grauenhaft. Ich fand es schon damals aber nicht ganz unproblematisch, dass der Fall vor ein ziviles Gericht kam. Für die Untersuchung von solchen Fällen und die Bestrafung von fehlbaren Spielern müssten eigentlich die Sportgerichte zuständig sein», sagt Hermann. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 08.03.2012, 10:10 Uhr

Artikel zum Thema

«Das schlimmste Foul seit Cantona»

HSV-Stürmer Paolo Guerrero leistete sich ein Foul der übelsten Sorte und bringt damit Basels Meistermacher Thorsten Fink in arge Nöte. Mehr...

Bunjaku verdirbt Favre den Sonntag

Nachdem am Samstag bereits die Bayern und Schalke im Titelrennen Punkte eingebüsst hatten, musste auch Gladbach eine Niederlage einstecken. Mehr...

Wie Favre Deutschlands Fussballexperten eines Besseren belehrt

Lucien Favre bewahrte Borussia Mönchengladbach in der letzten Saison vor dem Abstieg und ist jetzt sogar auf Titelkurs. Die Experten müssen umdenken. Mehr...

Guerrero streckt Ulreich nieder

Chapuisats Foul an Favre

Kommentare

Service

Ihre Spasskarte

Mit Ihrer Carte Blanche von diversen Vergünstigungen profitieren.

Die Welt in Bildern

Tischlein deck dich: Ultra-orthodoxe Juden der Nadvorna-Dynastie begehen in Bnei Brak, Israel, das Neujahrsfest der Bäume. (21. Januar 2019)
(Bild: Oded Balilty/AP) Mehr...