Das sind die Fliegenfänger der Super League

Warum GC das langsamste Team der Liga ist und sich die St. Galler vorkommen wie Österreichs Skifahrer. Teil 2 der grossen Datenanalyse.

Die Sportanalytikfirma Opta hat für Tagesanzeiger.ch/Newsnet jede Torchance jedes Spielers aus der Super League analysiert und auf deren Qualität bewertet. Illustration: Viviane Futterknecht

Die Sportanalytikfirma Opta hat für Tagesanzeiger.ch/Newsnet jede Torchance jedes Spielers aus der Super League analysiert und auf deren Qualität bewertet. Illustration: Viviane Futterknecht

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Es sind Zahlen, die selbst die Trainer überrascht haben, weil sie so in der Schweiz noch nicht veröffentlicht worden sind. Die Zeit ist vorbei, in der sich Fussballstatistiken nur um gerannte Kilometer oder Ballbesitz drehten. Heute gibt es Daten, die Rückschlüsse auf die Qualität von Spielern erlauben – und zeigen, welche Taktiken die Teams bevorzugen. In der Schweiz ist es die Firma Opta, die seit letzter Saison jeden Spielzug und jeden Zweikampf vermisst. Aufgrund dieser Daten haben wir neun ­Fragen gestellt und sie Trainern und Experten vorgelegt. (Hier lesen Sie Teil 1 mit YB, FC Basel, FC Zürich und FC Thun)

Die Abwehrreihen: Löchrig wie Käse

Die Schweizer Clubs schiessen 24 Tore mehr, als gemäss Opta erwartbar wäre. Ebenfalls ist der Toreschnitt in der Super League mit 3,44 Treffern pro Spiel deutlich höher als in den Top-5-Ligen. Von diesen hat die Bundesliga mit 3,04 Toren den höchsten Wert.

Warum ist es so einfach, in der Super League Tore zu erzielen?
Wer könnte diese Frage besser beantworten als Raphaël Nuzzolo (35), mit Xamax aufgestiegen und mit 10 Toren völlig überraschend an dritter Stelle der Torschützenliste. Er sagt, dass sich das Niveau in den vergangenen Jahren nicht gesteigert habe. Eher das Gegenteil sei der Fall. «Wir haben heute viel mehr junge Spieler in den Mannschaften, das spürt man», sagt Nuzzolo. Der Fussball sei zwar technischer und schneller geworden, dafür auch weniger physisch. Zudem hätten die Fehler der Verteidiger zugenommen. Kurz: Das Toreschiessen ist für einen Stürmer einfacher geworden.


Die Goalies: Schlechter als erlaubt

Nur zwei Torhüter der Super League entschärfen mehr Schüsse, als sie eigentlich sollten: Jonas Omlin und Mirko Salvi. Der Rest der Liga ist im Minus. Dies zeigt die xG-Statistik aus Sicht der Goalies – im Sinn von: Wie viele Treffer hätte der Torhüter laut Opta kassieren sollen, und wie viele waren es effektiv. Die Differenz zwischen den beiden Werten gibt Aufschluss über die Leistung des Goalies. Omlin hat also vier Tore weniger erhalten, als gemäss den Schüssen auf sein Tor erwartbar gewesen wäre.

Sind die Torhüter der Super League zu schlecht?
Mit Torhütern über Torhüterfehler sprechen, das ist wie mit dem Papst über die Abschaffung der Heiligen Kommunion zu diskutieren. Schwierig. Sie werden zu Advokaten ihrer Berufskollegen. Vor allem nach einer Hinrunde, in der es kaum einen Torhüter gab, der von Fehlern verschont blieb. Die ehemaligen Nationalgoalies Stephan Lehmann und Martin Brunner funktionieren da nicht anders. Auf die mässigen Statistiken angesprochen, lobt Lehmann erst die hervorragende Ausbildung und die starken Leute im Ausland.

Lehmann kennt den statistisch besten Goalie Omlin, er hat den heutigen FCB-Torhüter in den ­U-Mannschaften von Luzern trainiert. «Er hat das Goalie-Gen», sagt er. Doch Lehmann musste ihn damals verteidigen, es hiess, dem schmächtigen Omlin fehle das nötige Format. Darin liegt wohl eines der Grundprobleme bei den Goalies im Schweizer Fussball. Den Jungen werde kaum etwas zugetraut und verziehen, und sie würden nicht immer optimal betreut, sagt Lehmann. Geschehen bei Noam Baumann, der von Wil nach Lugano wechselte, einige schlechte Spiele ablieferte und dann durch den älteren David Da Costa ersetzt wurde. «Ein solider Goalie», sagt Lehmann. Er kennt aus seiner Zeit in Sitten auch Fickentscher, den statistisch schlechtesten Goalie der Liga, und sagt: «Auch ein solider Goalie.» Lehmann ist ein Meister der Diplomatie. ­Fickentscher war sein Leben lang die Nummer 2 und kam nur zum Spielen, weil sich Stammgoalie Mitryushkin verletzte.

Auch Thun, Xamax und Luzern setzen auf Erfahrung bei den Torhütern. Mit gutem Grund, sagt Martin Brunner, die Ausstrahlung sei ebenso wichtig wie die Qualität. Gerade wenn die Mannschaften so jung seien wie in der Schweiz. Er selbst «spüre» in der Schweiz keinen Torhüter und erzählt von Heinz Lindner, dem statistisch zweitschlechtesten Goalie, der auf der Linie zwar stark sei, aber wenig Ausstrahlung habe und den Strafraum schlecht beherrsche. «Das spüren Mitspieler und Gegner.» Er folgert: «In der Schweiz gibt es keinen Überflieger.» Aber auch das sei zu begründen. Wenn auf einer wichtigen Position wie der des Torhüters die sechs Besten (Sommer, Bürki, Hitz, Mvogo, Kobel, Benaglio) im Ausland spielen, in Deutschland und Frankreich, fehlen sie zu Hause. Die Folge: mehr Fehler, mehr Tore.


FC St. Gallen: Vogelwilde Schützen

Wer Peter Zeidler als Trainer verpflichtet, erhofft sich hohes Pressing und schnelle Konter. Tatsächlich sind die St. Galler hinter YB die Nummer 2, wenn es darum geht, möglichst oft innert acht Sekunden nach einem Ballgewinn in den Abschluss zu kommen. Und die Angriffe vor ihren Toren dauern im Schnitt 5,5 Sekunden. Zudem: Niemand stört so früh wie die Ostschweizer: Nur 8,7 Pässe kann sich der Gegner im Schnitt zuspielen, bevor ihn ein St. Galler attackiert.

Die Kehrseite: Die St. Galler sind gleich viermal in den Top 7 jener Spieler vertreten, die am häufigsten geschossen haben, ohne ein Tor zu erzielen. Das spricht dafür, dass die Ostschweizer überhastet den Abschluss suchen.

Spielt St. Gallen zu schnell für die eigenen Spieler?
Peter Zeidler, St.-Gallen-Trainer: «Zunächst sind das echt interessante Statistiken. Dass unsere Stürmer zu häufig aus wenig aussichtsreichen Positionen abgeschlossen haben, würde ich unterschreiben. Die Tabelle mit den meisten Schüssen ohne Tor sieht für uns ja aus wie bei österreichischen Skifahrern: vier unter den ersten zehn. Das ist brutal. Ich denke aber nicht, dass wir zu schnell oder überhastet gespielt haben. Eher war es der psychologische Druck, der auf den Spielern lastete. Nachdem Cedric Itten ausgefallen war, hiess es: Jetzt müssen Ben Khalifa, Tafer und Manneh die Lücke schliessen. Und weil sie sich als Stürmer sowieso über Tore definieren, wollten sie unbedingt selbst treffen – und haben deswegen auch aus schlechten Positionen abgeschlossen, anstatt vielleicht noch einen Pass zu spielen.

Dass unsere Gegner im Schnitt weniger als neun Pässe spielen, ehe wir sie angreifen, zeigt mir, dass wir das umsetzen, was wir trainieren. Auch dass wir viele schnelle Angriffe haben, gefällt mir. Es ist statistisch erwiesen, dass die Wahrscheinlichkeit, ein Tor zu erzielen, am höchsten ist, wenn man innerhalb von zehn Sekunden nach der Balleroberung zum Abschluss kommt. Wer kontert gewinnt (lacht). Trotzdem: Am Ende entscheiden die Tore – und da hoffe ich, dass nun bei unseren Stürmern der Bann gebrochen ist.»


Grasshoppers: Mit Ballbesitz überleben

GC ist im Abstiegskampf, spielt aber nicht so. Statt auf Konter zu lauern, weist es ligaweit am wenigsten Abschlüsse nach Kontern auf und hält im Schnitt vor dem Torerfolg am längsten den Ball (11,6 Sekunden).

Spielt GC den falschen Fussball für den Abstiegskampf?
Thorsten Fink, GC-Trainer: «Wer sagt denn, dass Ballbesitzfussball der falsche Weg ist im Abstiegskampf? Beim HSV machten wir genau dies – und es kam gut. Der Grund, weshalb wir momentan nicht zu den schnellsten Umschaltmannschaften gehören, liegt aber in erster Linie darin, dass wir in der Hinrunde von vielen Verletzungen geplagt waren. Wir mussten viel rotieren und konnten daher kaum Automatismen einüben. Was aber wieder den Vorteil hatte, dass wir jungen Spielern die Chance geben konnten, Erfahrungen zu sammeln. Wir waren die jüngste Mannschaft, das dürfte man als kritischer Journalist auch mal hervorheben. Für die Rückrunde bin ich zuversichtlich. Viele verletzte Spieler kommen zurück, die Mannschaft hat Qualität und wird das auch zeigen. Selbstverständlich auch bei den Kontern.»


FC Luzern: Raketenangriffe

Beim FC Luzern beträgt die durchschnittliche Dauer eines Angriffs, der zum Tor führt, 5 Sekunden – das ist Ligabestwert. Ebenfalls hat der FCL als einzige Super-League-Mannschaft noch kein Tor geschossen, bei der die Ballbesitzsequenz länger als 20 Sekunden dauerte.

Hat der FCL einen Raketen­angriff, oder ist er im Angriff einfach nicht in der Lage, den Ball zirkulieren zu lassen?
René Weiler, FCL-Trainer: «Im modernen Fussball ist es aus meiner Sicht elementar, ein schnelles Umschaltspiel einzuüben, um so den Erfolg zu suchen. Dass wir in der Statistik mit knapp 5 Sekunden vom Moment der Balleroberung bis zu einem Tor an der Spitze liegen, ist für mich daher als ein positives Zeichen unserer Entwicklung zu werten. Im Umkehrschluss ist es daher aber auch nicht überraschend, dass wir weniger in Besitz des Balles vor einem Tor sind. Das eine schliesst das andere ja faktisch aus.»

Teil 1 der grossen Datenanalyse der Super League finden Sie hier.

(Redaktion Tamedia)

Erstellt: 01.02.2019, 18:42 Uhr

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