«Das tut mir echt weh in der Seele»

Aaraus Trainer Marco Schällibaum spricht über Egoismus, Familie, einen unschönen Abgang und sagt, wo er sich bei seiner Premiere heute gegen Lausanne zwangsläufig aufhalten muss.

Unschöner Abgang in Chiasso: Marco Schällibaum.

Unschöner Abgang in Chiasso: Marco Schällibaum. Bild: Keystone

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Marco Schällibaum, am Mittwoch haben Sie Ihr erstes Training mit der Mannschaft geleitet. Wie ist Ihr erster Eindruck?
Es war mir wichtig, dass wir am Mittwoch und Donnerstag jeweils zwei Trainingseinheiten und am Samstag und Sonntag nach einem freien Tag je eine, also insgesamt sechs Trainingseinheiten absolvieren konnten. Ich habe eine Mannschaft vorgefunden, in der die Basis absolut vorhanden ist. Aber wir haben noch einiges zu tun.

Wie meinen Sie das?
Wir müssen schon noch etwas an der Qualität und den Automatismen schleifen. Aber ich bin zuversichtlich, dass wir in unserem Spiel schon bald die Balance finden.

Was sind Ihre kurzfristigen Ziele?
Wir wollen uns natürlich so schnell wie möglich vom letzten Tabellenplatz verabschieden. Und zwar schon heute Abend im Heimspiel gegen Leader Lausanne. In der Challenge League ist alles ziemlich eng. Mit zwei Siegen kannst du dich schon wieder nach oben orientieren.

Bleibt Sandro Burki der Captain des FC Aarau oder wollen Sie in der Hierarchie etwas ändern, um ein Zeichen zu setzen?
Nein, überhaupt nicht. Sandro ist schon seit zehn Jahren im Club und bleibt selbstverständlich mein Captain. Er ist ein Leader, eine Integrationsfigur und auch sehr wichtig für unser Spiel.

Sie müssen noch zwei von drei Spielsperren absitzen, weil Sie in Chiasso während eines Spiels auf die Tribüne verbannt wurden. Ist das ein Nachteil?
Ja, klar ist das ein Nachteil, wenn ich heute im Heimspiel gegen Lausanne und am Donnerstag im Cup gegen Le Mont die Mannschaft nicht hautnah coachen kann. Aber ich muss die Strafe akzeptieren, weil ich einen Fehler gemacht habe.

Wo werden Sie sich bei Ihrer Premiere heute Abend im Brügglifeld gegen Lausanne aufhalten?
In einem kleinen Raum auf der Tribüne des Brügglifeld, wo ich Blick auf das Spielfeld habe. Und dort muss ich wohl oder übel ja auch während des ganzen Spiels bleiben.

Sie hatten in Chiasso eine Ausstiegsklausel von 30'000 Franken. Diese galt aber nur für einen Wechsel in die Super League. Wie teuer wurde es jetzt?
Es wurde nicht teurer, die Clubs konnten sich auf einer vernünftigen Basis einigen, obwohl die Clubführung Chiassos natürlich verärgert war, weil ich unbedingt gehen wollte.

Können Sie den Tessiner Ärger nachvollziehen?
Ich bin mir schon bewusst, dass ich einige Leute in Chiasso vor den Kopf gestossen und enttäuscht habe. Immerhin hat mir der Club in der vergangenen Saison den Wiedereinstig ins Trainerbusiness ermöglicht. Und dafür bin ich heute noch dankbar. Aber eines hat mich bei meinem Abgang dann doch noch schwer enttäuscht.

Und das wäre?
Man hat mir verboten, mich von der Mannschaft zu verabschieden. Und das tut mir echt weh in der Seele. Ich habe immerhin während acht Monaten mit den Spielern gearbeitet. Sie sind mir ans Herz gewachsen. Und wir hatten auch einigen Erfolg. Wir verhinderten den Abstieg und spielten uns in dieser Saison ins gesicherte Mittelfeld. Chiasso hat sogar nach wie vor intakte Aufstiegschancen.

Und trotzdem wollten Sie den Club partout verlassen. Weshalb diese Eile?
Ich habe in meinem Leben immer versucht, es allen recht zu machen. Aber erstmals musste ich und wollte ich auch ein Egoist sein und habe eigentlich gegen meine Natur gehandelt.

Weshalb?
Erstens ist der FC Aarau im Schweizer Fussball nach wie vor eine gute Adresse, ein Club mit Ambitionen. Und zweitens hatte mein Wechsel auch private Gründe.

Und die wären?
Ich habe eine Familie und zwei Kinder im Alter von 11 und 14 Jahren. Ich war in den letzten sechs Jahren vielleicht ein Jahr zu Hause. Und das wollte ich unbedingt ändern. Ich kann jetzt von Aarau über zwei Hügel ins Baselbiet fahren, wo wir leben. In einer halben Stunde bin ich also bei meiner Familie. Und das erhöht für mich die Lebensqualität ungemein. Es gibt mir eine innere Ruhe.

Mit Raimondo Ponte haben Sie einen Sportchef, der in Aarau in der vergangenen Saison auch auf der Trainerbank sass. Ist das nicht ein Problem für Sie?
Nein, überhaupt nicht. Raimondo wird sich nicht mehr auf eine Trainerbank setzen. Er wird mich nicht beerben, falls ich mal nicht mehr da sein sollte.

Raimondo Ponte ist wie Sie eher ein Alphatier. Geht das?
Wir haben beide während Jahren für die Nationalmannschaft und die Grasshoppers gespielt. Wir haben beide langjährige Erfahrung als Trainer. Raimondo zudem auch als Sportchef. Dieses Amt übte er einst beim FCZ und in Luzern aus. Unser Auffassung vom Fussball deckt sich. Wir werden uns gut ergänzen, da bin ich mir absolut sicher.

Erstellt: 26.10.2015, 12:41 Uhr

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