Der Architekt, die Träume und das Sorry

Lucien Favre steht mit dem OGC Nice an der Spitze der Ligue 1, begeistert die Fans und bringt Balotelli in Form. Aber der Trainer lässt sich nicht blenden.

«Er muss noch mehr machen»: Sechs Balotelli-Tore sind dem Perfektionsisten Favre noch lange nicht genug.

«Er muss noch mehr machen»: Sechs Balotelli-Tore sind dem Perfektionsisten Favre noch lange nicht genug. Bild: Reuters

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Lächeln, noch einmal. Den Kopf drehen, bald ist Schluss. Es blitzt, eine Stimme aus dem Hintergrund ruft: «Sieht gut aus!» Die Replik: «Ich war ja auch extra beim Coiffeur.» Der Mann zeigt Geduld, der Fotograf eines Magazins ist begeistert. Ein paar Minuten später sitzt Lucien Favre an seinem Schreibtisch, er hat einen Kaffee in einem Pappbecher und den nächsten Termin vor sich, aber er macht nicht den Eindruck, als wäre er gehetzt: «Danke, es geht mir sehr gut.»

Im Sommer ist Favre, 59, vom Niederrhein ans Mittelmeer gezogen, von Mönchengladbach nach Nizza, von einer glamourfreien Ecke an die Côte d’Azur. Acht Monate Pause hatte er sich gegönnt nach dem freiwilligen Abgang bei der Borussia im September 2015, bevor er nur ein paar Wochen brauchte, um mit dem Olympique Gymnaste Club Nice in den ersten 12 Runden für Erstaunen zu sorgen: 9 Siege, Platz 1 in der Ligue 1.

Nun klopfen sie ihm alle auf die Schultern, Supporter, Journalisten, Berufskollegen, alle. Favre ist beliebt, er spürt das und fragt genüsslich: «Wieso soll es nicht so sein?» Und wird dann doch mahnende Worte los. «Wir stehen gut da, okay. Aber sorry . . .!», sagt er, und dieses «Sorry» setzt er oft auch ein, wenn er mahnende Worte vorträgt: «Manche Spiele waren sehr ausgeglichen, da benötigten wir Glück, um zu gewinnen. Sorry, ich erfinde nichts, das ist die Wahrheit.»

Nizza? Wieso Nizza? Favres Antwort: «Warum nicht?»

Viele euphorische Kommentare empfindet er als «übertrieben» und «gefährlich». Aber er kann noch so warnen vor schwierigen Wochen, kann das mit dem Hinweis tun, dass sie in Paris und Monaco, in Lille und Marseille mehr Geld investieren: Der Fan in Nizza träumt von Grossem. Und Favre lächelt: «Er darf das. Aber ich tue es nicht.» Er sieht sich in der Rolle des Architekten, der mit dem Club ein Projekt lanciert hat, und betont: «Wir sind immer noch am Anfang.»

Die neue Welt von Favre hätte man sich durchaus anders vorstellen können, und wenn schon Frankreich, dann Lyon. Oder Marseille. Eine grössere, prominentere Adresse. Gelandet ist er in Nizza, und wer fragt, warum das so ist, erhält als Antwort: «Warum nicht?»

42 Millionen Euro stehen an Budget zur Verfügung, und das Trainingsgelände im Westen der Stadt unweit des Flughafens hat nichts mit dem durchgestylten Hochglanzbusiness zu tun, in dem die Beobachter künstlich auf Distanz gehalten werden. In Sichtweite wird ein neuer Komplex mit moderner Infrastruktur für 17 Millionen Euro hochgezogen, aber noch müssen sich die Profis mit engen Garderoben abfinden. Mit Verhältnissen, zu denen Favre nur einfällt: «Oh, là, là.»

Auf dem Weg über das Strässchen auf den Trainingsplatz sind die Fussballer nicht abgeschirmt. Da stehen weder Absperrgitter noch breitschultrige Wachmänner, sondern Fans, Cannabisduft liegt in der Luft. Einer mit OGC-Nice-Mütze und -Jacke zieht drei kleine Hunde hinter sich her, ein anderer sein Handy aus der Tasche, um stolz Bilder zu zeigen, Bilder seiner beeindruckenden Sammlung an Trikots, darunter eines des Schweizers Marco Grassi, der Ende der 1990er-Jahre für Nice stürmte. Fast jeden Tag sei er hier, sagt Alain Robuschi, 59, der Mann mit den vielen Leibchen. Wenn es auf Europa-League-Reisen geht, hat der treue Begleiter einen Stammplatz im Fanbus, in dem er unzählige Stunden verbringt, ganze Nächte. «Das gehört dazu, Nice ist mein Leben. Und jetzt haben wir einen Trainer, der uns riesige Hoffnungen macht.»

An diesem Morgen, an dem in Südfrankreich der November daherkommt wie ein Frühlingstag, geht Lucien Favre voran. Ihm ist es ein Bedürfnis, nicht nur das Theoretische zu beherrschen, sondern seinen Spielern Übungen auch vormachen zu können. «Ich bin 59 und kann noch rennen», sagt er, der kaum ein Gramm zu viel auf den Rippen trägt, «Jupp Heynckes hat mit 68 noch die Champions League mit Bayern gewonnen. Ich bin ja fast noch jung.» Nie verschwendete er einen Gedanken daran, sich bald in den Ruhestand zu verabschieden. «Der Ball», sagt er und zeichnet mit den Händen einen Kreis in die Luft, «der Ball interessiert mich immer, er steht im Zentrum.» Und warum hörte er denn in Mönchengladbach freiwillig auf? Tatsächlich nur, weil damals der Saisonstart mit fünf Niederlagen missriet? «Die Gründe kenne ich, das reicht. Und ich behalte sie für mich. Sorry!» Mario Balotelli, das Gegenprogramm zu Favre

Favre gilt als Tüftler und Stratege, er redet mit Journalisten über das 4-4-2-System, über Vor- und Nachteile des 4-3-3, über Anforderungen an einen Mittelfeldspieler, manchmal fragt er und möchte Antworten. Regelmässig trifft er sich um 8 Uhr mit seinen Mitarbeitern, um das Training zu besprechen, er seziert später am Video den nächsten Gegner oder beobachtet einen interessanten Spieler. Er schaut Chelsea zu, Dortmund, allen Teams, von denen er etwas aufschnappen könnte. «Du musst als Trainer sehr wach und offen sein», sagt er, «wenn ich nicht mehr bereit bin, zu lernen, bin ich kaputt.» Sein umfangreiches Pensum ist für ihn Normalität: «Ich mache nur meinen Job. Und ich mache auch Fehler. Aber dann ist es wichtig, herauszufinden, warum sie passiert sind.»

Mit vielen ehemaligen Spielern steht Favre noch in Kontakt, mit Arne Friedrich und Josip Simunic aus Hertha-Zeiten etwa, mit Blerim Dzemaili, den er vom FCZ her kennt, mit Yann Sommer, dem Gladbacher Goalie. Und neulich hat er eine Nachricht von Patrick Ebert erhalten, der zusammen mit Kevin-Prince Boateng in Berlin auch abseits des Rasens für Wirbel sorgen konnte. Er nennt das Duo scherzhaft «meinen Fanclub».

Nun hat es Favre in Nizza mit einem zu tun, der in Sachen Extravaganz so ziemlich allen voraus ist: Mario Balotelli. Der Italiener ist die Attraktion von Nice, die den Absatz von Trikots ankurbelt. Rund 15'000 Leibchen sind seit Meisterschaftsbeginn verkauft worden, etwa die Hälfte mit der Rückennummer 9. Balotelli ist aber auch einer, der sich nur schwer bändigen lässt.

Balotelli und Favre, so verrückt der eine, so diszipliniert der andere – wie soll das zusammenpassen? Balotelli hat bis jetzt sechsmal getroffen, das ist ein guter Wert, «aber er muss noch mehr machen», fordert Favre, und «mehr» heisst: «Mehr laufen, sich mehr bewegen, offensiv, defensiv. Mario ist in den 30 Metern vor dem Tor meistens gefährlich, manchmal aber nicht. Es gibt noch viel zu tun.» Und wie ist der Umgang mit ihm? «Er ist sehr nett. Aber wissen Sie, ich funktioniere mit allen gut. Ich habe nur Probleme mit Leuten, die Probleme mit anderen haben.»

Balotelli, 26, trainiert mit der Mannschaft, hängt hinterher eine Zusatzschicht an, sprintet fleissig, und als er vom Platz trottet, warten die Anhänger auf ihn. «Mario, ti amo!», ruft einer. Mario reagiert nicht, der grimmige Blick ist wie eingefroren in seinem Gesicht. Er schreibt Autogramme, bleibt für Selfies stehen, aber auch stumm. Und taucht dann ab.

In Favres aufgeräumtem Büro hängt ein grosser Fernseher an der Wand, die Spuren an der Magnettafel zeigen, dass sie fleissig benutzt wird. Eigentlich wäre es verlockend, sich zwischendurch einen Abstecher in die Stadt zu gönnen, an der Promenade des Anglais zu flanieren. Aber im Zentrum ist der Schweizer kaum anzutreffen. Er widmet sich lieber dem Projekt, für das Präsident Jean-Pierre Rivère keinen geeigneteren Mann sah als Favre. «Er ist vorläufig für drei Jahre bei uns», sagt Rivère, «und der OGC Nice wird mit ihm noch weiter wachsen. Fussball ist Spektakel, und um ein Spektakel bieten zu können, ist das schöne Spiel die Grundvoraussetzung. Dafür ist Favre der richtige Mann.»

Der Trainer, der ausbildet – und sich mit den Leuten unterhält

2011 ist Rivère beim OGC eingestiegen, für 12 Millionen Euro hat er 51 Prozent der Aktien übernommen. In diesem Sommer hat er 20 Prozent davon an eine chinesische Investorengruppe verkauft, die angeblich bereit ist, weiter Geld einzuschiessen. «In Nizza wächst etwas», findet Journalist Vincent Menichini von der Lokalzeitung «Nice-Matin», und das hat für ihn vor allem mit Favre zu tun: «Die Spieler haben einen Trainer, der sie ausbildet. Und die Leute haben einen Trainer, der sich mit ihnen unterhält.» Auf seinem Handy hat er eine Filmsequenz gespeichert, die zeigt, wie sich Favre vor einer Übungseinheit den Weg durch die Menge bahnt: «Das ist Wahnsinn!»

Lucien Favre ist gefragt, auf der Geschäftsstelle gehen laufend mediale Anfragen ein. Ein Fernsehteam von TV 3 ist daran, den Westschweizer zu porträtieren. «Für die meisten Franzosen ist er ein Unbekannter. Aber er hat den Ruf, sympathisch zu sein», sagt Moderator David Sandona. Dabei scheint es Favre ganz recht zu sein, wenn das grelle Licht der Scheinwerfer nicht auf ihn fällt. «Ihm geht es um die Sache», bekräftigt Assistenztrainer Adrian Ursea, der mit Favre schon 2001 bei Servette zusammenarbeitete, «und er bringt alles mit: Selbstbewusstsein, Erfahrung, Ausgeglichenheit, Fachkompetenz.»

Und Favre? Der denkt an die nächsten Wochen, an anstrengende 31 Tage mit zehn Spielen. Das Programm startet heute in St. Etienne und endet am 21. Dezember. Fünf freie Tage sind danach geplant, mehr nicht: «Wir dürfen keine Zeit verlieren.» Der Rhythmus ist hoch, aber das stört den Chef nicht, im Gegenteil: «Das ist gut so.» (SonntagsZeitung)

Erstellt: 20.11.2016, 09:55 Uhr

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Ligue 1

38. Runde

20.05.Nancy - Saint-Etienne3 : 1
20.05.Lorient - Bordeaux1 : 1
20.05.Lille - Nantes3 : 0
20.05.Marseille - FC Bastia-Borgo1 : 0
20.05.Lyon - Nizza3 : 3
20.05.Paris Saint Germain - Cannes1 : 1
20.05.Toulouse - Dijon0 : 0
20.05.Angers - Montpellier2 : 0
20.05.Rennes - AS Monaco2 : 3
20.05.Guingamp - Metz1 : 0
Stand: 20.05.2017 22:51

Rangliste

NameSpSUNG:EP
1.AS Monaco383053107:3195
2.Paris Saint Germain38276583:2787
3.Nizza382212463:3678
4.Lyon382141377:4867
5.Marseille3817111057:4162
6.Bordeaux381514953:4359
7.Nantes381491540:5451
8.Saint-Etienne3812141241:4250
9.Rennes3812141236:4250
10.Guingamp381481646:5350
11.Lille381371840:4746
12.Angers381371840:4946
13.Toulouse3810141437:4144
14.Metz3811101739:7243
15.Montpellier381091948:6639
16.Dijon388131746:5837
17.Cannes381072136:6537
18.Lorient381062244:7036
19.Nancy38982129:5235
20.FC Bastia-Borgo388102029:5434
Stand: 20.05.2017 22:51

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