Mit Moneyball zur Meisterschaft

Kann man einen Fussballclub nur anhand von Statistiken lenken? Ja, sagten sie beim FC Midtjylland. Und wurden dänischer Meister.

Grund zum Feiern: Der FC Midtjylland mit Torhüter Jakob Haugaard wurden vor einem Jahr dänischer Meister.

Grund zum Feiern: Der FC Midtjylland mit Torhüter Jakob Haugaard wurden vor einem Jahr dänischer Meister. Bild: Keystone

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Als sich die zwei Männer in London trafen, stellte Rasmus Ankersen eine Frage: Kann der FC Brentford aufsteigen? ­Matthew Benham sagte nicht Ja. Er sagte auch nicht Nein. Er sagte: «Die Wahrscheinlichkeit liegt bei 42,3 Prozent.» Es war der Beginn der jüngeren Geschichte des dänischen Clubs FC Midtjylland.

Benham hatte vor einigen Jahren ein statistisches System entwickelt, das Schwächen in den Offerten von Buch­machern bei Fussballwetten findet. ­Damit wurde er Multimillionär. Seinen Lieblingsclub, den FC Brentford, hatte er sich schon gekauft. Nun wollte er einen zweiten. Ankersen, der früher selbst Fussballer war und heute Talent­scouting-Kurse gibt, stellte den Kontakt zum FC Midtjylland her. Im Juli 2014 kaufte Benham die Aktienmehrheit des Clubs aus dem Zentrum Dänemarks, der kurz vor dem Bankrott stand. Er stellte aber eine Bedingung: Der Club soll offen sein für neue Ideen. Ankersen wurde Präsident und machte sich daran, diese zu verwirklichen. Sie lauteten:

1. Jede Entscheidung, egal ob lang- oder kurzfristig, wird aufgrund von Statistiken und Wahrscheinlichkeiten gefällt.

2. Keiner soll auf seinen Bauch hören.

Benham hat in London eine Firma, die sich auf das Analysieren von Fussballspielen spezialisiert hat. Seine ­Statistiker bewerten jeden Spieler mit verschiedenen Indikatoren, notieren Torchancen und analysieren Angriffsauslösungen. Der Trainer des FC Midtjylland erhält diese Informationen in der Halbzeitpause per SMS. Er kann sein Team so zum Beispiel in der zweiten Hälfte vermehrt auf der schwächeren Seite des Gegners angreifen lassen. Das Modell hat auch errechnet, dass die Standardsituationen im Fussball viel zu wenig effizient genutzt werden. Im Training hat sich Midtjylland deshalb darauf spezialisiert und in 17 Spielen 15 Tore mit ruhenden Bällen erzielt – ein europäischer Spitzenwert.

Klopp hatte einfach Pech

Und plötzlich war der Club Meister – zum ersten Mal in der Vereinsgeschichte. Mit sieben Punkten Vorsprung gewann Midtjylland vor einem Jahr den Titel.

Benham weiss zwar, dass im Fussball der Zufallsfaktor gross ist. Ein Pfostenschuss und ein Schiedsrichterentscheid können schnell zwei Niederlagen bedeuten. Doch auch darauf achtet das Modell. Im Fussballmagazin «11 Freunde» beschrieb Benham das Beispiel von Borussia Dortmund. Das Team lag an Weihnachten abgeschlagen auf dem zweitletzten Platz der Bundesliga. Trotzdem hätte Benham Trainer Klopp geraten, genau so weiterzumachen. «Unser Modell hat Dortmund zum Ende der Hinrunde als zweitbeste deutsche Mannschaft aus­gewiesen und als viertbeste in Europa», sagte Benham. Der BVB habe einfach überdurchschnittlich viel Pech gehabt. Nur würde das niemand als Erklärung akzeptieren.

Die Idee, ein Sportteam absolut ­objektiv zu führen, ist nicht neu. Die ­Geschichte der Oakland Athletics, die mit dem drittkleinsten Budget der amerikanischen Baseball-Liga dreimal die Playoff-Qualifikation schafften, wurde spätestens durch den Hollywoodfilm «Moneyball» mit Brad Pitt breiträumig bekannt. Billy Bean, der General Manager der A’s, ging mit einem ähnlichen Credo an seine Aufgabe: Wenn man das herkömmliche ­Wissen hinterfragt, wird man Varianten finden, wie man Dinge besser machen kann. Bean und seine Mitarbeiter suchten die Statistiken, die am meisten Aufschluss über die Siegeswahrscheinlichkeit geben, und stellte seine Mannschaft aufgrund dieser ­zusammen.

Der Faktor Mensch

Oakland dominierte die Qualifikation, doch die Meisterschaft gewann es nie. In einer Playoff-Serie gleichen sich Glück und Pech nicht aus. Dazu kommt ein weiterer Faktor: Die Statistik wird mit der Vergangenheit gefüttert. Und das ist ihr Problem. Die Informationen können noch so fein gemahlen sein, hinten kommt nie die Zukunft raus. Spieler ­verletzen sich, lassen sich gerade ­scheiden oder haben nur noch einen Transfer im Kopf.

Das musste auch der FC Midtjylland erfahren. Ende Juni trat sein Meister­trainer überraschend und per sofort ­zurück. Wenn die Dänen heute in die Champions-League-Qualifikation starten, steht ein Neuer an der Linie. Vielleicht hat ja einer von Benhams Computern errechnet, dass er der Richtige ist.

Erstellt: 13.04.2016, 16:27 Uhr

Rasmus Ankersen.

Matthew Benham.

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