Der Besuch des Besonderen

José Mourinho schaut sich in Nyon eine Uhrenfabrik an und erklärt sein Denken als Trainer von Chelsea.

«Der Fussball ist eine spezielle Welt. Ein spezieller Trainer ist der, der gewinnt»: José Mourinho.

«Der Fussball ist eine spezielle Welt. Ein spezieller Trainer ist der, der gewinnt»: José Mourinho. Bild: Scott Heppell/Keystone

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Es ist ein schöner Nachmittag in Nyon. Die französischen Alpen auf der anderen Seite des Genfersees sind zum Greifen nah. Die Stadt kennt José Mourinho von seinen Besuchen bei der Uefa als Gast der technischen Studiengruppe oder, wie er lächelnd anmerkt, als Angeklagter in einem Disziplinarverfahren.

Jetzt ist er hier, um eine Uhrenfabrik zu besuchen, nicht irgendeine, sondern jene von Hublot. Alles dreht sich um ihn, was nicht weiter neu ist für ihn. Ihm wird erklärt, wie eine Uhr entsteht, er saugt die Informationen auf, und später sagt er: «Wenn man eine Uhr kauft, weiss man nicht, was dahinter steckt.»

«Geld mache ich mit meiner Arbeit»

Mourinho, im Privatflieger aus London eingeschwebt, lässt sich als Botschafter für die Luxusuhr vorstellen. Man kann davon ausgehen, dass er dafür grosszügig honoriert wird, wie ein Usain Bolt, ein Diego Maradona, die ebenfalls für die Marke werben. Brav erzählt er, dass die wirtschaftliche Seite nicht der entscheidende Grund für seine Zusage war. «Geld mache ich mit meiner Arbeit», sagt er, «mit dem Fussball.»

Vielleicht zwölf, vielleicht mehr Millionen Pfund erhält er von Chelsea. Jüngst hat er in einem Interview mit der BBC angemerkt, er sei nicht wegen des Geldes zu diesem Verein zurückgekehrt, andernorts könnte er viel mehr verdienen. Er sei ­zurück, weil er ihn liebe.

Das Eingeständnis

Da sitzt er dann entspannt im Leder­fauteuil, das Hemd über der Hose, am Handgelenk eine mächtige Uhr. Und er beginnt über Gemeinsamkeiten zwischen seiner Arbeit und jener eines Uhrmachers zu referieren: dass Details wichtig sind, dass Emotionen dazugehören, dass beide Berufe eine Kunst sind. «Ich bringe das Beste aus den Leuten raus», sagt er dann, «dafür braucht es eine gute Atmosphäre. Und das hier ist ein glücklicher Platz.»

Mourinho gehört zu den Granden der Branche, er ist Meister in vier Ländern, Portugal, England, Italien und Spanien, einer von lediglich drei Trainern neben Ottmar Hitzfeld und Jupp Heynckes, die die Champions League mit zwei Clubs gewannen, Ehrendoktor der Technischen Universität Lissabon. Was er von sich hält, machte er schon vor zehn Jahren deutlich, als er sich bei seinem ersten Engagement bei Chelsea als «The Special One» vorstellte, der Besondere. Jetzt sagt er: «Der Fussball ist eine spezielle Welt. Ein spezieller Trainer ist der, der gewinnt.» Er ist ein Gewinner, also ist er speziell. Nur eines mag er nicht: «Ich mag es nicht, Star genannt zu werden.»

Die Provokation hat ihn auf seinem Weg nach oben begleitet, dieser Charakterzug, allen zu beweisen, wie gut er ist. Die Psychospiele haben stets zu ihm gehört, die verbalen Konfrontationen mit Trainern, Schiedsrichtern, Journalisten. «Ich mag diese Spielchen nicht», sagt er zwar, «ich mag das Spiel, das Training.» Und doch war er es, der sie immer wieder angezettelt hat. Und warum? «Weil ich manchmal einen Fehler mache.»

Der Hahnenkampf mit Wenger

Seit letztem Freitag ist er in einem Duell mit Arsène Wenger engagiert. Die Frage in Nyon ist, warum er ihn angriff und einen «Fachmann im Versagen» nannte. «Stimmt nicht», entgegnet er, «ich attackierte ihn nicht. Er begann, er sagte, ich hätte Angst vor dem Versagen.» Dass Arsenals Trainer dabei seinen Namen nicht nannte, weiss er wohl, kümmert ihn aber nicht weiter: «Er muss das auch nicht tun, damit ich weiss, dass er mich meint.»

Die Kritik von Wenger muss ihn tief getroffen haben, ihn, der seit 2005 mit Chelsea, Inter und Real neun Trophäen holte, während der Franzose seither ­genau null gewann. Er habe nicht agiert, er habe nur reagiert, erklärt Mourinho. Wie er das getan hat, hat wiederum Wenger getroffen. Der sagt, er wolle auf «solche dummen und respektlosen ­Bemerkungen» nicht eingehen.

Wenger startete den Hahnenkampf, weil er kein Verständnis dafür hat, dass Mourinho sich beharrlich weigert, Chelsea als Titelkandidaten zu sehen. Mourinho wird nicht müde, das zu tun, nicht müde zu sagen, er sei diese Saison nur dabei, eine neue Mannschaft aufzubauen. «Ja», sagt er, «ja, wir sind an der Spitze der Liga, aber wir sind noch nicht da, wo wir hinwollen, ich sage, wir gehören nicht in den gleichen Korb wie Arsenal und Manchester City.» Zuweilen ­erinnert die Premier League an einen Kindergarten.

Der Rat an Salah

Mohamed Salah gehört neuerdings zu Mourinhos aufwendigem Kader. Über ihn redet Mourinho gerne und lange. Und das hört sich so an: «Es ist etwas ganz anderes, mit Basel an der Stamford Bridge zu spielen oder mit Chelsea. Bei Basel kann ich sagen: Geh auf den Platz, habe Spass, du hast keinen Druck. Im Leibchen von Chelsea erwarten 50'000 von ihm, dass er sofort gewinnt, dass er sofort Leistung bringt.»

Gut 21 Millionen Franken hat Chelsea diesen Winter für Basels Ägypter ausgelegt, ein fast alltäglicher Betrag in England und für Mourinho erst recht kein Grund, überstürzt zu handeln. «Ich sage Salah: ‹Bleib ruhig. Die ersten sechs ­Monate hast du, um dich anzupassen, ans neue Leben, an die Premier League. Wir vertrauen dir. Wir wissen, dass du gut bist.›»

51 ist Mourinho vor drei Wochen ­geworden. Bis 2017 läuft sein Vertrag mit Chelsea vorderhand, dem Club, bei dem er sich wohlfühlt wie nirgends sonst. Freiwillig will er ihn nie verlassen. Er zieht erst dann weiter, wenn man ihn hier nicht mehr will. Er kennt die Aura, die ihn umgibt, die Erwartungen, die er auslöst. «Wenn ich zu einem Verein komme, erwarten die Leute, ich müsse nur mit den Fingern schnippen und der Erfolg sei da», sagt er. So einfach soll es dann doch nicht sein, selbst für ihn nicht.

Erstellt: 18.02.2014, 10:09 Uhr

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