Hintergrund

Der Chef der Akademie für Spielmanipulationen

Im jüngsten Fussballwettskandal führen alle Spuren nach Singapur zu Dan Tan. Dank der Verhaftung seines Mitstreiters Wilson Raj Perumal weiss man, wie sein raffiniertes System funktioniert

200 Millionen Dollar ertrogen: Dan Tan.

200 Millionen Dollar ertrogen: Dan Tan. Bild: PD

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

«Sollte Dan Tan weiterhin frei herumlaufen, werden wir den Kampf gegen den Wettbetrug verlieren.»

Die Worte des kanadischen Journalisten Declan Hill, vor wenigen Wochen an einer Konferenz von Interpol geäussert, klangen wie eine düstere Prophezeiung. Jetzt weiss man, dass Hill, Autor des Enthüllungsbuches «Sichere Siege», recht hat: Der gleiche Dan Tan gilt im jüngsten Fussballwettskandal als Drahtzieher. 380 manipulierte Spiele in Europa hat die Polizeibehörde Europol zwischen 2008 und 2011 ermittelt. 300 Verdachtsfälle sind es in Asien, Afrika, Zentral- und Südamerika. 425 Spieler, Schiedsrichter, Funktionäre und Kriminelle sollen involviert sein.

Der Kronzeuge

Laut dem Weltfussballverband Fifa unterhält Dan Tan in Singapur eine «Akademie für Spielmanipulationen». Er beherrsche sein Handwerk perfekt und arbeite nach einem klaren System: Fünf Personen sind für je einen Kontinent zuständig. Sie knüpfen Kontakte zu Spielern, Trainern, Schiedsrichtern und Spielervermittlern. Eine Hierarchiestufe tiefer sind sogenannte Runners tätig: Das sind Freelancer, die den korrupten Fussballern das Geld überbringen. Die Wetten werden meist in China platziert.

Dan Tan, dessen Alter auf Mitte 40 geschätzt wird, soll ein Vermögen von 200 Millionen Dollar angehäuft haben. Mehr ist über ihn nicht bekannt. Dass man einiges über sein Kartell weiss, ist Wilson Raj Perumal zu verdanken. Der 45-Jährige war früher Dan Tans rechte Hand. Derzeit sitzt er in Finnland eine zweijährige Haftstrafe ab. Perumal hatte junge Fussballer aus Afrika und Osteuropa zu finnischen Vereinen transferiert mit dem Auftrag, Spiele zu manipulieren. Wer ihn verraten hat, weiss er nicht. Doch weil er bereit war auszupacken, fiel seine Strafe relativ mild aus.

Verdeckte Ermittlungen

Auf seinen Aussagen basiert ein Grossteil der Informationen, die Europol am Montag bekannt gab. Daneben wertete die Polizeibehörde 13 000 Telefongespräche und E-Mails aus und schleuste verdeckte Ermittler ins kriminelle Milieu des Fussballs ein.>

Gemäss den Aussagen Perumals gegenüber der finnischen Staatsanwaltschaft lässt Dan Tan von Mittelsmännern Sportvermarktungsfirmen gründen, die von Fussballverbänden die Rechte zur Austragung von Trainingsspielen erwerben. Sie organisieren dann die Unterkunft und die Reisen der Mannschaften und kümmern sich auch um Werbe- und Fernsehverträge. Entscheidend ist: Die Sportvermarktungsfirmen bestimmen auch die Schiedsrichter.

Anfällig für Korruption

«Die meisten Verbände sind pleite und gehen gerne auf solche Angebote ein», soll Perumal ausgesagt haben. Seine Erfahrung deckt sich mit der Einschätzung des Journalisten Hill: Nicht die umsatzstarken Vereine und die hoch bezahlten Profis seien korruptionsanfällig – sondern jene, die wenig verdienen: Fussballer aus Asien, Afrika, Osteuropa.

Dass in der Schweiz hauptsächlich die Challenge League betroffen war, überrascht Hill nicht. Die Fussballer dieser Liga hätten genau das Profil, das sie für Bestechung empfänglich mache: Sie sind nicht Profis, aber auch nicht Amateure. Irgendetwas dazwischen.

Resultat nach Wunsch

Perumal schildert, wie er im Februar 2011 am gleichen Tag zwei Spiele manipulierte: Im türkischen Badeort Antalya gewann zunächst Bolivien gegen Lettland 2:1, daraufhin spielten Bulgarien und Estland 2:2. Perumal wettete auf beide Ergebnisse einen grossen Betrag, nachdem er die Schiedsrichter bestochen hatte. Aussergewöhnlich im Spiel Bulgarien - Estland war, dass alle Tore nach Penaltys fielen – und genau zum Zeitpunkt, den Perumal vorgegeben hatte. Die Schiedsrichter bestritten die Bestechung, wurden aber trotzdem von der Fifa lebenslang gesperrt.

Dan Tans Name fiel nicht erst im Manipulationsskandal, den Europol vor zwei Tagen publik machte. Der Singapurer galt bereits als Drahtzieher im «Fall Hoyzer», zusammen mit dem Zocker Ante Sapina: Der Schiedsrichter hatte Spiele der 2. Bundesliga und des DFB-Pokals geschoben und wurde dafür zu zwei Jahren und fünf Monaten Haft verurteilt.

Wo er sich aufhält, weiss niemand

Auch in Italien soll Dan Tan für die Wettskandale «Last bet» und «New last bet» hauptverantwortlich sein. Dort wurden auch Spiele der Serie A manipuliert, in die Fussballer der Nationalmannschaft involviert waren.

Die italienischen Behörden suchen Dan Tan mit internationalem Haftbefehl. Doch weil es zwischen Italien und Singapur kein Auslieferungsabkommen gibt, lebt er weiterhin unbehelligt. Dan Tan soll gute Kontakte zur Regierung des Stadtstaates haben.

Wo er sich aufhält, weiss offiziell niemand. Journalisten, die ihn unlängst interviewen wollten, standen vor verschlossenen Türen seines umzäumten und von Kameras überwachten Apartments in einem vornehmen Teil Singapurs.

Erstellt: 06.02.2013, 10:37 Uhr

Artikel zum Thema

Ermittlungen in Wettskandal: Auch Schweizer Partien manipuliert

Dem internationalen Fussball steht das nächste Erdbeben bevor. Die Europol enthüllt neue Spielmanipulationen. Betroffen sind rund 380 Spiele, darunter auch solche in der Schweiz. Mehr...

Die Mühe der Bundesanwaltschaft mit dem Wettbetrug im Fussball

Hintergrund Abgehörte Telefonate, ein Kronzeuge, der auspackt, geständige Beschuldigte – eigentlich ist der Fussball-Wettskandal ein eindeutiger Straffall. Aber es fehlt der Straftatbestand für Sportbetrug. Mehr...

Der italienische Wettskandal erreicht den Schweizer Fussball

Spiele der Challenge League sind unter Manipulationsverdacht. Der Fall liegt bei der Bundesanwaltschaft. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Weiterbildung

Banken umwerben Frauen

Weltweit steigt das Privatvermögen von Frauen. Banken zeigen, wie dieses gewinnbringend anzulegen ist.

Kommentare

Die Welt in Bildern

Harter Einsatz: Ein Demonstrant wird in Santiago de Chile vom Strahl eines Wasserwerfers getroffen. Die Protestbewegung fordert unter anderem höhere Untergrenzen für Löhne und Renten, günstigere Medikamente und eine neue Verfassung, die das Grundgesetz aus den Zeiten des Diktators Augusto Pinochet ersetzen soll. (9. Dezember 2019)
(Bild: Fernando Llano) Mehr...