Der FCB und die Systemfrage

«Ich will der Mannschaft ein klares Gesicht geben», sagt Murat Yakin nach der 0:1-Pleite seines FC Basel in Luzern und fordert sowohl mehr Flexibilität als auch Disziplin von seinen Spielern.

Hatte Mühe mit der neuen Dreier-Abwehrkette: Der von Heiko Vogel aussortierte Radoslav Kovac (l.).

Hatte Mühe mit der neuen Dreier-Abwehrkette: Der von Heiko Vogel aussortierte Radoslav Kovac (l.). Bild: Keystone

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Der Morgen danach. Die Reservisten trainieren auf dem Platz, die Stammspieler laufen aus und betreiben im St.-Jakob-Park Körperpflege. Murat Yakin analysiert die Lage. Den Blick in die Zeitungen kann er sich schenken – landauf, landab wird der FC Basel für seinen miserablen Auftritt in Luzern gegeisselt. Auch der neue Trainer bekommt eine Ladung Kritik ab. In erster Linie für die Tatsache, dass er gleich im ersten Spiel das bewährte und der Mannschaft vertraute 4-4-2- Systemkippte und dafür in einem 3-5-2 agieren liess. Mit Grünschnabel Arlind Ajeti und dem unter Heiko Vogel aussortieren Radoslav Kovac in der Abwehr.

In gewohnt gelassener Manier lässt Yakin die Kritik abprallen. «Zunächst bin ich einfach mal froh, dass das erste Spiel hinter uns liegt», sagt er gegenüber der BaZ, «es war ein Riesenrummel in den letzten Tagen.» Wie üblich, wenn ein Yakin auftritt – gilt es anzufügen. Der Münchensteiner betont, dass nun die tägliche Arbeit auf dem Platz im Vordergrund steht. «Ich will der Mannschaft ein klares Gesicht geben.»

In Sachen Systemfordert Yakin Flexibilität. Er habe schon beim FC Thun und in Luzern mal mit einer Dreier-, mal mit einer Vierkette verteidigt, «und damit bin ich immer gut gefahren». Der 38-Jährige begründet nochmals, warum er in Luzern umstellte: «Arlind Ajeti und Radoslav Kovac haben sich unter der Woche mit guten Leistungen aufgedrängt. Überdies hat mir die Abwehrarbeit des FC Basel beim 3:2-Sieg über Servette nicht gefallen.» Deshalb entschied sich Yakin gegen Gaston Sauro und Neuling Fabian Schär.

Das Vorbild Juventus Turin

Einen Strich durch die Rechnung machte ihm die Erkrankung von Kay Voser, «denn er hat ebenfalls gut trainiert». Mit dem bissigen Linksverteidiger wäre in Luzern zu rechnen gewesen. Die Systemfrage – 3-5-2 oder 4-4-2 – ist für ihn keine Glaubensfrage, sondern Mittel zum Zweck. Der neue Chef auf der Bank will sich auch am Gegner orientieren, ehe er sich festlegt. Er lässt Eindrücke aus dem Training einfliessen, ehe «mein Bauchgefühl» entscheidet. Als Vorbild dient ihm das taktische Korsett von Meister Juventus Turin. «Die Italiener begannen die letzte Saison mit einem 4-4-2-Grundgerüst, ehe der Trainer in der Winterpause auf ein 3-5-2 umstellte. Dahin müssen wir auch kommen.» Dass seine Taktik in Luzern nicht funktionierte, hängt Yakin nicht dem Systeman: «Es war im Offensivbereich zu wenig Bewegung da, ausserdem verpassten einige den Moment des Abspiels.» Und zur schwimmenden Abwehr, die nach der Pause von einer Verlegenheit in die nächste stürzte, sagt Yakin: «Kovac ist nicht im Rhythmus, weil er wenig gespielt hat.»

Was Yakin will: Den totalen Konkurrenzkampf um alle Plätze. Was Yakin ebenfalls will: Engagement. Leidenschaft. Was Yakin nicht will: Alibi-Diskussionen über das Systemstatt über Leistungen. «Was ich hier in Basel mache, ist doch nicht aussergewöhnlich. Die halbe Liga in Italien spielt Dreierkette. Auch beim FCB unter Christian Gross haben wir vor zehn Jahren in St. Gallen mal so gespielt – damals noch mit Oliver Kreuzer in der Mitte hinten.»

Das ständige Reklamieren

Ein Ärgernis war in Luzern nicht das System, welches vom Chef nach einer Stunde übrigens wieder auf 4-4-2 gewechselt wurde. Sondern die Disziplin einzelner FCB-Spieler auf dem Platz. Es ist längst eine Unsitte geworden, jeden Pfiff des Schiedsrichters zu kommentieren. Bei fast jedem Foul wird reklamiert oder theatralisch die Hände verworfen.

In Luzern übertrieben es diesmal David Degen und Aleksandar Dragovic. Degen, der im linken Couloir keinen Rhythmus fand, reklamierte nach einem Foul so lange, bis er zuerst Gelb und dann beinahe Gelb-Rot gesehen hätte. Sogar Alex Frei spurtete über den Platz und massregelte seinen Teamkollegen. Riesenglück hatte Dragovic, dass er nicht mit Gelb-Rot vom Platz flog. Bereits vorbelastet, stiess er nach einem Foul FCL-Flügel Adrian Winter noch von hinten in den Rücken. Mit dem ständigen Gemecker verscherzt sich der FCB landesweit viele Sympathien beim Publikum.

«Disziplin ist wichtig», sagt Yakin dazu, «wir stehen beim FCB im Schaufenster. Dragovic hat viele Zweikämpfe gewonnen, seine Aggressivität ist gut. Aber er muss noch dazulernen und auch einen kühlen Kopf behalten.»

Heute trainiert der FCB am Morgen, am Mittwoch reist er nach Ungarn, am Donnerstag gehts in der Europa League gegen Videoton (19.00 Uhr, live auf baz.ch). Dort werden Valentin Stocker, Marcelo Diaz und Kay Voser ins Team zurückkehren.

Erstellt: 23.10.2012, 09:25 Uhr

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Das 3-5-2-System

Eine Dreier-Abwehrreihe dient dafür, im Mittelfeld ein personelles Übergewicht zu schaffen. Die Verteidiger (gegen Luzern: Ajeti, Kovac, Dragovic) stehen näher beisammen und werden unterstützt von den beiden Aussenspielern. Italiens Meister Juventus praktiziert das vorbildlich. Auf den Aussenbahnen braucht es laufstarke Spieler, die defensiv und offensiv Impulse setzen. In einem funktionierenden 3-5-2 ist der Überraschungsmoment in der Mitte grösser, was jedoch oft zulasten des Flügelspiels geht. mr

Das 4-4-2-System

Die Vierer-Abwehrreihe (gegen Servette: Degen, Sauro, Schär, Voser) ist die älteste und meistverbreitete Verteidigungsform. Mittlerweile kommt den Aussenverteidigern grosse Bedeutung zu, sie müssen auch Impulse nach vorne setzen. Wichtig für das Gefüge ist die Besetzung der beiden zentralen Mittelfeldspieler; sie sollten sich defensiv und offensiv ergänzen. Jeweils einer der beiden Angreifer muss auch defensive Arbeit verrichten, um das Mittelfeld zu stärken. mr

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