Der FCZ hat ein Red-Bull-Kind

Stürmer Raphael Dwamena ist eine Entdeckung. Der Ghanaer ist erst 21, hat aber nicht nur im Fussball schon viel erlebt.

Ein Torjäger mit Kraft, Wucht und Klasse: Raphael Dwamena – hier beim entscheidenden 1:0 im letzten Spiel des FCZ gegen Chiasso. Foto: Marc Schumacher (freshfocus)

Ein Torjäger mit Kraft, Wucht und Klasse: Raphael Dwamena – hier beim entscheidenden 1:0 im letzten Spiel des FCZ gegen Chiasso. Foto: Marc Schumacher (freshfocus)

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Thomas Bickel sagt über Raphael Dwamena: «Er ist ein Wunschtransfer, der alle im Verein überzeugt hat.» Der Sportliche Leiter des FCZ ist nicht bekannt für grosse Töne, er ist ein unaufgeregter, ­geerdeter Typ. Wenn er aber über den neuen Stürmer aus Ghana redet, dann gerät er für seine Verhältnisse fast schon ins Schwärmen: «Ein Spieler mit viel Potenzial und sehr guten Perspektiven.»

Nüchterner, aber auch positiv äussert sich Trainer Uli Forte zu Dwamena: «Ein Mann mit Wucht, Schnelligkeit und einem feinen linken Fuss.» Burim Kukeli, einer der Routiniers in der Mannschaft, bemerkt zu seinem Mitspieler: «Ein Vollblutstürmer, jung, unerschrocken, stark vor dem Tor.» Und die Person, die es am besten wissen muss, ergänzt: «Raphael ist jetzt schon sehr gut, aber er wird noch viel besser werden.» Der das sagt, ist Petar Alexandrov, der Mann mit dem Stirnband. Der 54-Jährige wurde 1993 mit Aarau Meister, 1995 und 1996 mit Luzern Torschützenkönig der Nationalliga A. Seit Januar kümmert er sich als Stürmer-Trainer um die Entwicklung der Offensivspieler.

Ohne Eltern aufgewachsen

Viel Lob also für Raphael Dwamena. Zum Gespräch am vereinbarten Treffpunkt erscheint er auf die Minute genau. Es ist der Morgen nach dem abgebrochenen Spiel in Aarau. Er lacht übers ganze Gesicht und sagt: «Das ist für mich nichts Neues. Bei uns zu Hause in Ghana fällt der Strom immer wieder aus.» Wie sehr er von den leitenden Angestellten und Meinungsmachern beim FCZ ­geschätzt wird, spürt er. Mit deren ­anerkennenden Worten kann er gut umgehen: «Sie freuen mich, aber ich bilde mir darauf nichts ein», betont er, «ich muss noch viel lernen. Ich bin ja noch so jung.»

Erst 21 ist er, gleichwohl hat er schon viel erlebt im Fussball. In seinem Geburtsort Kwahu Tafo, einer Kleinstadt auf halbem Weg zwischen den Metropolen Accra und Kumasi, spielte er als Kind auf der Strasse, später im lokalen Fussballverein. «Wir hatten nicht viel ausser ein paar Bällen», sagt er. Aufgewachsen ist er bei der Grossmutter – Vater und Mutter hat er nie gekannt, ob er Geschwister hat, weiss er nicht. «Die Oma war meine einzige Bezugsperson, sie hat alles für mich getan.» Er hält inne, stockt, die Tränen schiessen ihm in die Augen: «Vor ein paar Tagen ist sie gestorben, sie wurde 72.» Er bete für sie, sagt er noch, er sei Christ und tief gläubig.

Fussball, Deutschkurs, Fussball

Er ringt nach Worten, doch als er nach der Fortsetzung der Karriere gefragt wird, findet er die Sprache wieder und das Lächeln kehrt in sein Gesicht zurück. «Ich spielte als Junior immer mit älteren Spielern», erzählt er. Ein Scout wurde auf ihn aufmerksam, er öffnete ihm die Tür in die Akademie von Red Bull Ghana in Sogakope, einem Dorf im Südosten Ghanas, nahe der Grenze zu Togo. Ziel und Zweck der an den Konzern angegliederten Fussballschule ist das Heranführen junger westafrikanischer Spieler an die von Red Bull unterstützten Vereine in Europa. Dwamena sagt: «Ich war 15, allein, ohne meine Freunde, ohne meine Oma. Ich hatte schreckliches Heimweh.»

Er biss sich durch, und drei Jahre später wurde er belohnt. Im Januar 2014 durfte er in die Akademie von Red Bull Salzburg wechseln. Bald gelang ihm der Sprung in die U-18, zu den Jungbullen. Doch die Konkurrenz war riesig, rund 70 Nachwuchsspieler aus aller Welt wohnten und trainierten auf dem Salzburger Campus. Das Leben war eintönig: Fussball, Deutschkurs, Fussball. Dwamena schaffte den Durchbruch nicht. Im ­Sommer 2014 gab ihn Red Bull Salzburg an seinen Farmclub Liefering ab, wo er aber wegen anhaltender Leistenprobleme kaum spielte. Die Konsequenz: Sein Vertrag mit Liefering wurde nicht verlängert – aber er war nun nicht mehr an Red Bull gebunden und im Juni 2016 ablösefrei auf dem Markt.

FCZ statt Nürnberg oder YB

Die nächste Station hiess Lustenau, sie wurde für ihn zum Glücksfall. Er startete durch, schoss für die Austria in der ­Ersten Liga, der zweithöchsten Spielklasse in Österreich, Tor um Tor – 21 in 22 Wettbewerbsspielen, dazu kamen 5 Assists. Mehrere Vereine aus dem nahen Ausland buhlten um ihn, darunter Nürnberg, die Young Boys mit Trainer Adi Hütter, der Dwamena aus gemein­samen Zeiten in Salzburg bestens kennt, St. Gallen und der FCZ. Dwamena, beraten von einer Zuger Agentur, deren ­Mitinhaber die Basler Zwillinge Degen sind, entschied sich für den FCZ. Die ­Ablösesumme an Lustenau soll 600 000 Franken betragen haben. Er bemerkt: «Ich wollte zu einem soliden Verein wechseln, bei dem ich sicher zum Einsatz komme.»

Bis 2020 hat er beim FCZ unterschrieben und seinen Entscheid noch keinen Moment bereut. Sportlich läuft es gut, nach fünf Einsätzen steht er bei zwei ­Toren und zwei Assists, er ist die Nummer 1 im Sturmzentrum. Er wohnt in ­Zürich in einem möblierten Appartement mit Küche, wo er für sich gern ­afrikanisches Essen kocht. In der Stadt ist er mit dem Tram oder zu Fuss unterwegs, er besitzt noch keinen Führerschein. Viel gesehen hat er noch nicht, ab und zu setzt er sich ans Seeufer. Er sagt: «Ich konzentriere mich für den ­Moment auf den Fussball und den FCZ.»

In eine grosse Liga – und zur WM

Er will aufsteigen und danach auch in der Super League überzeugen. Weiter in die Zukunft blicken mag er nicht im ­Detail, sein Traum wäre aber, in der Premier League oder der Primera División zu spielen. Konkreter sind seine Ambitionen, was die Nationalmannschaft ­betrifft. Für den Afrika-Cup im Januar stand er im erweiterten Kader, er überstand aber nach dem letzten Vorbereitungscamp der Ghanaer, die das Turnier später auf dem dritten Rang beendeten, den Cut nicht.

In die Ausscheidung für die WM 2018 ist Ghana mit einem Remis gegen Uganda und einer Niederlage in Ägypten mässig gestartet, aber noch sind die Chancen auf die Qualifikation intakt. Deshalb die letzte Frage: «Raphael Dwamena, führen Sie Ghana mit Ihren Toren noch nach Russland?» Er zeigt sein schönstes ­Lächeln und fragt zurück: «Warum nicht?» Dann steht er auf und verabschiedet sich – in bestem Deutsch, mit starkem österreichischem Akzent.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 17.03.2017, 17:02 Uhr

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