Der Geist von Abuja

Fünf Jahre sind seit dem WM-Titel der U-17-Junioren vergangen, längst hat er auch das Nationalteam beeinflusst. Der Coup in Nigeria war wegweisend – für den Schweizer Fussball und die Weltmeister.

Spezielle Trophäe: Ricardo Rodríguez mit dem Bild des Triumphs von 2009. Fotos: Urs Jaudas, Keystone

Spezielle Trophäe: Ricardo Rodríguez mit dem Bild des Triumphs von 2009. Fotos: Urs Jaudas, Keystone

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Eingebrannt ist das Datum in ihrer Erinnerung. Oder gestochen in den Oberarm. Aber der 15. November 2009 ist mehr als ein Datum für sie, es bildet einen Höhepunkt ihres bisherigen Lebens. Es war der Sonntag, an dem sie Weltmeister wurden. Sie: die U-17-Junioren.

Und der 15. November 2009 war ein Meilenstein für den gesamten Schweizer Fussball. Als die Nachwuchsauswahl im riesigen Stadion von Abuja gegen den ­erfolgsverwöhnten Gastgeber Nigeria den WM-Titel errang, mit einem 1:0, erzielt durch Haris Seferovic, da war das ein Sieg, der die Herzen wärmte: 1,3 Millionen Zuschauer sahen sich das Juniorenspiel in der Schweiz am Fernseher an.

Der Coup war einer für die Zukunft. Diesen Samstag jährt er sich zum fünften Mal, und wenn gleichentags das Nationalteam in der EM-Qualifikation das wegweisende Heimspiel gegen ­Litauen bestreitet, weht der Geist von Abuja durch die AFG-Arena. Mit ­Haris Seferovic, Pajtim Kasami und ­dem angeschlagenen ­Ricardo Rodríguez stehen drei Weltmeister im ­Kader. Zwei weitere, Granit Xhaka und Nassim Ben Khalifa, ­haben ebenfalls schon ­A-Länderspiele (im Fall von Xhaka auch die WM in Brasilien) bestritten.

Nur: Das Weltmeister-Kader umfasste 23 Spieler. Und keine der 23 Geschichten seither gleicht der anderen. Auch die Goldmedaille von 2009 hat zwei Seiten. Ein Streifzug durch die vergangenen fünf Jahre, die grosse und kleine Fussballwelt, Erfolge und Ernüchterungen.


Janick Kamber
Auf Umwegen

Wortgewandt, witzig, wirklich erst 17? An der spontanen Feier in der Bar des Hotels Hilton im Zentrum von Abuja hat er zuerst Franz Beckenbauer imitiert und nach der Rückkehr am Flughafen Zürich Trainer Dany Ryser ein Trikot als Erinnerung geschenkt. Vom Rampenlicht kein bisschen eingeschüchtert. Janick Kamber war der Leader ohne Captainbinde (die trug Frédéric Veseli), und er schien dem Profifussball so nahe wie kaum ein anderer seines Teams.

Es kam anders, «wie die anderen war auch ich damals vor allem auf der Suche nach mir selbst», sagt Kamber fünf Jahre nach dem grossen Erfolg als Teenager. Der Traum, bei seinem Ausbildungsclub Basel Profi zu werden, hatte sich schnell zerschlagen, und so zog Kamber, nachdem er seine Lehre als Kaufmann beendet hatte, weiter. Zu Lausanne zuerst, wo er das Gegenteil an ­Infrastruktur vorfand als in Basel und sich trotzdem in der Super League zurechtfand. Bis er sich am Kreuzband verletzte und plötzlich vereinslos war. Nach einem Neubeginn beim FC Biel kämpft er momentan gegen den Abstieg aus der Challenge League. Den WM-Titel bezeichnet er unbeirrt als «Türöffner in den Profifussball».

Aufgeben kam nie infrage, allen ­Widerständen zum Trotz. Er teilt die Aufgabe mit damaligen Teamkollegen wie Roman Buess (Wohlen) oder Sead Hajrovic (Winterthur), sich über die zweithöchste Liga zu empfehlen. Schon 20009 hatte Kamber gesagt, auf seine Zukunftspläne angesprochen: «Ich muss flexibel bleiben. Die Hauptsache ist, dass ich irgendwann Profi bin.» Und heute weiss er ganz genau: «Auch Spieler wie Granit Xhaka oder Ricardo Rodríguez haben Probleme und Phasen, in denen es ihnen besser laufen könnte.» Er gönnt ihnen jeden Erfolg.


Nassim Ben Khalifa
Die unangenehme Frage

Vor dem November graut es Nassim Ben Khalifa eigentlich. Denn jeden November, so hat er das Gefühl, spricht ihn jemand auf den U-17-Titel an. Oder vielmehr: auf das, was danach geschah.

Der Westschweizer war als 17-Jähriger seinen Altersgenossen weit voraus, gehörte zu den besten Stürmern seines Jahrgangs überhaupt, ja: Weltklasse für sein Alter, das war damals ein an­gebrachtes Attribut für den GC-Junioren. So früh wie er kam keiner zu Einsätzen in der Super League. Und keiner in der A-Nationalmannschaft. Schon neun Monate nach dem WM-Titel debütierte er unter Ottmar Hitzfeld. Der ­Titel ist für ihn ein Höhepunkt, man dürfe aber nicht vergessen, hält er fest: «Es war ein Juniorenturnier.»

Es war für ihn das Sprungbrett in die Bundesliga, vermeintlich jedenfalls, zum VfL Wolfsburg wechselte er im Sommer 2010. Zu Einsätzen kam er nicht, kaum besser verlief die Ausleihe zu Nürnberg, und ein Jahr später war Ben Khalifa zurück in der Schweiz. ­Zuerst lieh ihn YB von Wolfsburg aus, dann GC, und im vergangenen Mai gingen die Transferrechte wieder fest an seinen früheren Club über. Ben Khalifa war zurück auf Feld 1.

Dass ihn diese Darstellung stört, ist verständlich. Er würde aber wieder wechseln, sagt er heute, wieder so früh, es habe ihn vieles gelehrt und sei sein ­alleiniger Entscheid gewesen. Wieder bei GC zu sein, ist für ihn kein Rückschritt. «Ich habe die letzten zwei Jahre erfolgreich gespielt», sagt er. Zweimal Zweiter ist er geworden, einmal Cup­sieger – dass im vergangenen halben Jahr nicht viel von ihm zu hören war, lag am Kreuz­bandriss, den er sich Ende vergangener Saison zuzog. Er klagt: «Es war eine Verletzung zum schlechtesten Zeitpunkt.»


Charyl Chappuis
Star im fernen Land

Charly Chappuis schreibt sich noch ­immer gleich, nur da, wo er jetzt daheim ist, da ist das thailändische Alphabet gebräuchlicher. Und in Thailand ist der junge Mann aus Kloten nicht einfach als Fussballer beschäftigt, beim Suphanburi FC in Thailand ist Chappuis ein Star. Ein Model, ein Werbeträger, für TV-Shows wird er gebucht. Er verdient so gut, dass er sich nicht nur ein Haus in ­Suphanburi leisten kann, einer Kleinstadt nördlich von Bangkok. In der Hauptstadt besitzt er ausserdem eine Wohnung. Einfach so einen Kaffee ­trinken gehen ist kaum noch möglich.

Thailand ist das Heimatland seiner Mutter, und seinem Gesicht sind die Wurzeln anzusehen. Chappuis hat aber stets in der Schweiz gelebt und lange nur die Schweizer Staatsbürgerschaft besessen. Bei GC spielte er Fussball, und in der Nationalmannschaft von Dany Ryser war er von Anfang an gesetzt. Als er mit seinen Teamkollegen von der WM nach Hause kam, da veranstaltete GC einen Empfang auf dem Campus und teilte ­seinen vier Weltmeistern mit: Ihr seid ab jetzt Mitglieder der ersten Mannschaft. Anderthalb Jahre später wurde er – ohne je für GC gespielt zu haben – erstmals ausgeliehen, an Locarno, später an ­Lugano. «Ich war in einer Sackgasse», sagt Chappuis.

Es kam das Jahr 2013 und die unverhoffte Anfrage aus Thailand, ob er sich einen Wechsel zu Buriram United vorstellen könnte, einem der beliebtesten Clubs des Landes. Der junge Mann ­zögerte nicht lange. «Perspektiven wie in Thailand hätte ich in der Schweiz nicht gehabt», sagt er. Und obschon er bald den thailändischen Pass erhält, wird er als Ausländer entlöhnt, seit diesem Jahr vom Suphanburi FC, zu dem er 2015 ­definitiv wechseln wird. Im vergangenen Jahr entschied sich Chappuis zudem zum Nationenwechsel, seither ist er für Thailand spielberechtigt. Endgültig ist dieser Schritt allerdings noch nicht, da er erst Freundschaftsspiele bestritten hat. Zuletzt am vergangenen Sonntag über 90 Minuten gegen die Philippinen.


Ricardo Rodríguez
Von Höhepunkt zu Höhepunkt

Es war ein Schnellzug, auf den Ricardo Rodríguez 2009 gerade noch aufsprang. Kurz vor der WM erst Schweizer geworden, war der FCZ-Verteidiger mit spanischem und chilenischem Pass dritt­bester Torschütze des Schweizer Teams – er traf gleich oft wie ein gewisser ­Mario Götze. Und danach nahm die Karriere des jungen Mannes mit der langen Mähne zünftig Fahrt auf. Beim FC Zürich setzte er sich durch, obschon der Club mit Ludovic Magnin einen Grossverdiener für seine Position einkaufte und langfristig an sich band. Über 10 Millionen Franken wendete der VfL Wolfsburg auf, um Rodríguez im Winter 2012 in die Bundesliga zu holen.

Weiter als er hat es keiner aus dem Weltmeisterteam gebracht. Unbestrittener Stammspieler, hat Rodríguez schon 83 Bundesligaspiele bestritten, und in diesem Jahr läuft es dem Club so gut, dass der Zürcher von der Königsklasse träumt. «Champions League zu spielen, ist jetzt mein nächstes Ziel», sagt er. Es wäre der nächste Höhepunkt nach dem U-17-WM-Titel, dem ersten von inzwischen 28 Länderspielen im Oktober 2011 gegen Wales, der Olympiateilnahme 2012 und der WM in Brasilien. Trainer Dany Ryser zeigt sich vor allem von der Konstanz seines einstigen Aussenverteidigers beeindruckt.

Der «Kicker» stuft ihn in seiner angesehenen Rangliste des deutschen Fussballs als «internationale Klasse» ein. ­Gerüchteweise interessieren sich die grössten Clubs des Weltfussballs für ihn. «Das ist jedes Mal schön zu hören», sagt Rodríguez, «interessiert mich aber nicht gross.» Allzu viel einbilden auf seinen steilen Aufstieg will er sich nicht. Natürlich habe das auch mit Qualität und Können zu tun, «aber ebenso auch mit Glück», sagt er. Und man müsse Selbstvertrauen haben und bereit sein, alles hintanzustellen. Und ein bisschen verrückt sein, sagt er lachend, «loco». Fünf Spieler des U-17-Weltmeisterteams haben bislang A-Länderspiele bestritten, aber Rodríguez hofft, dass das noch nicht alles war. Als Nächster an der Reihe sei Oliver Buff.


Dany Ryser
Schmerzen zum Abschied

Es ist wie ein Bogen für seine Karriere, trotzdem hätte Dany Ryser auf die Erfahrung gerne verzichtet. Fünf Jahre nach dem WM-Titel steigt er diesen Herbst in seine letzte EM-Qualifikation als Trainer der U-17 – kurz zuvor war bekannt geworden, dass sich Ryser Mitte 2015 frühpensionieren lassen will. Das Turnier in Belgien, die erste von zwei Qualifikationsrunden, mündet aber in eine bittere Enttäuschung für ihn und sein Team. Nach Niederlagen gegen Bosnien-Herzegowina und Aserbeidschan scheitert ­Ryser mit der neusten U-17-Generation zum ersten Mal als Auswahltrainer so früh. «Es tut weh, dass es so endet», sagt der 57-jährige Solothurner.

Im November 2009 war Ryser auf einen Schlag bekannt geworden. Der Schaffer im Hintergrund wurde zum Trainer des Jahres gewählt, von der Swiss Football League ebenso wie an den Sports Awards. «Ich habe gespürt, welch grossen Respekt die Menschen vor unserer Leistung haben», sagt Ryser im Rückblick. Dieser Stolz, diese Befriedigung, die kommt auch heute noch in ihm hoch: «Dass uns unsere Arbeit und Ideen zu einem WM-Titel tragen können, erfüllt mich mit grosser Genug­tuung.» Die grösste Auszeichnung sei aber gewesen, «welch grosse Sympathien diese Mannschaft bei den ­Schweizern ausgelöst hat».

Den Schweizerischen Fussballverband verlässt Ryser ungern, «es löst ­extreme Emotionen aus, mit diesem Kapitel abzuschliessen». Dem Fussball wird er aber erhalten bleiben, Mandate mit der Uefa oder der Fifa laufen weiter, neue kommen hinzu – die Befürchtung seiner Frau, er könnte daheim zur Nervensäge werden, sei vermutlich unbegründet, sagt Ryser lachend. Sein Ruf in den internationalen Verbänden ist exzellent. Der 15. November 2009 hat viel dafür getan.


Kofi Nimeley
Gibt es eine Zukunft?

Sie spielen in Monthey oder Bellinzona, bei Port Vale oder in der englischen ­Reserves League. Oder sie weilen wie Robin Vecchi im Sprachkurs in Frankreich, um sich auf die Matur vorzubereiten. Sie sind die Weltmeister, die in Vergessenheit geraten, je länger, je mehr. Junge Spieler wie Maik Nakic. Wie Frédéric Veseli, damals der Captain. Oder Benjamin Siegrist, bester Torhüter der WM. Früh wechselte der Basler in die Academy von Aston Villa und ist noch immer in Birmingham. Als Tor­hüter Nummer 3 beim Club aus der Premier League. 2012 nahm er als Ersatzgoalie von Diego Benaglio an den Olympischen Spielen teil.

Siegrist spielte einst zusammen mit Kofi Nimeley im Nachwuchs von Basel. Nimeley war der Captain der U-18 des FCB, später auch der U-21, und an der ­U-17-WM immerhin Vizecaptain. Ein Leader mit Potenzial, körperlich enorm weit. 2013 ging er zum FC Locarno, weil er endlich Fussballprofi werden wollte und bei Basel diese Chance nicht erhielt. Locarno stieg vergangenen Sommer aber aus der Challenge League ab und befindet sich nun auch in der Promotion League in akuter Abstiegs­gefahr. 15 Spiele, 10 Punkte. Und Nimeley sitzt im Tessin und sagt: «Zumindest habe ich ­etwas fürs Leben gelernt.» ­Momentan kommt immerhin der Lohn pünktlich.

Gerne würde er den Club wechseln, wenn im Sommer sein Vertrag ausläuft, aber hat ihn die Fussballwelt nicht schon vergessen? Kann er ein Thema für andere Vereine sein angesichts der Niederlagenserie des FC Locarno? So und ähnlich denkt Nimeley. Und sollte sich bis zum nächsten Sommer nicht wenigstens ein Club aus der Challenge League für ihn interessieren, sagt er, «dann muss ich mir ernsthafte Ge­danken machen».
(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 12.11.2014, 22:04 Uhr

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