«Das habe ich gerne, wenn mir alle dabei zuschauen»

Fabian Schär ist ein Star in Newcastle. Beim Treffen in England redet er über Partys mit Fussballern und sein Tor des Monats.

Das Bild einer Stadt: Fabian Schär vor den mächtigen Brücken über den Tyne. Foto: Ben Spriggs

Das Bild einer Stadt: Fabian Schär vor den mächtigen Brücken über den Tyne. Foto: Ben Spriggs

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«Das habe ich gerne», sagt Fabian Schär und lacht, «wenn ich fotografiert werde und mir alle dabei zuschauen.» Er steht am Fluss, spielt Modell für den Fotografen, und aus dem nahen Pub recken ein paar neugierig ihre Hälse.

Im Hintergrund erheben sich die Brücken, die das Bild von Newcastle unverwechselbar machen. Die Tyne-Bridge mit ihrem grossen Bogen ist Sehnsuchtsort für die Geordies, die Leute aus der Stadt im englischen Nordosten, wenn sie aus dem Süden zurückkommen.

Hier ist Fabian Schär gelandet, in einer Stadt, die gerne verkannt wird, bevor man sie gesehen und erlebt hat. Dabei kürte die «New York Times» sie einst zur achtgrössten Partystadt weltweit. Auch Kollegen von Schär kommen seit Jahren hierher, um die Clubs und Bars zwischen Big Market und Quayside zu geniessen. Seit er in Newcastle lebt, schauten einmal acht Freunde zugleich bei ihm vorbei. Irgendwie brachte er sie bei sich zu Hause unter – dabei hat seine Wohnung nur drei Zimmer.

Acht Monate ist er jetzt in England, und gerade die letzten Monate haben den Eindruck verstärkt, dass er es richtig gut getroffen hat. Das hat mit dem Umfeld zu tun, in dem er arbeitet, und mit seinen Leistungen als Verteidiger des Newcastle United Football Club.

Schär hat sich etabliert bei einem Verein, der das Bild der Stadt und die Stimmung der Menschen prägt. Das Stadion erhebt sich mitten im Zentrum über Newcastle. An Spieltagen sind Schwarz und Weiss die Farben der Strassen, weil das die Farben des Clubs sind und fast jeder der 50'000, die zum St. James’ Park ziehen, etwas trägt, das schwarz-weiss gestreift ist, am liebsten ein Leibchen.

«Die Menschen haben eine schönere Woche, wenn wir gewonnen haben», sagt Schär: Newcastle-Fans jubeln beim Spiel gegen Huddersfield Town im Februar. Foto: Keystone

Die Stadt lebt mit ihrem Club, immer schon. Sie hat noch immer den Ruf einer Arbeiterstadt, auch wenn es die Kohle-, Stahl- und Schiffsindustrie schon lange nicht mehr gibt. Als der grosse Kevin Keegan der Trainer war und in den 90er-Jahren mit der Mannschaft letztmals um den Meistertitel spielte, sagte er: «Viele denken hier: Fussball ist das Leben, und das Leben ist Fussball.»

Die Bilanz

Schär sitzt inzwischen in der Lobby eines Hotels direkt am Tyne, der träge vorbeifliesst. Er hört sich das Zitat von Keegan an und sagt: «Das kann ich nachvollziehen. Die Menschen haben eine schönere Woche, wenn wir gewonnen haben.»

Auf Platz 13 liegen die «Magpies», die Elstern, nach 31 von 38 Runden. Sieben Punkte weisen sie als Reserve auf den ersten Abstiegsplatz auf. Das ist ordentlich, aber nicht mehr. Der Traum vom grossen Erfolg hat die Menschen nie losgelassen. Sie sehen ihren Club dank seiner Tradition noch immer als Riesen, der mehr erreichen müsste, auch wenn er seinen letzten Meistertitel 1927 feierte und mehr als einmal in der Zweitklassigkeit verschwand.

Der Start in diese Saison war miserabel. Mit drei Punkten aus zehn sieglosen Spielen klebte die Mannschaft auf dem zweitletzten Platz fest. «Du spürst dann die Unzufriedenheit der Leute», sagt Schär. Er konnte nichts ­dagegen machen, er stand nur einmal während 79 Minuten auf dem Platz.

In Newcastle denken viele: Fussball ist das Leben, das Leben ist Fussball.

Die Rolle als Zuschauer fiel ihm schwer, dabei wusste er von Anfang an, dass er Zeit benötigen würde, um nach dem Sommer mit der Weltmeisterschaft in Russland fit zu werden und sich an die körperlichen Anforderungen der Premier League zu ­gewöhnen. Newcastles Trainer Rafael Benitez hatte ihm das vorher schon gesagt.

In der 11. Runde, es war inzwischen Anfang November, stand es gegen Watford zur Pause 0:0. Captain Jamaal Lascelles war ­angeschlagen, auf einmal hiess es für Schär: «Aufwärmen.» Er konnte nicht gross nachdenken, er wusste nur: «Ich muss bereit sein.» Und er war es, Newcastle siegte noch 1:0, danach folgten mit ihm in der Startaufstellung noch zwei Erfolge. Und seither ist er drin in der Mannschaft und ihr Glücksbringer. Newcastle ohne Schär ist nicht das Newcastle mit Schär. Die Bilanz ohne ihn: 13 Spiele, 0 Siege, 4 Punkte. Mit ihm: 18 Spiele, 9 Siege, 31 Punkte. Er sagt: «Das ist für mich schön zu wissen. Ich habe relativ viel gut gemacht.»

Schär feiert den ersten Treffer gegen Burnley am 26. Februar 2019 im St. James' Park in Newcastle. Foto: Keystone

Schär entspricht mit seinem locker-leichtfüssigen Spiel nicht unbedingt dem, was auf den ersten Blick zu einem Ort wie Newcastle passen würde. Und doch passt es, weil er etwas einbringt, was andere nicht haben. Das sagt er auch selbst. Er hat diese Fähigkeit, aus dem Abwehrzentrum heraus den diagonalen Pass zu schlagen, weit und präzis. Es ist sein Beitrag, um das Tempo der Angriffe auf Premier-League-Niveau zu halten. Benitez sagt ihm: «Mach, was du kannst, mach, was möglich ist.»

Das Kunststück

Gegen Cardiff Mitte Januar erzielte Schär seine ersten beiden Tore. Ende Februar kam der Match gegen Burnley, Schär stürmte wieder einmal nach vorne, weil das zu seinem Denken dazugehört, er bekam den Ball, sah ein paar Meter freien Raum vor sich, lief und schoss. «Ich habe den Ball gut getroffen», sagt er, «drei, vier Zentimeter weiter rechts, und er wäre nicht drin ­gewesen.»

Aber der Ball flog hoch via Pfosten ins Tor. Julian Nagelsmann gratulierte per SMS, was deshalb bemerkenswert war, weil Nagelsmann als Trainer in Hoffenheim mit Schär so gar nichts anzufangen wusste. Die Premier League erklärte Schärs Kunststück zum Tor des Monats.

Die Sonne scheint fahl über Newcastle. Schär nippt am Cappuccino und erinnert sich wegen dieses Treffers an seine alten Tage in Wil. Das ist seine Heimat, die er gedanklich nie verlassen hat. Hier war er der Junior, der neben dem alten Bergholz aufwuchs und in seiner Entwicklung stecken blieb. Er machte eine Banklehre und die Berufsmatura, bis er auf einmal doch noch den Sprung in die Challenge-League-Mannschaft schaffte.

Wil kommt ihm in den Sinn, weil er da einmal ein Tor schoss, das für ihn so schön war wie das gegen Burnley. «Das findet man auf Youtube», rät er. Da ist zu sehen, wie ihm zwei Schritte Anlauf reichen, um aus 65 Metern ins Tor zu treffen. Den Schuss schüttelt er aus dem Fussgelenk, als gäbe es nichts Einfacheres.

Video: Schärs Traumtor für den FC Wil. Quelle: Youtube

Ja, Wil. Das war einmal, Newcastle ist jetzt, und dazwischen liegt ein langer Weg für den 27-jährigen Schär, auf dem nicht alles nur schön vorwärtsging. Gut, beim FC Basel erlebte Schär drei Meistertitel in drei Jahren. Hoffenheim warb um ihn und bekam ihn im Sommer 2015.

Die erste Saison verlief noch ordentlich, die zweite wurde zum Desaster für Schär, weil er nicht mehr gebraucht wurde. Bis heute hat er nicht begriffen, warum es für ihn in Hoffenheim schiefging. Er weiss nur noch, wie sehr es ihm eine Zeit lang widerstrebte, ins Training zu fahren. «Es gab keinen Horizont, kein Licht», sagt er heute. Er wollte weg, Valencia warb um ihn, dann auch Schalke, aber er musste bleiben. Als Abwechslung dienten ihm nur die Abstecher zur Nationalmannschaft. Hier fühlte er sich getragen, hier konnte er wieder der Spieler sein, der er vor Hoffenheim gewesen war.

Erst im Sommer 2017 durfte er nach La Coruña. Hier blühte er auf und lernte die spielerische Art des Fussballs zu lieben, wie sie in Spanien gepflegt wird. Er lebte in einem Haus am Meer und konnte sich sagen: «Ich habe zu meiner alten Stärke zurückgefunden.» Das Problem war nur, dass es Deportivo sportlich schlecht lief und es in einer Saison drei Trainer verbrauchte. Am Ende stand der Abstieg.

Das Schnäppchen

Schär reiste mit der Schweiz an die WM. Bald erhielt er den Anruf, der sein Leben wieder verändern sollte. Rafael Benitez meldete sich. Als Spanier kennt er die Primera Division bestens, dazu informierte er sich über Schär bei Nationalcoach Vladimir Petkovic. Schär selbst fühlte sich schnell angezogen von der Idee, nach Newcastle zu wechseln. «Wenn ein solcher Trainer mit einem solchen Namen anruft, ist das kein so schlechtes Gefühl», sagt er.

Nach der WM ging es auf einmal schnell. Mit zwei Koffern reiste er nach Newcastle. 3 Millionen Pfund betrug seine Ablöse, rund 4 Millionen Franken. Er hatte sie sich bei La Coruña für den Fall des Abstieges festschreiben lassen. «Ein fairer Preis», sagt er dazu. Er könnte angesichts der heutigen Summen auch von einem Schnäppchen reden.

Anfang März liegt Newcastle gegen Everton bis in die 65. Minute mit zwei Toren zurück. Am Ende gewinnt es noch 3:2. Es gibt dieses Bild vom Jubel der Spieler, das so wunderbar ausdrückt, wie gross ihre Freude in diesem Moment ist. «Noch besser wäre es, wenn man die Kamera drehen und die Zuschauer sehen würde», sagt Fabian Schär, «ihre Gesichter, ihr Strahlen, einfach unglaublich.» (Redaktion Tamedia)

Erstellt: 19.03.2019, 20:04 Uhr

Ein Routinier

2013 debütierte Schär im Nationalteam gegen Brasilien. Bis heute bestritt er 47 Länderspiele und drei Endrunden, die WM von 2014 und 2018 sowie die EM 2016. Nach dem Ausfall von Xherdan Shaqiri, der durch Kevin Mbabu ersetzt wird, haben im aktuellen Schweizer Aufgebot nur Lichtsteiner (103), Xhaka (70) und Rodriguez (61) öfter gespielt als Schär. Mit sieben Goals ist er der torgefährlichste Spieler nach Xhaka (10) und Lichtsteiner (8). Schär sagt mit Blick auf die neue EM-Qualifikation, die am Samstag in Georgien beginnt: «Die Teilnahme an der Endrunde ist unser Anspruch.»

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