Der Handstreich der Südkurve, die Antwort des FC Zürich

Die FCZ-Fans montierten die Stühle ab, um ihrem Wunsch nach Stehplätzen Nachdruck zu verleihen. Es geht um ein Problem, das nach einem Grundsatzentscheid ruft.

Eine klaffende Lücke in den Sitzplatzreihen: In der Südkurve demontierten FCZ-Fans aus Protest die Stühle.

Eine klaffende Lücke in den Sitzplatzreihen: In der Südkurve demontierten FCZ-Fans aus Protest die Stühle. Bild: Keystone

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Das Transparent war so gross, dass die ganze Südkurve eingehüllt war. Darunter ging die Arbeit los. Und das Resultat war am Samstag unübersehbar, als das Transparent wieder eingerollt war: In den Sitzplatzreihen der Kurve der FCZ-Sympathisanten klaffte eine grosse Lücke. Wo sonst Orange leuchtet, prägte Betongrau das Bild.

Die Aktivisten der Südkurve unterlegten ihren Handstreich mit einem zweiseitigen Communiqué, das sie gleichzeitig verschickten. Jahrelang seien sie vertröstet worden, schrieben sie, «deshalb verwirklichen wir unseren Wunsch nach Stehplätzen nun selbst». Während der FCZ zum 3:1 gegen St. Gallen unterwegs war, riefen sie: «Stühle raus!»

Werkzeuge im Stadion

Es ist ein altes Anliegen der Kurve, jenes nach reinen Stehplätzen, weil bei ihren Mitgliedern offenbar nur da das Gefühl aufkommt, richtige Fussballfans zu sein, die ungehindert Stimmung machen können. Auf den Stühlen zu stehen, wie sie das seit Jahren tun, reicht ihnen dafür nicht. Ihre Aktion verstehen sie nun als Protest gegen «vorgeschobene Bürokratie» und ein «Kompetenzengewirr» von Stadt- und Gemeinderat, Feuerpolizei und Stadionmanagement.

FCZ-Präsident Ancillo Canepa will die Übung «nicht dramatisieren». Stadionmanager Peter Landolt sieht sie als «clevere Demo». Anderseits fühlt er sich hintergangen von der Südkurve. Er erlaubte ihr am Freitag, in der Stadiongarage eine Choreographie zu üben. Dabei muss das Werkzeug aufs Gelände gekommen sein, das benötigt wurde, um die Stühle abzumontieren – Werkzeug, das an einem Ort, an dem schon PET-Flaschen verboten sind, nichts zu suchen hat.

Ein nationales und internationales Thema

Canepa hat sich schon dafür ausgesprochen, das die FCZ-Kurve in einem neuen, reinen Fussballstadion Stehplätze erhält. Die Gegenwart ist der Letzigrund, und Fakt ist, was Landolt sagt: «Wer Stehplätze will, muss zahlen.» Mindestens 30 000 Franken kostet es an der Badenerstrasse, Stühle abzuschrauben, wegzubringen und einzulagern. Ähnlich teuer ist es, sie wieder zu montieren. So viel legt zum Beispiel auch der FC Basel aus, um für seine Anhänger die Muttenzer Kurve von Stühlen freizuräumen. Solange er jedoch in der Champions League spielt, wo Stehplätze seit Jahren verboten sind, bleiben die Stühle drin. «Das verstehen unsere Fans», sagt Klubsprecher Josef Zindel.

In England gibt es als Folge der Katastrophe von Hillsborough im April 1989, als in einem überfüllten Stehplatzsektor im Stadion von Sheffield 96 Menschen ums Leben kamen, keine Stehplätze mehr. Und wer während eines Spiels zu stehen versucht, tut das nicht lange. Sofort wird er von einem Steward zurechtgewiesen. Die Südkurve beruft sich da lieber auf die Beispiele von Basel, Bern und St. Gallen oder noch lieber auf jene von München, Dortmund oder Schalke, wo bei nationalen Spielen Stehplätze im Angebot sind. Sie sagt überdies, für die Kosten des Abmontierens liesse sich bei «3000 Kurvengängern» sicherlich eine Lösung finden. Landolt wiederum beruft sich auf Bedenken der Feuerpolizei, dass bei einer Stehplatzkurve «zu viele Leute» Platz suchen würden. «Das müsste mit baulichen Massnahmen verhindert werden, und auch das würde wieder kosten.»

Landolt wurde von der Aktion am Samstag überrascht. Gut, dachte er sich zuerst, weit würden die Fans damit nicht kommen. «Baff erstaunt» war er dann, als sie schliesslich «rund 1800 Stühle» abgeschraubt hatten. «Wir mussten einmal etwas machen», hörte er von ihnen. «Ich wäre dankbar», stellte er ihnen gegenüber klar, «wenn ihr die Stühle wieder reinmachen würdet.» Bis heute um 12 Uhr erwartet er von ihnen eine Antwort, was sie zu tun gedenken. Sollten sie seiner Forderung nicht nachkommen, wird er dem Veranstalter eine Rechnung stellen. Das ist der FCZ.

Den Kantersieg vergeben

Am Ende ihrer Verlautbarung schrieb die Südkurve: «Unser einfaches Anliegen an die Entscheidungsträger: unserem Wunsch nach Stehplätzen jetzt und in Zukunft zu entsprechen.» Für Landolt ist das Thema zum Politikum geworden. Er sagt: «Es ist wie mit der Frage, ob Alkohol im Stadion verboten ist oder nicht: Man muss einfach einmal einen grundsätzlichen Entscheid treffen.»

Urs Fischer sprach von einer «interessanten Aktion» der Südkurve. Einer näheren Wertung verschloss sich der FCZ-Trainer, weil er nichts Falsches sagen wollte. Lieber freute er sich über die Tore und Punkte gegen St. Gallen, die für ihn Antwort genug waren auf die Kritik an den jüngsten Vorstellungen gegen Bellinzona und bei YB. Seine Mannschaft hatte nervös begonnen und nach 20 Minuten ohne grössere Eigenleistung 2:0 geführt. Alles weitere wurde ihr leicht gemacht von einem St. Gallen, das wie ein Absteiger auftrat. Fahrlässig vergab sie Chance um Chance und damit den Kantersieg. Fischer störte sich daran nicht und sprach das Wort zum Sonntag: «Wir haben 3:1 gewonnen. Lassen wir also die Kirche im Dorf.» (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 30.08.2010, 08:07 Uhr

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