Der Mut des Fredy Bickel

Beim abgestürzten Rekordmeister tritt der 54-Jährige als neuer Geschäftsführer möglicherweise die grösste Herausforderung seiner Karriere an – mit einem unbefristeten Vertrag.

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Als Fredy Bickel im Frühsommer Wien verliess, hatte er ein Lied von S.T.S. in den Ohren. Er kennt es auswendig: «Der hat wolln sei Glück probiern in der grossen fremden Stadt / Aus der Traum – zerplatzt wia Seifenblosn – nix is bliebn.»

Zweieinhalb Jahre war er als Sportchef von Rapid in Wien, die Arbeit und die aufkommende Kritik kosteten ihn Substanz. Trotzdem träumte er schon von seiner nächsten Anstellung, weil der Schweizer Fussballverband einen neuen Direktor fürs Nationalteam suchte. Peter Gilliéron konnte ihn sich dafür gut vorstellen, aber der alte Präsident hatte am Ende nicht das entscheidende Wort.

Bickel wird es trotzdem nicht langweilig. GC hat er sich als neuen Arbeitsplatz ausgesucht. Er wird offiziell ab 1. Oktober sein Amt als Geschäftsführer des Challenge-League-Clubs antreten und Elio Keller ablösen, Keller war erst am 1. Juli auf Zusehen hin zum Nachfolger von CEO Manuel Huber ernannt worden. Bickel hat einen unbefristeten Vertrag unterschrieben, kündbar jedes halbe Jahr.

Die Erinnerung an Bern

Es ist für ihn wie ein Heimkommen, weil er hier schon von 1992 bis 1999 tätig war, damals war er Pressechef, Technischer Koordinator und Assistent von Sportchef Erich Vogel. Zu der Zeit dominierte GC im Land.

Heute ist GC ein abgestürzter alter Riese, untergegangen in einem Führungschaos, wie es sonst nur in einer Bananenrepublik zu vermuten wäre. Im Communiqué des Clubs sagt Bickel: «Ich freue mich, dort wieder anzupacken, wo für mich alles angefangen hat.» So tönt Mut.

Im Sturm der Übernahme von GC durch Rainer E. Gut und Fritz Gerber im Sommer 1999 ging Bickel mit unter. Er wechselte nach Bern, als YB am Boden lag, und leistete da drei Jahre Aufbauhilfe, bis er Ende 2002 nach schweren Differenzen mit den Investoren entlassen wurde. Zwölf Monate später stieg er beim FCZ als Sportchef ein und kehrte nach neun erfolgreichen Jahren, Ende 2012, wieder nach Bern zurück. In Zürich hatte er sich an einem internen Machtkampf aufgerieben.

Auch YB war für ihn ein Heimkommen. Im Sommer 2013 sorgte er für die Verpflichtung von Uli Forte, der für 300 000 Franken aus seinem Vertrag bei GC freigekauft wurde. Nach zwei Jahren und zwei Monaten ging es nicht mehr weiter für Forte, es war keine schöne Trennung. Er war über einen schlechten Saisonstart gestolpert, und Bickel sagte, dass Forte in den Wochen zuvor kein offenes Ohr mehr für Ratschläge gehabt habe. Der Trainer verstand die Entlassung nicht und trug entsprechend schwer daran.

Jetzt sind sie wieder zusammen: Bickel ist der neue Chef von Forte. Bei den Gesprächen mit Bickel habe er «ein Hauptaugenmerk» auf das einst belastete Verhältnis der beiden gerichtet, sagt Verwaltungsrat Andràs Gurovits. «Wenn es einen schwelenden Konflikt gegeben hätte, wäre das mit Fredy Bickel nicht gegangen. Aber Uli hat hervorragend reagiert.» Im Communiqué sagt Forte: «Wir hatten unsere Differenzen, aber das ist Vergangenheit. Wir brauchen starke und erfahrene Personen in unserem Club. Fredy ist so eine.»

Gurovits ist es ein Anliegen zu betonen, dass Bickel primär im Büro beschäftigt sein werde und nicht auf dem Platz. Der Satz ist als Beruhigung für Forte zu verstehen, dass Bickel nicht gleich zu viel Macht haben soll. Dabei hat sie der Neue, er ist der Geschäftsführer, der auch in der Sportkommission das entscheidende Wort haben wird. Alles andere wäre bei seinem Erfahrungsschatz sinnfrei. Auch Forte sitzt in dieser Kommission, die durch die Nachwuchs-Chefs Roman Hangarter und Timo Jankowski ergänzt wird.

Wann gehen die Investoren?

Momentan redet auch Gurovits da mit. Das möchte er alsbald ändern, indem er für den Verwaltungsrat einen Sport-Zuständigen gewinnen will. Dafür hat Paul Bollendorff seinen Platz verloren. Bollendorff ist der Chefscout, der als Zuarbeiter des früheren Sportchefs Mathias Walther seinen Anteil am personellen Chaos der letzten Saison trug. Erstaunlich ist bei ihm nur, dass er so lange bleiben durfte.

Gurovits hat Bickel nichts verheimlicht, seit er ihn vor gut zwei Wochen erstmals kontaktiert hat. Er hat ihm gesagt, wie es um GC steht. Und es steht ernst um einen Club, der haarscharf an der Liquidation vorbeischrammte und der wegen der Einsparungen von 8 Millionen Franken kaum noch Personal auf der Geschäftsstelle hat. Um einen Club, der vor einer höchst ungewissen Zukunft steht. Stephan Anliker und Peter Stüber, die dieses Jahr nochmals je 3,25 Millionen eingeschossen haben, drängen als Aktionäre auf einen Ausstieg. Zumindest stehen die Zeichen so.

Bickel wird wohl wissen, worauf er sich eingelassen hat, er hat sicher schon vernünftigere Entscheide getroffen. Aber vielleicht ist genau das die Motivation. «Ich bin bereit für die Herausforderung», meldet er in der Verlautbarung von GC. Öffentlich reden wird er erst zu einem späteren Zeitpunkt, Gurovits möchte das so. Es ist eine eigenwillige Art der Kommunikation.


Dritte Halbzeit – der Tamedia Fussball-Podcast

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Erstellt: 11.09.2019, 16:31 Uhr

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