«Der Sport ist von Nebelwolken umgeben»

Der deutsche Philosoph Gunter Gebauer hält Ethikkommissionen im Sport für unbrauchbar – und viele Fans für Träumer.

Der Sport verzaubert die Massen – die deutschen Fussballweltmeister auf dem Weg zur Pokalübergabe. Foto: Fabrizio Bensch (Keystone)

Der Sport verzaubert die Massen – die deutschen Fussballweltmeister auf dem Weg zur Pokalübergabe. Foto: Fabrizio Bensch (Keystone)

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Die Fifa hat eine. Auch der internationale Leichtathletik- oder Radsportverband führt sie: eine Ethikkommission. Diese wurden in den letzten Jahren wie Hasen aus den Hüten der obersten Sportfunktionäre gezaubert, um die Probleme bei undurchsichtigen WM-Ver­gaben oder mit Dopern wie zuletzt in der russischen Leichtathletik zu durchleuchten. Kurz: Der Sport hat die Ethik entdeckt. Sie soll ihn aus dem Schlamassel befreien. Doch: Kann sie das — und falls ja: Unter welchen Bedingungen?

Die grossen Verbände führen alle eine Ethikkommission. Warum?
Die Sportverbände haben nicht von sich aus solche Kommissionen eingeführt. Sie sahen lange gar keine Notwendigkeit, sich mit Fragen der Ethik zu beschäftigen. Die Öffentlichkeit aber hat ethischen Problemen immer grössere Beachtung geschenkt. Eine ähnliche Entwicklung haben wir in der Politik mit den Fragen der Menschenrechte oder der Korruption in Unternehmen erlebt. Solche Kommissionen sind also weit gestreut.

Weshalb sollen sich Verbände, die offensichtlich Probleme aufweisen, auf ethische Werte besinnen?
Sie werden dazu gezwungen. Der Sport wird teilweise von der Politik alimentiert, oder er ist abhängig davon, dass er ein gutes Image aufweist, wenn er Geld verdienen will. Zudem behauptet er seit seiner Entstehung als moderner Sport, dass er eine bessere Gegenwelt sein will. Nehmen Sie den Aspekt der Gerechtigkeit. Sieg oder Niederlage sind öffentlich, via TV global einsehbar. Die Zuschauer werden Zeugen, wie jemand gewinnt. Dieses Gewinnen wird als gerechtes ­Gewinnen dargestellt. Man kann schliesslich sehen, dass der eine besser ist als der andere. Ein Problem entsteht aber dann, wenn das Ergebnis unethisch herbeigeführt wurde, etwa weil der Sieger gedopt war.

Die Ethikkommissionen sind von den Verbänden eingesetzt worden. Können sie je unabhängig sein?
Sie sind erst einmal abhängig vom Verband, der sie einsetzt. Und selbst wenn sie vollkommen unabhängig arbeiten könnten, muss man sich fragen: Was sollen deren Ergebnisse am Handeln der Verbände ändern? Möglicherweise gar nichts. Wir sehen etwa bei der Fifa, dass sofort Dissense zwischen den Haupt­akteuren entstehen und vonseiten des Verbands mit Geheimhaltung reagiert wird, weil ein offenbar explosiver Zwischenbericht nicht veröffentlicht werden soll. Dieses Taktieren lässt die Menschen unbefriedigt. Hinzu kommt, dass das Verbandshandeln überhaupt nicht an diese Berichte gebunden ist.

Handelt es sich dabei um rituelle Ablassprozedere?
Ja. Ist der Druck zu stark, schauen ­Verbände, dass sie sich Persönlichkeiten suchen, die einen grossen Namen ­haben, aber entweder nichts vom Sport verstehen oder so alt sind, dass sie die Probleme nicht mehr durchschauen, oder zu stark mit den Verbands­interessen verbunden sind.

Unabhängige Schwergewichte sind bei den Verbänden also nicht gefragt – wie nun auch der Abgang von Fifa-Chefermittler Michael Garcia zeigt.
Genau. Die Fifa hat seinen Bericht und seine Einwände ausgebremst.

Wie kann man sich als Verband dann glaubwürdig mit ethischen Problemen befassen?
Auf den ersten Blick sehe ich keine Möglichkeiten. Alles, was ich bislang gesehen habe, bestärkt meine Skepsis. Da ich aber kein unverbesserlicher Pessimist bin, versuche ich mir, hier ein Szenario vorzustellen, wie Verbesserungen erreicht werden könnten: Wenn der ­öffentliche Druck so stark wird, dass die Unabhängigkeit der untersuchenden Personen gestärkt wird und ihre Berichte öffentlich einsehbar gemacht werden können. Allenfalls bräuchte es dafür staatliche Hilfe. Die grössten Dopingfälle der letzten Jahre wie Armstrong wurden ja auch nur dank hartnäckiger Recherchen der Behörden aufgedeckt.

Verbessern die Verbände mit diesen Kommissionen ihr Image je?
Deren Image ist schlecht bei Leuten, die ihnen sehr kritisch gegenüberstehen. Aber das ist bei den normalen Sport­interessenten nicht der Fall. Diese lassen sich, weil sie den Sport lieben und den Wunsch haben, dass es im Sport korrekt zugeht, gerne von ihren Wünschen ­leiten. Entsprechend hoffen sie, dass durch solche Kommissionen die schlimmsten Fälle vermieden werden.

Unterschätzen Sie den durch­schnittlichen Fan nicht ein wenig?
Nein. Der begeisterte Fan schaut sich noch immer alles gerne an. Er lebt in ­einer Welt des Wunschdenkens, in der sich alles zum Besseren wendet.

Aber der Fan kann zwischen dem Spiel und dem Gebaren von Funktionären sehr wohl unterscheiden.
Das stimmt. Aber wenn er überzeugt ist, dass im Sport unethisch gehandelt wird, und sich das jahrelang gefallen lässt, ohne seine Freude am Sport zu ver­lieren, scheint seine Wahrnehmung mindestens getrübt zu sein.

Sagt sich der Fan nicht: Der Wettkampf ist weiterhin rein, befleckt sind nur die Regelmacher?
Aber wir sehen doch auch im Sport ­selber viel unethisches Handeln. Üble Fouls im Fussball, die gar noch hin­genommen werden. Vereine, die ihre Konkurrenten regelrecht ausrauben, wie es Bayern München tut. Dies alles geschieht, und trotzdem bleibt das Interesse am Sport erhalten. Entweder ist man blind und sieht diese Vorgänge nicht. Oder man sieht sie und wünscht sie sich weg. Oder man guckt zynisch zu. Diese letzte Haltung würde ich der Mehrheit der Fans absprechen. Ich glaube, die Menschen wünschen sich den Sport gut und fair und blenden die negativen Aspekte weitgehend aus.

Gleichzeitig bewegt sich der Top-sport durchaus: Der neue IOK-Präsident Thomas Bach brachte innert Kürze ein Reformpaket einstimmig durch. Sie behaupteten noch im Frühling, ihm fehlten Kraft und Durchsetzungsvermögen dafür.
Er hat Paragrafen durch eine Session ­gebracht. Ob sie auch durchgesetzt ­werden? Ich wünschte, dass ich durch Fakten widerlegt werde. Ich bin nicht besessen darauf, recht zu behalten. Aber bei Reformlawinen, die in Höchstgeschwindigkeit durch eine Sitzung ­rasen, bin ich ein bisschen skeptisch.

Sagen Sie auch darum: «Ich glaube nicht, dass der Sport die sinnvolle Rolle, die er einmal in der Gesellschaft hatte, heute noch erfüllt?»
Die Rolle des Sports hat sich im Laufe der Jahrzehnte deutlich verändert. Er ist eine Unterhaltungsmaschine geworden. Er ­erreicht viel mehr Menschen. Entsprechend wird das Interesse am Sport anders. Auch die Haltung der Akteure hat sich verändert, weil viel mehr Geld involviert ist. Ganze Industrien hängen an ihm. Gerade für die Werbung ist er unfassbar wichtig geworden und auch dadurch auf eine schiefe Ebene gekommen. Nicht dass ich Werbung für unlauter halte. Aber Werbung besteht im Wecken von Wünschen und nicht im Erkennen von Realitäten. Wer Spitzenathleten als Werbe­lokomotiven wählt, verbindet die Traumwelt der Werbung mit der realen Praxis des Sports. Dadurch ist der Sport von ­Nebelwolken der Fantasie umgeben.

Sport hatte immer mit Fantasie zu tun.
Das stimmt, aber im Sinne von Mythen grosser Sportler. Die Mythen bezogen sich auf deren Leistungen, ihre Haltung gegenüber dem Wettkampf und den Gegnern, also bestimmten Werten des Sports. All diese Aspekte sind stark in den Hintergrund gerückt.

Frisst die Kommerzialisierung den Spitzensport?
Ja. Es wurde noch nie so hart, konsequent und nach wissenschaftlichen Prinzipien wie heute trainiert. Schauen sie sich die Leistungsexplosionen in den letzten Jahren einmal an. Sport ist in­zwischen ein Beruf, neben dem nichts ­anderes mehr bestehen kann. Früher gingen zumindest in den westlichen Ländern die Athleten noch einem Beruf oder einer Ausbildung nach. Dies ist mittlerweile oft nicht mehr so. Diese Evolution ändert die Einstellung zum Sport. Es ist das Ein und Alles des Sportlers. Wenn das Sporttreiben nicht mehr geht, hat er nichts mehr. Diese Entwicklung bindet Spitzensportler bedingungslos an ihren Sport bzw. an Erfolge.

Wie müsste eine neue Ethik des Sports folglich gedacht werden?
In mehreren Stufen. Nehmen wir erst den Wettkampf, etwa ein Fussballspiel. Da gilt es die Regeln zu beachten. Man bringt also eine bestimmte Wettkampfhaltung zum Ausdruck. Man respektiert den Schiedsrichter, die Gegner, man weist ein funktionales Verhältnis zum Fussball auf, wie es die meisten Spieler haben. Dies ist die erste Stufe, aber dies ist noch kein ethisches Handeln.

Weil man sich an die Regeln hält?
Genau, wie man auch Grammatik- oder Rechenregeln befolgt. Wünschenswert wäre, dass Sportler darüber hinaus eine bestimmte Einstellung zum Sport ­haben. Man respektiert den Gedanken des Sports, den er transportiert: den Wettkampf zwischen selbst bestimmten ­Individuen. Man beweist sich als ver­antwortungsvolle Person. Nur so erhält das Handeln im Sport einen ethischen ­Charakter.

Dieses Ethikverständnis würde sich doch auf die Kommerzialisierung des Sports oder seine Bedeutung nicht auswirken.
Es ist verkürzt zu sagen, der Sport wird unethisch, weil so viel Geld im Spiel ist. Das muss nicht so sein. In der Wirtschaft geht es um viel mehr Geld als im Sport, trotzdem fordern wir eine ethische Unternehmensführung – und versuchen sie zu kontrollieren. Man muss junge Athleten darum nicht nur als ­Talente betrachten, die allenfalls einmal viel Geld einbringen, sondern sie entsprechend ausbilden. Ihnen sagen: Respektiert die Schiedsrichter, Kollegen und Gegner, verhaltet euch fair, schätzt den Sport als solchen und lernt, dass man euch nicht nur wegen eures starken Beines oder ­Armes achten soll, sondern als ganze Person. Diese Form der Ausbildung vernachlässigt der Sport heute weitgehend.

Erstellt: 17.12.2014, 23:11 Uhr

Gunter Gebauer

Der emeritierte Philosophie-Professor (70) gilt als führender Denker zu Sport und Spiel deutscher Zunge. Gebauer forscht weiterhin, im Sport vor allem zum Fussball.

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