Der Thriller um die WM

Ein Buch enthüllt neue Details zur umstrittenen Vergabe der Weltmeisterschaft 2022 an Katar. Demnach spielte Fifa-Präsident Sepp Blatter eine aktivere Rolle als bisher bekannt.

Einfluss, Eigenheiten und Loyalitäten: Fifa-Chef Sepp Blatter (rechts) und der Emir von Katar.

Einfluss, Eigenheiten und Loyalitäten: Fifa-Chef Sepp Blatter (rechts) und der Emir von Katar. Bild: Keystone

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Zwei englische Journalisten werden an einen unbekannten Ort nördlich von London geführt. Dort, auf einem Dachboden über einer zugenagelten Schaufensterfront, hat jemand ein Rechenzentrum eingerichtet. Hochleistungsserver surren, zwei Überwachungskameras laufen, die Storen sind und bleiben unten. Auf den Festplatten ist ein Schatz gespeichert: Millionen E-Mails, Faxe, Anruflisten, Briefe, Kontoauszüge, Quittungen, handschriftliche Notizen, Flugpläne, Protokolle von vertraulichen Treffen.

Ein Whistleblower aus der Fifa soll die Dokumente gesammelt und die Computer den Journalisten zur Verfügung ­gestellt haben. Drei Monate lang wühlen sie sich durch die Daten. Sie kleben die Fenster mit schwarzem Plastik ab, schlafen kaum noch, und bevor sie zu Bett ­gehen, lassen sie sich im Hotel nachts um 3.30 Uhr Dirty Martinis mixen.

Was nach einem Thriller klingt, ­dessen Drehbuch aus Journalisten­klischees und James-Bond-Schnipseln zusammengeflickt wurde, ist Realität. Oder zumindest die Realität, wie Heidi Blake und Jonathan Calvert sie schildern: Die beiden Reporter der Zeitung «Sunday Times» haben ihre Recherchen über die Vergabe der WM 2022 zu einem Buch ausgebaut, das heute erscheint. Auf 465 Seiten beschreiben sie, wie es dem Wüstenstaat Katar gelang, das ­bedeutendste Sportturnier nach Doha zu holen.

Die Dinner-Idee

Zentrale Figur ist Mohamed bin Hammam, der katarische Bau-Unternehmer und Milliardär. Die Journalisten weisen ihm mittels hunderter Dokumente nach, aus zehn Konten seiner Baufirma über 5 Millionen Dollar an Dutzende afrikanische, asiatische und karibische Fussballfunktionäre verteilt zu haben.

Aber ganz zu Beginn und ganz am Ende der Handlung übernimmt im Buch eine zweite Figur die Hauptrolle: ­Fifa-Präsident Sepp Blatter persönlich.

Die Katarer und Blatter verbindet eine alte Freundschaft. Bin Hammam war lange einer der wichtigsten Unterstützer des Schweizers, er verhalf ihm 1998 und 2002 zur Wahl als Präsident. Blake und Calvert beschreiben den Walliser als Mann, der nicht vergisst, wer ihm geholfen hat – und der auch dem Emir etwas zurückgeben wollte. Am 11. Februar 2008 bot sich Gelegenheit dazu. Anlässlich ­eines Dinners in der katarischen Hauptstadt soll Blatter in Gegenwart des Emirs zu bin Hammam gesagt haben: «Wir ­werden die WM nach Katar bringen.»

Der Zürcher Deal

Das war ein Schock. Bin Hammam, damals Präsident der asiatischen Fussballkonföderation, glaubte nicht an die Idee. Er kannte die Argumente: keine Stadien, keine Fans, die Hitze. Aber der Emir war begeistert. Und bin Hammam verdankte seinen Aufstieg als Unternehmer auch den Aufträgen der Regenten-Familie. Sich dem Wunsch des Emirs widersetzen? Kam nicht infrage. So unternahm bin Hammam eine zweijährige globale Werbetour im Privatjet, bis Präsident Blatter am 2. Dezember 2010 in Zürich den Namen des Gewinners des Wettkampfs aus einem Couvert zog: nicht die USA, nicht Australien, nicht Japan, nicht Südkorea – sondern Katar.

Das ist nicht das Ende von bin Hammams Mission. Ein Jahr später wollte er selbst die Macht übernehmen und ­Blatter ablösen. Gleichzeitig begannen Gerüchte über seine Rolle bei der WM-Vergabe zu kursieren. Präsident und Herausforderer lieferten sich einen ­unerbittlichen Wahlkampf, die Ethik­kommission der Fifa startete Ermittlungen gegen bin Hammam. Am 28. Mai 2011 wurde der Katarer, der sich im ­Renaissance-Hotel im Zürcher Kreis 5 einquartiert hatte, zu einem Treffen in den Fifa-Hauptsitz gerufen – vier Tage vor der Wahl. Als er eintrat, erblickte er laut den Buchautoren Blatter sowie ein namentlich nicht genanntes Mitglied der Familie des Emirs. Man bat ihn, sich zu setzen. Blatter sei sehr freundlich gewesen, soll bin Hammam später in Doha ­erzählt haben. Er habe sofort gespürt, dass in diesem Raum eine «schreckliche Vereinbarung» getroffen worden war. Man habe ihm gesagt, die kursierenden Korruptionsvorwürfe seien schlecht für die Fifa. Ein Deal sei vorgeschlagen worden: Bin Hammam solle sich als Kandidat zurückziehen. Im Gegenzug würde Präsident Blatter dafür sorgen, dass ­Katar die WM nicht wieder verliere.

Einen Tag später ging die Nachricht um die Welt: Bin Hammam zieht sich aus dem Rennen um die Präsidentschaft ­zurück. Am 1. Juni wurde Blatter ohne Gegenkandidat wiedergewählt.

Die Fifa gab auf Anfrage des TA keinen Kommentar zum Buch ab. Eine Sprecherin sagte jedoch, die Aussage Blatters vom 11. Februar 2008 stimme so nicht, und das Treffen Ende Mai 2011 habe nicht stattgefunden. Den Buchautoren teilte der Weltverband zudem mit, es habe keinen solchen Deal zwischen bin Hammam und Blatter gegeben.

Blake und Calvert stützen ihre Version über Blatters Rolle bei der Vergabe auf «mehrere mündliche Quellen aus dem engsten Umfeld von bin Hammam». Der Katarer pflegte auf seinem Anwesen in Doha eine abendliche Tafelrunde abzuhalten, zu welcher er lokale und auch westliche Freunde einlud. Das Programm: Fussballspiele, Pfefferminztee, mit Kardamom versetzter Kaffee – und die Geschichte über seinen Aufstieg und Niedergang im Fifa-Universum.

Die hängigen Folgen

Im Juni 2014 schrieben die «Sunday ­Times»-Reporter in ihrem abgedunkelten Zimmer eine Serie von Artikeln, die sie kurz vor der WM in Brasilien publizierten. Der Aufschrei war laut – passiert ist wenig. Bin Hammam war bereits 2012 ­aller Fussballämter enthoben worden. Die Journalisten boten der Ethikkommission Einblick in ihr ­Material an. Chef-Ermittler ­Michael Garcia lehnte ab. Er sagte, er habe «die Mehrheit dieser Beweise» zur Verfügung. Dies sei gar nicht möglich, halten die Reporter im Buch ­unter Berufung auf ihre Quelle entgegen.

Hans-Joachim Eckert, Chef der Richterkammer in der Ethikkommission, kam im November 2014 zum Schluss, es sei bei der WM-Vergabe zwar einiges falsch gelaufen. Die Vorwürfe reichten aber nicht aus, den Sieg Katars infrage zu stellen. Daraufhin trat Ermittler ­Garcia per sofort zurück.

Das Beweismaterial der Ethikkommission leitete die Fifa zur gleichen Zeit an die Schweizer Bundesanwaltschaft weiter. Heute, fünf Monate nach Übergabe, prüft diese noch immer, ob eine Untersuchung eröffnet werden soll.

Heidi Blake und Jonathan Calvert: The Ugly Game. Simon & Schuster, London 2015. 465 Seiten, ca. 40 Fr.

Erstellt: 22.04.2015, 23:28 Uhr

Heidi Blake.

Jonathan Calvert.

Europarat

Blatter abwesend

Heute Donnerstag debattieren die Parlamentarier des Europarats über eine Resolution, die sich um die Fifa dreht. Es geht um die Frage, ob die parlamentarische Versammlung fordern soll, Katar die WM zu entziehen. Der Europarat hat in der Sache keinerlei Verfügungsgewalt über die Fifa; eine solche Forderung wäre lediglich ein politisches Signal. Während der Debatte wird ein wichtiger eingeladener Gast fehlen: Sepp Blatter, der am 29. Mai zum fünften Mal als Präsident gewählt werden will. Er könne nicht teilnehmen, da die Debatte um zwei Monate vorverschoben worden sei, sagte ein Fifa-Sprecher. Blatters Agenda sei voll. (ms)

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