Der Tod als einziger Ausweg

In einer Biografie schildert Ronald Reng eindrücklich und einfühlsam, wie Torhüter Robert Enke gegen seine Depression kämpfte.

Herzen, Engel, Erinnerungsstücke: Das Grab Robert Enkes in Empede.

Herzen, Engel, Erinnerungsstücke: Das Grab Robert Enkes in Empede. Bild: Keystone

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Wie geht man ein Buchprojekt an, das vom Selbstmord eines Freundes handelt?
Nach seinem Tod kam mir gar nicht mehr der Gedanke, dass ich das Buch jemals schreiben würde. Dann sagten seine Frau Teresa und seine beiden Freunde Marco Villa, ein Fussballkollege, und Jörg Neblung, sein Berater: «Robert wollte dieses Buch so sehr, die Idee, es einmal mit dir zu schreiben, bedeutete ihm viel, Ronnie, bitte schreib es trotzdem.»

Sie haben es seinetwegen geschrieben?
Ich habe mir gesagt: Okay, ich mache ihm diesen letzten Gefallen. Und ich hatte den selbstquälerischen Anspruch: Dieses Buch muss perfekt werden, vollkommen, es ist das letzte Bild von Robert. Und so bin ich zehn Monate lang abgetaucht, habe mich aus dem richtigen Leben ausgeklinkt und lebte in einer Art Parallelwelt. Es gab nur noch mich und einen toten Freund.

Wie schwierig waren die vielen Gespräche, die Sie für das Buch führten?
Das Tolle war: Jeder, mit dem ich reden wollte, sagte sofort: «Natürlich, sehr gerne», und alle haben sich viel Zeit genommen. Es waren keine Interviews mehr, es waren lange Gespräche. Mit René Adler beispielsweise (Torhüter der deutschen Nationalmannschaft), sass ich nach fünf Stunden immer noch am Tisch. Wir haben geredet und geredet, über Robert, über Renés eigene Probleme, mit Druck zurechtzukommen, über Klavierspielen, und nie hatte ich das Gefühl, René Adler oder irgendwer halte etwas zurück. Diese Offenheit aller Gesprächspartner war wie ein Abschiedsgeschenk an Robert.

Robert Enke wollte selber das Buch schreiben. Weil er hoffte, Antworten zu finden für seine Situation?
Er litt unter dem Gefühl, er dürfe seine Depressionen nicht öffentlich machen, So war dieses Buch ein Ziel für ihn: In seiner Biografie, am Ende der Karriere, könnte er sich endlich öffnen. Aber das Buch war mehr für ihn als ein Comingout: Ihm gefiel die Idee, einmal alles aufzuschreiben.

Verstehen Sie jetzt, weshalb er den Weg in den Tod gewählt hat?
Ich hatte vorher ein sehr rudimentäres Wissen von Depressionen. Nach diesen Recherchen, bei denen ich auch mit sehr vielen Psychologen und Psychiatern geredet und sehr viele Fachbücher gelesen habe, verstehe ich, dass Depression eine Krankheit ist, die das Gehirn verändert. Der Kranke sieht nur noch schwarz. Und in dieser verzerrten Wahrnehmung erscheint der Tod oft als einziger Weg, die Krankheit loszuwerden. Der Tod eines Depressiven ist nie eine freie Entscheidung. Die Krankheit treibt ihn dorthin.

Die Frage stellt man sich beim Lesen des Buches oft: Wie konnte er dies seiner Frau Teresa antun, die sich so aufopfernd um ihn gekümmert hat? Der «Stern» schrieb, sie sei die wahre Heldin des Buches.
Robert hat nicht mehr gemerkt, was er anderen damit antut. Es gibt den wissenschaftlichen Begriff der präsuizidalen Wahrnehmung. Wenn Depressive den Entschluss gefasst haben, zum Selbstmord zu schreiten, dann sehen sie nur noch dieses Ziel, und das Ziel ist es, diese Krankheit loszuwerden. Du hast in einem solchen Moment keine Empathie mehr, du nimmst nicht mehr wahr, was du mit einem Selbsttod anderen Menschen antust.

Enke hat auf die letzte Seite seines Tagebuches geschrieben: «Vergiss nicht diese Tage.» Was wollte er damit sagen?
Ich interpretierte es als Mahnung an sich selber. Er wollte sich immer wieder erinnern: Wenn die Depressionen vorbei sind, lerne daraus, ändere dein Leben.

Enke wandte grosse Kraft auf, um seine Depression, «die schwarzen Gedanken», wie er sie nannte, geheim zu halten. Es muss eine unheimliche Zerreissprobe in seinem Leben gewesen sein.
Das Merkmal dieser Krankheit ist ja, dass du am Morgen nicht mehr aufstehen willst, dass du einfach nicht mehr in der Lage bist, dem Tag zu begegnen, und alles, was auf dich wartet, zu gross ist. Auf Robert Enke warteten enorme Herausforderungen, er musste als Torhüter der starke Mann des Landes sein, der letzte Halt, der immer souverän zu sein hat, nie einen Fehler machen durfte.

Wussten Sie vor dem Tod von den Depressionen von Robert Enke?
Nein. Einmal, 2008, hatten wir telefoniert, und da hat er gesagt: «Du, Ronnie, ich und Teresa reden gerade darüber, was du alles weisst.» Da habe ich gesagt: «Was? Wie, was weiss ich?» Und er antwortete: «Das erzähle ich dir ein anderes Mal.» Heute weiss ich von Teresa, dass er sich oft überlegt hat, es mir zu sagen. Er hat es nicht gemacht, weil er wusste, dass ich Journalist bin. Für Depressive ist alles eine Belastung, und das Wissen, dass es ein Journalist weiss, hätte ihm zusätzlich das Leben erschwert.

Hat er sich nicht geoutet, weil er Torhüter war? Wäre es für ihn einfacher gewesen, wenn er einen «normalen» Beruf abseits der Öffentlichkeit ausgeübt hätte?
Es ist eine Krankheit, die für die meisten Leute nicht dafür geschaffen ist, sich in der Öffentlichkeit zu outen. Im kleinen Kreis tat es Robert, und da war er weiter als die meisten depressiv kranken Menschen. Er war in guter Behandlung. An die Öffentlichkeit ging er nicht, weil sein grösster Traum, bei der WM 2010 die Nummer 1 von Deutschland zu sein, wohl vorbei gewesen wäre. Und er hatte im Kopf immer die Erinnerung an seine erste Depression und wie er es damals geschafft hat, darüber wegzukommen.

Wenn er also einen anderen Beruf gehabt hätte . . .
. . . diesen Gedanken habe ich fast jeden Tag. Ich bin zum Schluss gekommen, dass der Fussball für einen Menschen wie Robert, der diese Krankheit offenbar aus genetischen Gründen hatte, sicher kein gesunder Beruf war. Aber er hätte auch in einem sogenannt normalen Beruf unter Druck depressiv werden können.

Was für einen Einfluss hatte es, dass Enke Torhüter war?
Ein Torhüter wird nur immer an seinen Fehlern gemessen. Jemand, der wie Robert zum Grübeln neigt, findet den ganzen Tag etwas, um sich selber Vorwürfe zu machen: Diese Flanke hätte ich abfangen, diesen Ball halten, hier anders stehen müssen. Aber die Tatsache, dass er 2003 seine erste Depression überwand, hat ihn als Torhüter auch gelassener gemacht, er konnte danach besser mit seinen Fehlern umgehen. Er hatte damals auch die Sorge um seine kranke Tochter Lara (sie wurde mit einem Herzfehler geboren, starb dann mit zwei Jahren nach einer eher harmlosen Gehöroperation). Es war wichtig für ihn, eine Aufgabe zu haben, es hat ihm geholfen. Solange er Lara hatte, waren es fussballerisch seine besten Jahre.

Aber Laras Tod, als Robert Enke im Zimmer im Krankenhaus schlief und nicht bemerkte, dass seine Tochter neben ihm starb, muss ein schlimmes Erlebnis für ihn gewesen sein.
Er machte sich selber Vorwürfe, und verarbeiten kann man den Tod eines Kindes wohl nie. Man hatte ihm seine Liebste genommen und dazu seine grosse Aufgabe, die Pflege seiner kranken Tochter. Aber man muss auch sagen: Er und Teresa gingen sehr offen mit Laras Tod um, redeten immer wieder darüber. Und man hatte den Eindruck, er hätte das sehr gut bewältigt. Deshalb kann man es auch nicht vereinfachen und sagen, Laras Tod hätte ihn in die zweite Depression getrieben.

Was wollen Sie mit Ihrem Buch erreichen?
Ich hatte ja nicht den grössenwahnsinnigen Ansatz, die Welt zu verändern, wie manche Leute in den Reden nach Roberts Tod . . .

. . . die Sie gestört haben?
Nein, man muss doch bedenken, dass diese Reden danach nur Ausdruck unserer Hilflosigkeit waren, beseelt von unserem Wunsch, es irgendwie besser zu machen. Ich wollte mit meinem Buch nicht aufzeigen, warum und woher Depressionen kommen, das können auch die Wissenschaftler nicht. Aber ich wollte beschreiben, was Depressionen sind, was jemand erlebt und durchmachen muss, der darunter leidet. Und ich war ergriffen von den Reaktionen, die ich bekommen habe, von Sportlern, die sich melden, von vielen Leuten.

Hat sich also vielleicht doch etwas verändert im Umgang mit dieser Krankheit, wird eine Schwäche auch im Spitzensport weniger als Makel angesehen?
Ich glaube schon. Der Psychologe der deutschen Fussballnationalmannschaft, Hans-Dieter Hermann, hat mich angerufen und gesagt, er würde spüren, dass die Spieler einen anderen Umgang mit der eigenen Schwäche hätten. Sie würden es nicht mehr als so schlimm empfinden, wenn sie Probleme mit dem Druck hätten.

Wie gehen Sie selber mit allem um?
Es ist für mich sehr schwierig, dass ich jetzt wieder «normal» über Fussball schreiben sollte. Ich habe es noch nicht geschafft, wieder ins Stadion zu gehen und Fussball als Freude zu erleben.

Müssen wir Journalisten mit diesem Thema anders umgehen? Müssten wir mehr spüren und erkennen, dass jemand mit dem Druck nicht mehr umgehen kann?
Es ist nicht leicht für mich als Journalist, darauf zu antworten, ohne dass es aussieht, dass da einer spricht, der nun die anderen belehren will. Aber ich glaube schon, dass es eine journalistische Qualität sein müsste, sich immer hineinzuversetzen ihn jemand, über den man schreibt. Kritik sollte nicht daraus bestehen, jemanden abzufertigen. Ich glaube, dass gerade im Sportjournalismus eine Position des kritischen Verständnisses für die Protagonisten uns zu besseren Journalisten machen würde.

Haben Sie sich während Ihrer Recherchen auch selber Vorwürfe gemacht, dass Sie nichts bemerkt haben?
Diese Frage stellt sich natürlich jeder, der an Roberts Leben beteiligt war: Was hätte ich anders machen können, was hätte ich sehen können? Für mich war das Erschreckende, zu erkennen, von welchen Zufällen es abhängt, ob jemand überlebt oder zuletzt den Selbsttod wählt. Robert war zwei Wochen vor seinem Suizid bereit, in eine Klinik zu gehen. Teresa sagte zu ihm: «Ruf jetzt gleich beim Adoptionsamt an und sag es ihnen» (sie hatten inzwischen ihre zweite Tochter, Leila, adoptiert). Teresa dachte, wenn die es wissen, dann muss er in die Klinik, weil es jetzt öffentlich ist, dann kann er nicht mehr zurück. Robert rief an, doch die Frau vom Adoptionsamt war ausgerechnet in diesem Moment nicht im Büro anwesend. Fünf Minuten später bekam Robert wieder Angst vor der Klinik und sagte: «Nein, nein, ich gehe nicht.»

Was hatten Sie für ein Gefühl, als das Buch fertig war?
Eine grosse Leere. Das Gefühl, verloren zu sein in der Welt. Es war schwieriger, fertig zu sein mit diesem Buch, als es geschrieben zu haben. Am 6. August schrieb ich den letzten Satz, drei Monate später kämpfe ich immer noch damit, ins Berufsleben zurückzukehren.

Was war die schönste Reaktion, die Sie in den letzten Wochen bekommen haben?
Eine Frau, die Robert kannte, hat mir geschrieben, sie möchte sich bedanken für das Buch, sie könne Robert aus den Seiten lächeln sehen.

Erstellt: 10.11.2010, 08:35 Uhr

Ronald Reng: Journalist und Buchautor, geboren 1970 in Frankfurt, lebt seit fünf Jahren in Barcelona. (Bild: Keystone )

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