Der Unverstandene

Einst ein grosses Talent im Schweizer Fussball, spielt Baykal Kulaksizoglu nun beim Erstligisten Tuggen und trifft heute im Cup auf seinen Ex-Club Basel.

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Dass er als 30-Jähriger über ein anstehendes Cupspiel zwischen dem FC Basel und dem FC Tuggen sprechen würde – Baykal Kulaksizoglu konnte sich das als junger Fussballer gut vorstellen. Als U-21-Nationalspieler der Schweiz, der an der EM 2004 vor allem mit einem Traumtor gegen Portugal (2:2) auffiel und darauf Angebote erhielt aus der Bundesliga, der Serie A, der Primera División, aus Holland. Eine aufregende Laufbahn war vorgezeichnet. Und den Herbst seiner Karriere, den würde er dann vielleicht in der Schweiz verbringen, beim besten Team des Landes. Zurückgekehrt aus den grossen Ligen Europas.

Baykal Kulaksizoglu ist im Mai 30 geworden, er sitzt an diesem Mittwoch in einem Restaurant beim Bahnhof Winterthur. Und ja: Er spricht über eben dieses Cupduell von heute Sonntag, er sagt: «Wir freuen uns auf den Meister, den Champions-League-Teilnehmer.» Er, den alle nur Baykal nennen, ist nicht Spieler des FC Basel. Er ist im 3000-Seelen-Dorf Tuggen gelandet, seine sportliche Realität heisst 1. Liga Promotion, «keine schlechte Sache», wie er sagt.

Aber auch nicht das, was seinen Ansprüchen gerecht wird. «Ich könnte jedem Challenge-League-Team helfen», ist er überzeugt. Interesse war da im Sommer, von Winterthur, Vaduz, Wil, Servette. «Es kam aus verschiedenen Gründen nicht zu einem Abschluss, manche haben einfach andere Spieler für meine Position geholt», sagt er. Wie in Winterthur. «Schade, es wäre eine Lösung vor der Haustür gewesen», sagt Baykal, der mit Frau, Tochter, 7, und Sohn, 3, in der zweitgrössten Stadt des Kantons Zürich wohnt.

Die Auseinandersetzung mit Christian Gross

Es war wohl – wie so oft – auch sein ihm vorauseilender Ruf, der ein Engagement verhinderte. Baykal polarisiert, eckt an, «man mag mich, oder man mag mich nicht. Es gibt nichts dazwischen.» Und es kommt vor, dass er sich mit dem Trainer anlegt. Wie damals, in der Saison 2005/06, als er mit 22 und über GC und Thun zum FC Basel kam. Christian Gross war dort Trainer – und Baykal unzufrieden mit dessen Entscheid, ihn auf der Aussenposition einzusetzen statt im defensiven Mittelfeld.

Er marschierte in dessen Büro, äusserte seinen Unmut. Gross wies ihn aus dem Raum, Baykal kam noch zu ein paar Einsätzen, ehe er vom Trainer nicht mehr beachtet wurde. «Ich war jung, ich würde das heute nicht mehr so machen. Im Nachhinein muss ich sagen: Eigentlich wollte er mich ja im Team haben, wenn auch nicht auf meiner bevorzugten Position», sagt Baykal. Es war der Anfang einer Odyssee, die ihn über Köln (sein ehemaliger Thun-Trainer Hans-Peter Latour hatte ihn geholt) zunächst zu YB führte, wo er nach einem Achillessehnenriss wieder aufgebaut wurde. «Ich bin in Bern aufgewachsen, ich war eine Bezugsperson für die Zuschauer», sagt er. Dennoch wollte er nur einen Vertrag über eineinhalb Jahre, er strebte die Rückkehr in die «beeindruckende» Bundesliga an. Im Rückblick sagt er: «Ich hätte für fünf Jahre unterschreiben sollen.» Denn seine nächste Station war nicht in Deutschland, sondern Aarau.

Ein Angebot von Bursaspor in der ersten türkischen Liga hatte er zuvor abgelehnt. Aarau stieg mit Baykal in die Challenge League ab, Bursaspor wurde Meister. «Eben: Das sind alles so Sachen. Ich entschied mich gegen Bursaspor, weil mir der Mut zum Risiko fehlte. Das einzige Mal in meiner Karriere», kommentiert der schweizerisch-türkische Doppelbürger. Die Reise ging weiter, führte über Karsiyaka Izmir (Tür) und Lokomotive Sofia (Bul) nach Schaffhausen in die 1. Liga Promotion. Das war im Sommer 2012. Baykal wurde Captain, genoss das Vertrauen von Trainer Maurizio Jacobacci. Der Druck stieg, als das Team nicht so dominierte, wie man sich das in der Nordostschweiz vorgestellt hatte, die Stimmung war angespannt, Spieler litten. «Sie kamen zu mir, manche weinten», beschreibt Baykal. Er konfrontierte Jacobacci damit während einer Besprechung, «von den Mitspielern wurde ich plötzlich nicht mehr unterstützt». Es dürfte eine heftige Auseinandersetzung gewesen sein. Jedenfalls wurde Baykal zunächst suspendiert, später als Captain abgesetzt.

Zwei Tage nach dem Aufstieg der Rausschmiss

Er hätte im Winter gehen können. Doch er blieb und «leistete einen wesentlichen Beitrag» (Baykal), dass Schaffhausen in die Challenge League aufstieg – dank eines Treffers von Patrick Rossini per Kopf in der 93. Minute im letzten Spiel gegen YF Juventus. Die Flanke hatte Baykal geschlagen. Zwei Tage danach und nach einem Anruf Jacobaccis war er wieder auf Jobsuche.

Die Geschichte ist für Baykal erledigt, «wir haben uns ausgesprochen». Für die Suche nach einem neuen Club aber war sie wenig förderlich. Der 30-Jährige sagt: «Ich bin einfach so. Wenn es zu viel wird, muss ich es rauslassen. Wenn ich etwas ungerecht finde, muss ich das ansprechen. Dann ist es mir egal, wer vor mir steht.» Er habe auch schon versucht, daran etwas zu ändern, «aber das bin nicht ich, ich funktioniere nicht wie ein Roboter. Vielleicht war ich manchmal zu ehrlich, zu forsch, habe zu oft wie ein Trainer gedacht, mir zu viel überlegt. Es wäre einfacher, wenn ich ein Dummkopf wäre. Dann wäre ich wohl Nationalspieler, die Qualitäten dazu habe ich.»

Es ist ein Satz, der zeigt, weshalb Baykal auch aneckt: An Selbstbewusstsein mangelt es ihm nicht. Auf dem Platz wirkt er auf manche überheblich, er weiss das. «Aber ich bin es nicht, auch wenn ich aufrecht gehe und meinen Kopf hoch trage.» Er sieht sich «in eine Schublade gesteckt. Ich finde es schade, dass sich die Leute nicht mehr die Zeit nehmen, sich mit mir hinzusetzen, um zu sehen, wer ich bin.»

Baykal schaut ernst mit seinen stechend blauen Augen, lehnt sich zurück. Er weiss, dass er sich mit seiner Art viel selber verbaut hat, aber genauso, dass er sich nie verstellen will. (SonntagsZeitung)

Erstellt: 10.11.2013, 12:12 Uhr

FC Tuggen - FC Basel

Tagesanzeiger.ch/Newsnet berichtet ab 14.30 Uhr live vom Cup-Spiel Tuggen - Basel.

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