Der Wahlkampf des Emotionsbolzen

Als Captain der wiedererstarkten Gladbacher macht Granit Xhaka Werbung für Interimstrainer André Schubert. Heute empfängt der Club in der Champions League Juventus.

So sieht Erfolg aus: Granit Xhaka jubelt mit Mo Dahoud und Lars Stindl (von links). Foto: Keystone

So sieht Erfolg aus: Granit Xhaka jubelt mit Mo Dahoud und Lars Stindl (von links). Foto: Keystone

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Granit Xhaka ist ein viel beschäftigter Mann. Der Mittelfeldchef der Nationalmannschaft ist bei seinem deutschen ­Arbeitgeber Borussia Mönchengladbach zum Captain aufgestiegen. André Schubert, der seit der Selbstdemission von Lucien Favre übergangsweise das Gladbacher Ensemble betreut, hat Xhaka die Binde anvertraut. Es war eine pädagogisch wertvolle Entscheidung, denn mit dem Stoffstück ist der 23-Jährige reifer geworden, es hat ihn gewissermassen diszipliniert. «Granit macht das sehr gut», sagt Schubert. Xhaka ist gemacht für so einen Job. Er ist Kämpfer und Stratege zugleich. Und einer, der an seinen Aufgaben wächst. Im Nationalteam hat Xhaka sich zu einer Führungsfigur entwickelt, nun ist er auch im Club offiziell der Anführer, der er sein will.

Den Bänderriss «vergessen»

Auf dem Platz setzt er das vorzüglich um. Er gibt Kommandos, organisiert das Spiel und geht voran. Beim 4:1 in Berlin übernahm er auch die Verantwortung als Elfmeterschütze und traf zum 3:0. Dass er fast zwölf Kilometer rannte, die meisten Pässe spielte und öfter als alle anderen den Ball hatte, zeigt, dass Xhaka tatsächlich das Zentrum des ­Borussen-Spiels ist. Als Captain darf Xhaka, an dessen Seite der 19-jährige Mo Dahoud verblüffend gut spielt, auch ­etwas mehr reden – das kommt dem Emotionsbolzen entgegen. Dass er seit Wochen mit einem Bänderriss im Fuss spielt, «habe ich vergessen», sagt Xhaka. Ein Tapeverband, tägliche medizinische Versorgung und literweise Adrenalin während der Spiele lassen die Verletzung nicht zum Problem werden.

Xhaka ist aber nicht nur ein Leader. Er ist auch Wahlkämpfer. In Berlin machte er einmal mehr Werbung für eine Langzeitverpflichtung Schuberts. Sechs Bundesliga-Siege in Folge plus das 2:0 im Cup auf Schalke und gute Darbietungen in der Champions League, unter anderem die defensiv überaus disziplinierte beim 0:0 in Turin, sind für Xhaka Grund genug, Schubert als den «neuen perfekten Trainer» einzustufen, den ­Manager Max Eberl sucht. «Wenn wir so oft gewinnen, so viele Punkte holen und so gut spielen, hat auch der Trainer ­Anteil daran. Wir würden ihn gern ­behalten», sagt Xhaka. Heute wollen er und seine Kollegen in der europäischen Spitzenklasse Juventus schlagen. Es wäre Gladbachs Debüt-Sieg in der ­Champions League.

Doch wie hat dieser André Schubert aus einer Mannschaft, die in sechs Pflichtspielen am Stück unterlag und alle fussballerische Qualität verloren zu haben schien, ein Erfolgsteam geformt? Zwar hat er eine technisch und taktisch ausgezeichnet geschulte Mannschaft übernommen, doch das Vertrauen in die eigene Stärke war ihr komplett abhandengekommen. Favre konnte das nicht mehr beleben, so lautete auch die Selbsteinschätzung des Waadtländers. Vielleicht war es sein Ansatz, vor allem Fehler anzusprechen und so Spieler und Team zu entwickeln, der am Ende die Mannschaft hemmte. Schubert, so berichten seine Anvertrauten, arbeitet eher das Positive heraus.

Eberl lässt sich nicht blenden

In Berlin spielte Gladbach zeitweise ­Fav­re-Fussball in Reinkultur: Der Ball lief wie am Schnürchen hin und her, tiki-taka-­tiki-taka. Das geduldige Warten auf die Lücke mit hoher Passfrequenz ist alte Favre-Schule. Der Schubert-Touch ist, dass die Gier nach dem Tor grösser geworden ist. Schneller als früher wird der Abschluss gesucht – und das aus allen Lagen. Zudem hat Schubert die Aussenverteidiger mit mehr Offensivauf­gaben ausgestattet (in Berlin trafen dann auch Oscar Wendt und Havard Nordtveit).

Die Spieler fühlen sich freier, sagen sie, und tatsächlich dürfen sie bei Schubert etwas selbstbestimmter agieren, zum Beispiel sind sie selbst für die Kreation der Standards zuständig. Es wird auch höher gepresst. Letztlich sind es aber kleine Dinge, die den grossen Unterschied ausmachen, Details, ganz so, wie es Lucien Favre stets sagt. Der einzige grosse Unterschied zum Saisonstart ist: «Wir machen Tore», sagt Xhaka. 24 sind es wettbewerbsübergreifend seit Schubert im Amt ist.

Max Eberl versichert, dass er sieht, was Schubert macht, und dass er auch die Signale aus dem Team wahrnimmt. Gleichwohl bleibt der Sportchef dabei: «Wir nehmen uns Zeit, die richtige Entscheidung zu fällen.» Er lässt sich nicht vom Erfolg blenden, er will genau aus­loten, ob es auch langfristig passen kann mit Schubert. Eberl, der sicherlich die anstehende Länderspielpause für ­Gespräche und Gedankenspiele nutzen wird, will einen Trainer, der Favres Erbe annimmt und mit eigenen Ansätzen weiterentwickelt. Schubert ist in einer Echtzeit-Bewerbungsphase.

Gruppendritter als Mindestziel

Heute gegen Turin kommt die nächste Probe. Gladbach will sich die Chance erhalten, mindestens Gruppendritter zu werden. «Das ist unser Ziel», sagt Granit Xhaka. Er lässt keinen Zweifel daran, dass mindestens das klappen wird. Das Überwintern im Europacup wäre zugleich auch weiterer Wahlkampf für Schubert. «Wir können nur unsere Leistung auf dem Platz bringen, alles andere muss der Vorstand entscheiden», sagt Xhaka.

Erstellt: 02.11.2015, 22:50 Uhr

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