Der Zuschauer, der gegen die Schweiz mitstürmt

Dani Alves ist verletzt und verpasst die WM. Der brasilianische Verteidiger wird beim Zuschauen wieder zum Kind.

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Sonntag in Rostow am Don: Danilo zieht an Ricardo Rodriguez vorbei, er flankt von der rechten Seite in den Schweizer Strafraum. Der Ball ist etwas zu lang, Yann Sommer kommt nicht heran, aber am weiten Pfosten steht Neymar, wo Neymar zu stehen hat. Brasilien jubelt.

Sonntag in Brasilien: Ja, auch Dani Alves jubelt. Dani Alves weiss aber auch: Eigentlich hätte er selber diese Flanke auf Neymar schlagen sollen. Eigentlich wäre er es, der jetzt mit Neymar an der Eckfahne ein Jubeltänzchen vorführen sollte.

Wäre da nicht der 8. Mai

Eigentlich. Wäre da dieser 8. Mai nicht gewesen. «Als ich den Schmerz im Knie fühlte, verliess meine Seele meinen Körper. Schon im Moment, als ich zu Boden ging, wusste ich, dass ich nicht im Flugzeug nach Russland an die WM sitzen würde.» So beschreibt Alves seinen Kreuzbandriss wenig später in «The Players' Tribune».

Er sagt: «Ich habe nur ein einziges Mal darüber geweint, da war ich alleine. Ich will nicht, dass jemand um mich weint. Ich will nicht, dass jemand Mitleid mit mir hat. Ich habe meine Träume gelebt. Dani Alves fährt nicht an die WM, aber ich bin noch immer derselbe verrückte Typ.»


Wilder Ritt auf russischem Panzer

Spektakel im Militärmuseum von Toljatti. Video: Sebastian Rieder

Und dann beginnt er zu erzählen, wie er die WM mitverfolgen wird: mit derselben Leidenschaft, die er als Kind empfand. Damals, während der WM 1994, als der 11-jährige Dani vor einem Fernseher aus den 70er-Jahren sass. Sein Vater hatte die Antenne mit Stahlwolle umwickelt, damit der Empfang zumindest ein bisschen besser war.

«Sie sind Fans, aber sie schauen nur zu»

Alves wuchs im brasilianischen Nirgendwo auf, geprägt von einem fussballverrückten Vater. Im Hause Alves war während der WM «das Zentrum der Welt». Das 50-köpfige Dorf scharte sich um den kleinen Fernseher und schaute dem Nationalteam zu. Nein, es schaute nicht nur zu, es spielte mit.

«In England, in Frankreich, in Deutschland lieben sie Fussball. Sie sind Fans, sie sind leidenschaftlich, aber sie schauen nur zu. Wir in Brasilien, wir schauen nicht nur zu. Wir spielen mit ihnen. Als sie 1994 angriffen, griffen wir mit ihnen an. Als sie verteidigten, verteidigten wir mit ihnen.»

Sehen Sie in der Bildstrecke alle Testspiel-Resultate der WM-Teams.

«Wir kreuzten unsere Finger, wir waren so angespannt, dass wir schwitzten, als ob wir wirklich spielen würden. Ich konnte nicht stillsitzen. Also holte ich einen leeren Korb, wo mein Vater normalerweise Düngemittel lagerte. Ich stellte ihn verkehrt herum auf den Boden, begann mit meinen Händen darauf zu trommeln – und dann sangen wir alle.»

Brasilien zum Sechsten? Alves glaubt daran

Bald wurde Alves zu einem, dem ganz Brasilien zuschaut. 2010 und 2014 durfte er sein Land an der Weltmeisterschaft vertreten. Alves glaubt, dass Brasilien in Russland Grosses erreichen kann: «Ich bin seit bald 12 Jahren im Nationalteam. So stark war der Zusammenhalt innerhalb der Mannschaft noch nie. Wir haben Talente und Superstars, aber noch wichtiger ist unser Trainer. Er hat uns gezeigt, dass wir perfekt harmonieren müssen, um unsere Träume zu verwirklichen. Ich glaube, dass dieses Team den Titel gewinnen kann.»

Sonntag, 15. Juli, Moskau: Danilo flankt im WM-Final von der rechten Seite, der Ball ist etwas zu lang. Am weiten Pfosten steht Neymar, wo Neymar zu stehen hat. Brasilien jubelt.

Dani Alves weiss: Eigentlich…

Dani Alves sagt: «Wenn wir den WM-Final gewinnen, werde ich nicht herumschreien. Es wird kein Wort aus mir herauskommen. Ich werde gar nichts sagen. Ich werde nur weinen.» (te)

Erstellt: 13.06.2018, 21:00 Uhr

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